Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 80
Kunst für Hooligans und Anarchisten
Von Petra Bosetti
Drei Ausstellungen gesellschaftskritischer junger Künstler zeitgleich im Fridericianum
KASSEL: CYPRIEN GAILLARD, KLARA LIDÉN, MARC BIJL
Ein gewisser Hang zum Vandalismus, ein anarchistischer Geist, die Liebe zur Provokation und eine Portion Gesellschaftskritik sind Eigenschaften, die diese drei jungen Künstler eint: Der 1980 in Paris geborene Cyprien Gaillard, die Stockholmerin Klara Lidén (Jahrgang 1979) und, mit 38 Jahren der Älteste, der Niederländer Marc Bijl stellen jetzt in der Kunsthalle Fridericianum aus.
Marc Bijl, so die Veranstalter, setzt "soziale und politische Themen so intelligent wie provokativ und subversiv in Szene".
Zum Beispiel nimmt er in seinen Skulpturen, Installationen und Aktionen den Markenwahn auf die Schippe: Bijl goss etwa das flotte Markenzeichen des Sportswear- Herstellers Nike - den stilisierten Flügel der gleichnamigen griechischen Siegesgöttin - in Beton und platzierte das versteinerte Symbol auf einem Sportgelände in Berlin. Zur Fußball-Europameisterschaft 2000 produzierte er für den "potenziell gewaltbereiten Hooligan" orangefarben lackierte Ziegelsteine mit Nike- Slogan "just do it" (die er freilich nur über seine Galerie zum Kauf anbot). Bei einer ganz anderen Ikone, der attraktiven Computerspiel- und Filmfi gur Lara Croft, ertränkte er jeglichen Sexappeal mit ekligem schwarzem Teer. "La Rivoluzione Siamo Noi" - die Revolution sind wir - spielt auch auf das berühmte Beuys-Plakat mit dieser Parole von 1971 an.
Die Aktionskünstlerin Klara Lidén, die sich auch der Mittel des Videos und der Installation bedient, bricht symbolisch Konventionen. Sie tritt schon mal selber als Akteurin in ihren Filmen auf:
Da springt und tobt sie völlig hemmungslos und ungezwungen durch die Waggons von Nahverkehrszügen und löst bei den Mitreisenden starke Irritationen aus.
In seinen Filmen und Fotografien, Gemälden und Grafiken beschäftigt Cyprien Gaillard sich mit dem Verhältnis von Natur zu Architektur - Hochhäuser stellt er in verträumte Naturkulissen, versetzt Wohntürme in niederländische Landschaftsstiche des 17. Jahrhunderts und konfrontiert mexikanische Naturstätten mit Bauprojekten in der Bronx. Im Zuge seiner Auseinandersetzung mit der Natur widmet sich Gaillard auch der Land Art:
Die in einen See im US-Bundesstaat Utah gebaute Arbeit "Spiral Jetty" (1970) von Robert Smithson lässt er in einem Film in einer Qualmwolke verschwinden.
Termin: 17. Januar bis 15. März.
Internet: www.fridericianum-kassel.de
Weitere Abbildungen zur Ausstellung fi nden Sie unter: www.art-magazin.de/kassel
Bildunterschrift:
Klara Lidén: "Paralyzed", Video von 2003
Gaillard: "Homes & Graves & Gardens" (2007)
Lara Croft, mit Teer überschüttet: "La Rivoluzione Siamo Noi" (2002, Höhe 170 cm) von Marc Bijl
