Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 96-97

Fast so viel Stahl wie am Eiffelturm

Von Till Briegleb

Architektur: Das Porsche-Museum in Stuttgart - eine gewagte Konstruktion

Eigentlich ist das neue Porsche- Museum, das am 31.

Januar eröffnet wird, kein Haus, sondern eine Brücke - zumindest, wenn man es aus der Perspektive der Ingenieure betrachtet.

Denn die auf drei Stützen schwebende weiße Blase, für die 6000 Tonnen Stahl verbaut wurden (für den Eiffelturm waren es 7300 Tonnen), konnte nur dank modernster Konstruktionsmethoden aus dem Brückenbau realisiert werden. "Vor fünf Jahren", so der Wiener Architekt Roman Delugan, "hätte dieses Gebäude so nicht entstehen können." In einer Art Nestbautechnik mit 12 000 unterschiedlich geformten Stahlträgern wurde die große, vielfach geknickte Halle so konstruiert, dass die 80 historischen Porsche-Modelle in einem einzigen stützenfreien, hohen Saal auf mehreren Ebenen gezeigt werden können. Eine spiralförmige Straße, die im selben strahlenden Weiß gehalten ist wie der Innenraum, führt in einer leichten, verwinkelten Steigung an der Außenwand auf die drei Ausstellungsebenen.

Unterschiedliche Treppen - steile, flache, schmale, breite - überbrücken zusätzlich die Höhenunterschiede. Noch spektakulärer als die Innenwelt mit ihrer Gletscherhöhlen-Schönheit stellt sich das Äußere des auf geschätzte 100 Millionen Euro teuren und rund 24 000 Quadratmeter großen Automuseums dar. Mit ihm leistet sich Porsche als Letzter der großen deutschen Autobauer (nach Volkswagen, Daimler und BMW) eine Erlebnisarchitektur als Visitenkarte.

Auch hier setzen große Knicke und eigenwillige Kanten einen Gegenakzent zur Porsche-Schule der eleganten Kurven, entwickeln dabei aber ihre ganz eigene dynamische Linie. Da der Baukörper hochgestemmt ist, bis zu 60 Meter frei schwebend auskragt und eine abstrakt organische Form hat, erscheint er wie ein monströser Rochen, der im Wasser steht. Zumal der Bauch des Ausstellungskörpers verspiegelt wurde, was die Meeresassoziation verstärkt.

Um das dreibeinige Gebilde zu betreten, das die späte Erfüllung konstruktivistischer Architekturvisionen der zwanziger Jahre zu sein scheint, geht man unter ihm hindurch zu einem geduckten, natürlich weißen, zackigen Lobbygebäude mit Café, Shop und gläserner Oldtimerwerkstatt. Von hier sticht dann eine spitz zulaufende Rolltreppe direkt in den Bauch des schönen Ungetüms.

Wie gewagt diese Architektur tatsächlich war, beschreibt Projektleiter Martin Josst mit einer Anekdote. Als er den Statiker einmal fragte, ob wirklich nichts schief gehen könnte, antwortete dieser: "Ich habe immer einen vollgetankten Porsche vor der Baustelle stehen."

Internet: www.porsche.com

Kasten:

Elke Delugan-Meissl, 49, und Roman Delugan, 45, haben ihr Wiener Büro 1993 gegründet. In nur wenigen Jahren gelang es den Architekten, die sich bevorzugt mit experimentellem Wohnungsbau beschäftigen, zu Global Playern der Branche aufzusteigen. Als moderne Vertreter einer dekonstruktivistischen Formentradition entwickelte das gefragte Büro einen sehr speziellen, kantig-verschlungenen Stil, der sowohl zu ungewöhnlichen Villen, Geschossbauten und Altbaumodernisierungen wie zu komplexen Museumsentwürfen führte. Gefaltete und schwebende Komponenten vereinen sich zu Hausorganismen, die Witz und Erhabenheit zugleich besitzen. Weitere Bauten und Projekte: Haus Ray 1 in Wien (2003), Hochhaus Wienerberg (2005), Appartement Oberlech (2006) und Filmmuseum Amsterdam (2010). Internet: www.deluganmeissl.at

Bildunterschrift:

Spektakulär: Das neue Stuttgarter Porsche-Museum ruht auf drei gewaltigen Stützen - eine Rolltreppe (oben links) führt in die große, strahlend weiß gehaltene Ausstellungshalle hinein, wo legendäre Porsche-Modelle zu sehen sind

Elke Delugan-Meissl und Roman Delugan (beide links vorn im Bild) mit ihrem Team

Wohnhaus von Delugan Meissl Associated Architects in der Wiener Steigenteschgasse