Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 85
Unheilige Offerten aus aller Welt
Von Hans-joachim Mller
KARLSRUHE: MEDIUM RELIGION
HANS-JOACHIM MÜLLERKommt der Glaube in den Massenmedien zu sich selbst? Das ZKM begegnet einem sperrigen Thema mit Pauschalisierungen. Vielleicht lässt sich ja doch nicht alles auf die Ausstellungsbühne zerren. Religion als Gegenstand kuratorischen Bemühens? Ein Nazarener-Jesus als Leuchtkasten mit McDonald's-Logo (Alexander Kosolapov); ein Video von der rituellen Schächtung zweier Kühe und Schafe (Jalal Toufic); Osama Bin Laden, der in einem Propagandavideo den Ungläubigen den Krieg erklärt; ein Selbstversuch in künstlicher Befruchtung mit den Spermien eines Toten (Susana Pilar Delahante Matienzo); Tom Cruise, der über "Scientology" doziert - es ist einem in dieser Ausstellung, als sei man auf eine Art Messe geraten, wo Religionshändler aus aller Welt ihre unheiligen Offerten machen.
Der eine hat mehr Ironie zu bieten, der andere mehr aufklärerische Korrektheit, hier gibt es ein bisschen Sensation, dort Folklore, Christoph Schlingensief ("Der König wohnt in Mir") ist wahnsinnig erregt, Christoph Büchel tut unglaublich cool: Die Palette mit 1000 Exemplaren der arabischen Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf", die der Künstler im Zentrum für Kunst und Medientechnologie abgestellt hat, spricht wirklich Bände.
Nur die rechte Lust, sich in abgründige Denkabenteuer zu stürzen, die will sich nirgendwo einstellen. Und spätestens vor dem monströsen Roboterarm der Künstlergruppe robotlab, der in gotischer Schönschrift und völlig ermüdungsfrei die Bibel von der Genesis zur Apokalypse schreibt und dazu tröstliche sieben Monate braucht, kommt einem dann doch der Verdacht, dass das Thema zu groß sein könnte - zu sperrig selbst für die geräumigen Hallen der Karlsruher Medienversuchsanstalt.
Dass es sich überhaupt irgendwo fassen und wuchten ließ, war nur mit dem Trick der schlichten Pauschalisierung zu leisten. Es geht nicht um Religionen, nicht um Unterschiede und Abgrenzungen, es geht um ein Gemeinsames, das der Kurator und Kulturphilosoph Boris Groys die "mediale Seite der Religion" nennt. Das Angebot, "in der Meinungslosigkeit zu verharren", mache die Religion heute attraktiv, meint Groys: Der Mensch der Religion sei kein Meinungsmensch, er sei "ein Mensch als Medium". Weshalb dann auch all die medialen Menschen ihren Auftritt bekommen, die vor ihrem Selbstmordattentat noch einmal mit den Ehrenzeichen der Schwerstbewaffnung vor der Videokamera posieren.
Dass sie's im Namen von "Religion" tun, mag ja sein. Aber dazu Perversion von Religion zu sagen, wäre auch nicht ganz falsch.
Dem Ausstellungsunternehmen gebricht es gewaltig an Bewusstsein für Qualität und Differenzierung. Dass etwa Religion gerade etwas mit Entschiedenheit in der Beliebigkeit zu tun haben könnte, mit Bedeutung in der Indifferenz des Bedeutungslosen, dafür ist kein Blick. So wenig wie für eine christliche Geschichte, die immerhin versucht hat, auf Wahrheitsansprüchen zu bestehen, ohne Wahrheitskonkurrenz gänzlich auszuschließen. Ist es wirklich so, dass einem dazu nicht mehr als die drei Kreuze einfallen kann, die der Österreicher Michael Schuster mit drei Dosen Pattex-Sprühkleber und der kläglichen Botschaft "Nie wieder Nägel" behängt?
Termin: bis 19. April. Katalog: zirka 29,80 Euro.
Internet: www.zkm.de
Bildunterschrift:
Erlösungsversprechen heute: Alexander Kosolapovs "This Is My Body" und "This Is My Blood" (2002)
