Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 99
Der neue Trend zur Beletage
Von Kito Nedo
Szene: Galeristen entdecken Berliner Etagengalerie neu
Die Etagengalerie", sagt die Galeristin Eva Poll, "ist eine Alt-Berliner Form." Und kaum jemand kennt die Berliner Kunsthandelsgeschichte so gut wie die 70-Jährige, die vom Berliner Galeristenverband zur Ehrenpräsidentin ernannt wurde. Nach mehreren Umzügen residiert ihre Galerie seit 1979 in einer großzügigen Beletage im ersten Stock am Lützowplatz, im Herzen des alten West-Berlin. Ihre Schauräume verströmen den knarzenden Charme von 30 Jahren Ausstellungsbetrieb und wirken wie eine Antithese zu den kühlen, großen White Cubes von Contemporary Fine Arts gegenüber der Museumsinsel.
Doch für Poll sind 30 Jahre Etage genug. Sie zieht bald in ein Galerienhaus in Mitte.
Ein Ende jener "Alt-Berliner Form" ist aber nicht zu befürchten.
Gerade bei den Zuzüglern, die sich im hauptstädtischen Kunstbetrieb aus der Masse hervorheben wollen und deshalb bewusst Galerienhäuser, sanierte Industriegebäude oder verlassene Ladengeschäfte in Trendbezirken meiden, ist die Etagengalerie beliebt:
So eröffnete der Kölner Daniel Buchholz seine Hauptstadtdependance demonstrativ nicht in Mitte, sondern im gutbürgerlichen Charlottenburg. Auch die Italienerin Isabella Bortolozzi zog von Mitte auf die Westseite des Potsdamer Platzes, wo sie nun in rustikalen, holzvertäfelten Räumen arbeitet. Eigentlich sei die ehemalige Wohnung mit dem schier endlosen Korridor für Ausstellungen nicht geeignet, erklärt die Galeristin. "Doch das ist es gerade, was mich interessiert." Zweigleisig fahren Aurel Scheibler und Alexander Schröder. Beide betreiben eine White-Cube-Galerie in Mitte und je noch eine Etagengalerie:
Scheibler in Charlottenburg, Schröder in Kreuzberg.
Während sich Scheibler über bessere Umsät ze und die kontemplative Ruhe abseits des Trubels freut, expe rimentiert Schröder mit seinem Ausstellungsraum "Mehringdamm 72", der sowohl als Showroom der eigenen Sammlung als auch als Bühne für Einzelschauen etwa von Katharina Sieverding oder Cerith Wyn Evans dient.
Internet: www.poll-berlin.de, www. galerie buchholz.de, www.bortolozzi.com, www.aurelscheibler.com, www.mehringdamm72.de
Bildunterschrift:
Galeristin Eva Poll vor der Skulptur "Artisten I" von Waldemar Grzimek
Schätzen das Wohnungsflair:
Aurel Scheibler und Isabella Bortolozzi
