Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 46-48

Wandermönch mit Bonusmeilen

Von Till Briegleb

Wo andere hinkommen, ist Hans Ulrich Obrist immer schon gewesen. Weltweit organisiert der Schweizer Kurator Ausstellungen, spinnt an seinem Netzwerk - und ersinnt neue Spielregeln für den globalisierten Kunstbetrieb

Es gibt zwei Formen der Begeisterung, die Hans Ulrich Obrist in seiner Jugend entdeckte und denen er seither immer wieder folgt. Als Schüler entflammte er so für Robert Walser, dass er die berühmten Spaziergänge im Rheintal nach ging, die der Schweizer Literatursonderling in seinen Erzählungen beschreibt. Aber auch das bedeutende Kloster in seiner Heimatstadt St.

Gallen übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf ihn aus. Viele Nachmittage verbrachte der Schüler Hans Ulrich lesend in der Klosterbibliothek und vertiefte sich in das unendliche Erbe des Wissens.

Diese zwei Bewegungen - das getriebene Streifen durch die Welt und das Versenken in ein Wissensarchiv - verbindet Obrist in geradezu exzessiver Form zu einem kuratorischen Lebensentwurf.

Wie kaum ein anderer zeitgenössischer Ausstellungsmacher jagt der Speedy Gonzales der Kunstvermittlung um den Globus und sammelt Material und neue Kontakte. In den Neunzigern war er rund 300 Tage im Jahr auf Reisen und hatte zeitweise keinen festen Wohnsitz mehr, seit 2000, als er erst als Kurator an das Musée d' Art moderne de la Ville de Paris und 2006 als Co-Direktor an die Serpentine Gallery nach London ging, hat sich das Gewicht ein wenig verschoben.

Heute arbeitet Obrist vier bis fünf Tage mit Teetasse und Blackberry an einem wackeligen runden Tisch im engen Büro seiner Assistentin in London und bricht erst übers Wochenende auf nach China, Indien oder in die USA.

Für große Ausstellungen wie die Präsentation neuer indischer Kunst etwa, die er aktuell in der Serpentine Gallery zeigt (siehe Seite 48), erstellte er in zwei Jahren rund 1000 Dossiers, machte Hunderte von Atelierbesuchen in Delhi, Bombay, Kalkutta und Bangalore, um dann schließlich rund 20 Künstler auszustellen. Im selben Zeitraum kuratierte er noch diverse andere Ausstellungen und Biennalen in Yokohama, Moskau, Reykjavik und Lyon, publizierte mehrere Bücher mit Künstlerinterviews, sammelte neue Manifeste und Formeln für das 21. Jahrhundert, hielt Vorträge, beriet Sammler und Museen.

Jäger und Pflanzer in einer Person, hat Obrist mit 40 Jahren mehr Ausstellungen kuratiert, mehr Kunstprojekte entwickelt und mehr Flugkilometer gesammelt als irgendeiner seiner Kollegen.

Vermutlich könnten mit Obrists Bonusmeilen fünf weitere Kuratoren zehn Jahre umsonst ihrer Arbeit nachgehen. Aber der von ihm selbst befeuerte Mythos des hyperneugierigen 24-7-Turbo-Kurators, der alle drei Stunden 15 Minuten schläft und ansonsten arbeitet, beschreibt alleine noch nicht die Sonderrolle, die Obrist im Club der Kuratoren genießt. Die Kombination von Expedition in die Fläche und Recherche in die Tiefe, die er für sich selbst gerne in den Metaphern von Nomadentum und Netzwerk ausdrückt, beherrschen nämlich auch andere Ausstellungsmacher weltweit gut - wiewohl nicht in dieser Totalbesessenheit, die bei Obrist Züge des kompromisslosen Kunstschwärmers besitzt.

Was seine Kuratorentätigkeit inhaltlich besonders macht, ist seine Lust auf neue "Spielregeln". Seit seiner ersten Ausstellung "World Soup" in der Küche seiner St. Gallener Wohnung 1991, zu der der damals 23-Jährige so berühmte Künster wie Christian Boltanski, Fischli & Weiss und Roman Signer gewann, hat er die Idee sportlich fortentwickelt, der Kunst neue Wirkungskreise und "Kontaktzonen" zu suchen. Er lud Künstler in Federico García Lorcas ehemaliges Haus bei Granada oder in Sir John Soanes Kuriositätenkabinett nach London, aber auch in das Museum der Stadtentwässerung nach Zürich ein, jeweils Arbeiten in Bezug zum Ort zu entwickeln. Er schuf eine Art Robert- Walser-Museum in Form einer Vitrine, die um die Welt reist und immer wieder von einzelnen Künstlern neu gestaltet wird. In Manchester organisierte Obrist eine Ausstellung, bei der die Künstler 15 Minuten Zeit auf einer Bühne erhielten, um dort ein vergängliches Zeitkunstwerk zu schaffen. Und im Forschungszentrum Jülich veranstaltete er einen Künstlerkongress, der nur aus Pause, Mittagessen, Exkursionen und anderen Nebenbeschäftigungen bestand, auf denen die tatsächlich wichtigen Dinge eines Meetings besprochen werden.

"Ich stelle mir bei jedem Projekt die Frage, wie kann man eine Spielregel erfinden, die die große globale Homogenisierung vermeidet und statt- dessen Differenz produziert", benennt Obrist den Zweck dieser Spielweise.

"Head Monitorist", also Chef-Überwacher, nannte die Künstlerin Nancy Spero Obrist einmal scherzhaft, weil sein Kontakt-Rhizom sich nicht nur in der Kunstszene global ausgedehnt hat, sondern er auch noch in zahlreichen anderen Bereichen wie Architektur, Wissenschaft, Literatur, Musik und Film seine Fühler nach neuen Eindrücken ausstreckt. Aus Alexander Dorners kunsthistorischem Klassiker "Überwindung der Kunst" von 1947, seiner "Kuratoren-Bibel", die er so oft gelesen hat, dass sie mittlerweile auseinanderfällt, stammt die Erkenntnis, "dass man die Kräfte der Kunst nur verstehen kann, wenn man sich auf die anderen Felder einlässt".

Bereits als Student entwickelte Obrist an der Frankfurter Städelschule sein System der Kontaktverzweigung:

"Meine Methode ist, dass man die Protagonisten eines Feldes trifft und dadurch wiederum andere Protagonisten trifft." Weil an der Städelschule Architektur und bildende Kunst zusammen gelehrt werden, traf er dort berühmte Baumeister und Theoretiker wie Cedric Price, Peter Cook und Enric Miralles, den er im Restaurant ansprach und nach Namen und Lesetipps ausquetschte.

Dann macht er sich auf Reisen, besuchte und interviewte die ihm damals noch unbekannten Architekten und notierte sich auch dort wieder neue Hinweise. Und so tat er es peu à peu mit Naturwissenschaftlern und Dirigenten, Filmemachern und Autoren.

Diese Methode der "verketteten Gespräche" unterscheidet sich zwar nicht groß von der Art, wie auch ein Harald Szeemann einst seine neuen Künstler fand, aber niemand hat diese Form der Neugier so entschieden in die Breite und Tiefe getrieben wie Hans Ulrich Obrist. Dabei ist Obrist nicht nur ein Volkszähler der Gegenwartskunst, sondern gräbt mit der gleichen Besessenheit, mit der er Zeitstimmen auftut, auch in den verlassenen Stollen der Kunst. Den deutschen Künstler und Erfinder der "Autodestruktiven Kunst" Gustav Metzger fand er bei seinen streunenden Recherchen ebenso wie den vergessenen visionären Architekten Eckhard Schulze-Fielitz.

Auf den Interview-Marathons, die Obrist seit ein paar Jahren mit dem Architekten Rem Koolhaas veranstaltet, trifft sich dann auch eine Art Weltintelligenz von Doris Lessing zu Zaha Hadid, von Damien Hirst zu Eric Hobsbawm, von Brian Eno zu Ken Loach.

Doch gerade diese Veranstaltungen zeigen auch die Grenzen seiner Methode auf. Denn Obrists "permanente Recherche" ist kein journalistisches Prinzip der Hinterfragung. Anstatt seine Gäste mit kritischer Distanz aus der Reserve zu locken, betätigt er sich vielmehr als ein freundlicher Stichwortgeber.

Entsprechend nennt Obrist sich selbst auch "Komplize" der Künstler, und verteidigt seine manchmal etwas schuljungenhaften Fragen mit der Bemerkung: "Ich will immer lernen.

Ich will niemals in einer Position sein, wo ich als Autorität irgendwelche Dinge verkünde." Vermutlich ist Hans Ulrich Obrist trotz seiner ungeheuren Belesenheit doch einfach der größte Fan der Kunstgeschichte. Anders lässt sich die Absolutheit, mit der er sein Leben als "Wandermönch" (O-Ton Obrist) für die Kunst beschreibt, kaum erklären. Die personifizierte Kreuzung von Nomadentum und Kloster lässt bei dem selbst gewählten Arbeitspensum wenig Fantasie über ein Privatleben zu - auf seiner "My Space"-Seite gibt Obrist denn auch "1760 Freunde" an, bezeichnet sich aber als "Single".

Der trotz seiner schnellen Sprache eher unberührbar und asketisch wirkende Mann sagt auch nicht zufällig über sein Heimatgefühl: "Zu Hause ist der Ort, wo die Bücher sind." Das Motiv der Flucht aus der (Schweizer) Enge und die Suche nach der "großen Stadt", das ihn anfänglich angetrieben hat, ist dann auch mit der Ankunft in London nicht wirklich verlöscht.

Denn immer reizt der kalkulierte Zufall der permanenten Recherche zu noch größerer Neugier. Ruhe findet Obrist nur in der Vorstellung einer perfekten Stadt: "Gäbe es einen Ort, der die Kreuzung aus London und Berlin ist, wäre das der ideale Platz für mich." Dort würde er dann sein großes unrealisiertes Projekt leiten - ein Museum für das 21. Jahrhundert, das alle in ihm widerstreiten den Bewegungen in sich vereint: ein flexibles Gebäude, das sowohl Ausstellungshaus als auch Laboratorium, Archiv und Kongress wäre. Ein Kloster für Nomaden also, in dem selbst ein Hans Ulrich Obrist Wurzeln schlagen könnte.

Bildunterschrift:

Obrist im Gespräch mit der Sammlerin und Mäzenin Miuccia Prada

Obrist mit der englischen Künstlerin Tracey Emin

Zuhause ist für ihn da, wo die Bücher sind:

Hans Ulrich Obrist im Büro in der Londoner Serpentine Gallery im Hyde Park

Obrist mit dem Galeristen Jay Jopling (oben) und mit der Architektin Zaha Hadid

Obrist erfindet gerne neue Spielregeln: Er gab Künstlern 15 Minuten, um ein vergängliches Werk zu schaffen, oder veranstaltet einen Kongress, der nur aus Pausen besteht