Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 76

Inspiration von den Rändern der Kunst

Von Michael Kohler

Eine Ausstellung des französischen Art- Brut-Künstlers in der Langen Foundation

NEUSS: JEAN DUBUFFET

Der Ausruf "Das ist doch keine Kunst!" war im späten 19. Jahrhundert noch Ausdruck ehrlicher Empörung gegenüber allen Strömungen der Moderne.

Den Surrealisten aber war nur wenig später die bourgeoise Entrüstung Musik in den Ohren. Mit Marcel Duchamps Ready- Mades trat die Antikunst ihren Siegeszug durch die Museen an und drehte dem braven Bürger sein Urteil einfach im Mund herum. Am erfolgreichsten war darin Jahrzehnte später der Pop-Künstler Andy Warhol, am inbrünstigsten jedoch betrieb Jean Dubuffet (1901 bis 1985) die Ablehnung der traditionellen Malerei. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs begann der französische Weinhändler die Bilder von Geisteskranken, Autisten und Gefangenen zu sammeln und rief im Namen ihrer rohen Kunst eine neue Stunde Null aus.

"Art Brut" war geboren und sollte die Malerei zu den Ursprüngen zurückführen.

Jean Dubuffet war weder der erste Maler, der sich seine Inspiration von den Rändern der Kunst holte, noch der radikalste.

Dafür brachte er eine heilsame Ironie in die moderne Sehnsucht nach Erneuerung.

Einem berühmten Frühwerk gab Dubuffet den treffenden Titel "Der Hingeschmierte" (1955) und zauberte nicht nur dem Abgebildeten, sondern auch dem Betrachter ein Lächeln ins Gesicht. Diese heitere Poesie des Einfachen und Trivialen, die Rückkehr zu erdigen Materialien und ungekünsteltem Ausdruck zieht sich auch durch seine späteren Werkphasen bis zur geradezu quietschvergnügten "Hourloupe"-Serie der späten sechziger Jah re. Unter dem Titel "Ein Leben im Laufschritt" legt die Langen Foundation nun einen Querschnitt durch Jean Dubuffets bis heute höchst einfl ussreiches Schaffen.

Zu sehen sind rund 50 Werke, darunter prominente Leihgaben wie das aus dem Centre Pompidou kommende Gemälde "Le métafi syx" (1950) oder die große Arbeit "Automobile à la route noire" (1963) aus der Fondation Beyeler. Besonders gespannt darf man auf die 13 selten gezeigten Werke aus der hauseigenen Sammlung Viktor und Marianne Langen sein.

Das Strichfigurenpärchen von "Ménage en gris, outré mer et carmin" (1945) führt Dubuffets ansteckendes Vergnügen am schlecht Gemachten exemplarisch vor und offenbart zugleich die erstaunliche Detailversessenheit dieses spät berufenen Malers.

Termine: 1. Februar bis 24. Mai, Neuss; 19. Juni bis 30.

August, München, Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung.

Katalog: Hirmer Verlag, 25 Euro, im Buchhandel zirka 39,90 Euro. Internet: www.langenfoundation.de, www.hypo-kunsthalle.de

Bildunterschrift:

"Person mit Zweispitz" (1943, 73 x 60 cm)

Eine Sinfonie in Blau-Weiß-Rot:

"Die Streichung" (1965, 100 x 81 cm)