Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 98
Ein Haus mit Gehirn und Hand
Von Hans Pietsch
Ausstellungen: Lathams Heim in London für Besucher offen
E in überdimensionales blaugelbes Buch ragt aus dem großen Fenster im Erdgeschoss des schmalen Hauses 210 in der Bellenden Road im Süden von London. Hier hat John Latham (1921 bis 2006) über 20 Jahre lang gelebt und gearbeitet. Das Buch als Vermittler von Sprache und Wissen spielt im Werk des britischen Konzeptkünstlers eine gewichtige Rolle.
Und auch sein Haus war für ihn nicht einfach ein Haus, sondern eine "lebende Skulptur".
Die Fassade nannte Latham "Das Gesicht", und jedem Raum seines Heimes gab er je nach Funktion einen Namen. Im ersten Zimmer, das er "Verstand" nannte, empfing er Besucher und erläuterte ihnen seine auf dem Phänomen Zeit beruhende Theorie. Er kritisierte das lineare Verständnis von Zeit.
In seinem Universum war sie ein Kontinuum, in dem Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit ineinander verschmelzen. Im nächsten Raum, dem "Gehirn", schrieb der Künstler und erledigte seine Korrespondenz. Über einen Korridor gelangt man in das "Körperereignis": Hier waren "Essen, Schlafen und Klempnerarbeiten" angesagt, wie es Latham selbst kauzig formulierte.
Es folgt "Die Hand" - sein Atelier, wo ein Großteil seiner Werke entstand.
John Latham, der stets eine Verbindung von künstlerischer und wissenschaftlicher Arbeit anstrebte, wurde oftmals missverstanden.
Dennoch zählt er zu den einflussreichsten britischen Nachkriegskünstlern.
Nach seinem Tod hat die John-Latham-Stiftung sein skurriles Londoner "Flat Time House" übernommen und es inzwischen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Seit Oktober vergangenen Jahres wird in ihm für zehn Monate in verschiedenen Wechselausstellungen das vielschichtige OEuvre Lathams vorgestellt.
Internet: www.flattimeho.org.uk
Bildunterschrift:
Kann besichtigt werden:
John Lathams "Flat Time House" in London
Konzeptkünstler John Latham
