Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 75
Ein Künstler, zwei Persönlichkeiten
Von Ute Diehl
Ausstellungen des Italieners im Palazzo Donnaregina und im Museum Ritter
NEAPEL/WALDENBUCH: ALIGHIERO & BOETTI
Der italienische Arte-Povera-Künstler Alighiero Boetti (1940 bis 1994) hat viel über den Dualismus in der Welt nachgedacht, so viel, dass sich am Ende sogar seine Persönlichkeit spaltete.
Er wurde zu seinem eigenen Zwillingsbruder und nannte sich "Alighiero e Boetti".
Auf einer Fotomontage aus dem Jahr 1968 wandelt er einträchtig mit sich selbst durch eine Allee. Er sieht sich selbst beim Sonnenbaden zu, am Boden liegend, als locker aus Betonklumpen zusammengesetzte Silhouette (1969). Im Palazzo Donnaregina in Neapel ist das Lebenswerk des Künstlers jetzt fast vollständig ausgebreitet.
Italiens Starkritiker Achille Bonito Oliva ist Kurator der Ausstellung.
Auch das Museum Ritter im badenwürttembergischen Waldenbuch zeigt eine Schau des Italieners. Da das Museum sich vorzugsweise auf Kunst spezialisiert hat, in der das Quadrat dominiert, stehen hier die so genannten Arazzi im Mittelpunkt.
In diesen Arbeiten fügt Alighiero Boetti Wörter und Texte, in Quadraten gestickt, zu bunten Tableaus. Erst auf den zweiten Blick schälen sich die einzelnen Buchstaben heraus und fügen sich zu lesbaren Texten.
Textiles ist auch in Neapel zu sehen:
Eine große Zahl von Teppichen, die der Künstler in Afghanistan weben ließ, sind im Hauptsaal des Museums ausgebreitet.
Das archaische Afghanistan vermittelte Boetti ein Schlüsselerlebnis. Nach dem Ein rücken der sowjetischen Panzer (1979) fand er die Stickerinnen und Weberinnen seiner Buchstabenbilder und Landkartenteppiche in den Flüchtlingslagern von Peshawar. "Ich habe an diesen Arbeiten keinen Anteil", sagte er, "nur das Konzept stammt von mir." Kulturimperialismus der sanften Art.
Im Innenhof des Museums in Neapel steht die Bronzefi gur Boettis. Der Künstler stellte sich 1993 mit einem Schlauch in der Hand dar, aus dem Wasser über seinen Kopf fließt. Damals wusste er noch nichts von seinem Gehirntumor, an dem er wenige Monate später sterben sollte.
Termine: 21. Februar bis 11. Mai, Neapel; bis 19. April, Waldenbuch. Kataloge: Neapel, 40 Euro, im Buchhandel 45 Euro; Waldenbuch, 12,80 Euro.
Internet: www.museomadre.it, www.museum-ritter.de
Bildunterschrift:
"Ich nehme am 19. Januar 1969 ein Sonnenbad in Turin", Figur aus Beton
