Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 79
Ist die Kunst das bessere Leben?
Von Gerhard Mack
Das Kunstmuseum zeigt eine große Retrospektive des Schweizer Künstlers
LUZERN: URS LÜTHI
Der Kampf muss hart gewesen sein.
Der Mann hängt müde auf dem Stuhl, das Gesicht ist voller dunkler Flecken, den Pokal hält er gerade noch in der schlaffen Hand. Siegertypen sehen anders aus. Urs Lüthi hat sich 1976 auf dem Foto "Champion I" als abgehalfterten Kämpfer fotografiert, der illusionslos den Betrachter anschaut. Der Schmerz des Siegers ist zu groß, um optimistisch in die Zukunft zu blicken.
Lüthi versucht sich als Rollenspieler.
Er lungert mit spitzer Mütze auf dem Bett herum, sitzt fröhlich auf Aladins Teppich, inszeniert sich als Nummerngirl oder als Diva und bietet Dienstleistungen in Sachen Selbstfindung an: "I'll be your mirror" verspricht er auf einem Foto. Die Werbung "Lüthi weint auch für Sie" kann all jenen nützen, die über diese primäre Gefühlsregung nicht mehr verfügen. Auf diese Weise tastet der 1947 in Kriens bei Luzern geborene Künstler sich an die Grenze zwischen Leben und Kunst und fragt, was letztere für uns heute wohl sein könnte: Ist sie Modell, Ersatz oder Korrektur des Lebens? Sind Kunstwerke "Placebos and Surrogates", wie ein jüngerer Werkkomplex heißt? Oder ist Kunst gleich "das bessere Leben", wie Lüthi augenzwinkernd behauptet?
Das Kunstmuseum Luzern zeigt nun eine große Retrospektive, die von den frühen, von der Pop Art inspirierten Gemälden bis zu seinen jüngsten Skulpturen reicht. Sein Interesse an der Figur, das Spiel mit der eigenen Erfahrung, die fast klassische Orientierung an den Medien Fotografie, Malerei und Skulptur werden mit 100, teilweise bis zu 180 Einzelteile umfassenden Arbeiten deutlich gemacht.
Urs Lüthi hat übrigens ein lockeres Verhältnis zum Sport. Seit zehn Jahren fotografiert er sich gerne in Shorts, mit Schweißbändern und Turnschuhen, unter dem T-Shirt spannt sich ein von Lebenslust zeugender Bauch. Nach einem Infarkt musste er sich fit machen und hat die komische Seite der Überlebensübung gesehen.
Termin: 7. Februar bis 10. Mai. Katalog: Edizioni Periferia, 69 Franken. Internet: www.kunstmuseumluzern.ch
Bildunterschrift:
"Trash & Roses" (Farbfoto hinter Plexiglas, 200 x 140 x 9 cm), aus der Serie "Art is the better life" von 2002
