Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 105

Bye-bye, Claudia Schiffer!

Von Ute Thon

Krisenlektüre: Isabelle Graws neues Buch analysiert die unvermeidliche Allianz zwischen Kunst und Markt

BUCH DES MONATS

Das Timing für Isabelle Graws neues Buch "Der große Preis" könnte auf den ersten Blick kaum schlechter sein.

Denn wer will angesichts der Finanzkrise, die auch aus dem überdrehten Kunstmarkt den Dampf abgelassen hat, noch etwas lesen über "Kunst zwischen Markt und Celebrity Kultur"?

Doch hinter dem reißerischen Titel verbirgt sich eine anspruchsvolle Analyse der Verhältnisse. Graw, Herausgeberin der "Texte zur Kunst" und Städelschul-Professorin, stellt fest, dass der Markterfolg von Künstlern zum Maß aller Dinge geworden ist und die vielgepriesene künstlerische Autonomie untergräbt: Hohe Auktionpreise werden zu ultimativen Gütesiegeln, der Marktwert verdrängt den Symbolwert der Kunst und die Sammler, die einst auf Kunstwissen und Geschmack vertrauten, orientieren sich nur noch am Hype. Ihre Kernthese, dass Kunst und Markt keine getrennten Universen sind, sondern in einem spannungsreichen Wechselverhältnis stehen, ist zwar nicht sonderlich originell. Und auch die zitierten Theoretiker - Pierre Bourdieu, Michel Foucault, Niklas Luhmann, Jacques Lacan - sind nicht mehr taufrisch. Doch Graw mischt ihre eigenwillige poststrukturalistische Dialektik mit anschaulichen Beispielen. So reflektiert sie die Erfolgskarrieren von Gustave Courbet, Andy Warhol und Damien Hirst und erinnert gleichzeitig daran, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass ökonomischer Erfolg der künstlerischen Glaubwürdigkeit eher im Wege stand. Oder sie wirft die Frage auf, warum es im Kunstbetrieb heute so wenig fundierte Verrisse gibt. Weil ein zwanghafter "Networking-Imperativ" Kritiker und Kuratoren zum ständigen Kooperieren verpflichtet. Und da hackt bekanntlich eine Krähe der anderen ungern ein Auge aus. Apropos Augen: Auch wenn auf dem Buchcover ein hübsches Chanel-Mädchen posiert und Claudia Schiffer, Paris Hilton und Angelina Jolie im Text Erwähnung finden, "Der große Preis" ist kein leichtes Betthupferl. Eher schon heilsame Pflichtlektüre, eine Art Ausnüchterungskur nach der langen, gedankenverlorenen Kunstboom-Party.

Isabelle Graw: Der große Preis. Kunst zwischen Markt und Celebrity Kultur. DuMont Buchverlag. 256 S., 15 Abb., 19,90 Euro

Bildunterschrift:

Messen wie die Art Basel Miami Beach, hier der Stand von Jeffrey Deitch, entscheiden über den Marktwert von Kunst