Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 86
Grandiose Spiegelfechtereien
Von Michael Kohler
SIEGEN: BLICKMASCHINEN ODER WIE BILDER ENTSTEHEN
Zeitgenössische Künstler entdecken die optischen Apparate des 19. Jahrhunderts neu. Im digitalen Zeitalter ist es eine Binsenweisheit, dass man einem Bild nicht ohne weiteres trauen kann.
Doch bereits die Menschen des 19. Jahrhunderts waren regelrecht von der Vorstellung besessen, dass unsere Wahrnehmung uns betrügt, und spielten diese Erkenntnis mit zahllosen optischen Geräten durch. Sie hatten sprechende Namen wie "Laterna Magica", "Hexenspiegel" oder "Fantaskop" und erfreuen sich heute bei Künstlern wie Olafur Eliasson, William Kentridge oder Thomas Ruff wieder wachsender Beliebtheit. Im Gegensatz zum digitalen Computerchip führen uns die alten Apparate nämlich anschaulich vor, wie sie in die Irre führen.
Im Siegener Museum für Gegenwartskunst stehen sich die alten "Blickmaschinen" - sie stammen sämtlich aus der weltweit einzigartigen Sammlung des Filmemachers Werner Nekes - und ihre modernen Nachfolger in einer wahren Wunderkammer gegenüber. In diesem Nebeneinander sieht man sofort, worauf sich Olafur Eliasson mit seinen aus Licht und Schatten "gebauten" Wandbildern bezieht, und erkennt zugleich das spezifisch Moderne an seinen streng geometrisch ausgerichteten Installationen.
Gleiches gilt für William Kentridges Trickfilm "What Will Come" (2007), dessen kunstvoll verzerrte Bilder sich erst mit Hilfe eines spiegelnden Metallzylinders entschlüsseln lassen.
Während diese "Anamorphose" ge taufte Technik bereits seit dem 16.
Jahr hundert bekannt ist, nutzt der Brite Steven Pippin das vergleichsweise neue Prinzip der Lochkamera: Für seine Fotoserie "Lavatory locomotion" (1997) baute er sechs Urinale zu Fotokästen um und entwickelte die Aufnahmen anschließend mit Hilfe der Toilettenspülung.
Neben derlei kuriosen Tüfteleien gibt es mit Dieter Kiesslings "Glühbirne" (1994) auch etwas schlichtweg Geniales zu sehen: Der Düsseldorfer Künstler setzte einem handelsüblichen Diaprojektor ein von ihm selbst entwickeltes Objektiv auf und lässt ihn nun das Abbild seiner eigenen Projektionslampe an die Wand werfen.
Termin: bis 10. Mai. Katalog: DuMont Verlag, 39,90 Euro, im Buchhandel 49,90 Euro. Internet: www.mgksiegen. de, www.blickmaschinen.de
Bildunterschrift:
Roland Stratmann baut Lochkameras aus Pappkartons: "Upside Down. Plantagenrausch" (2008)
