Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 74-75
Bilderrätsel mit Papagei und Fächer
Von Gerhard Mack
Die Kunsthalle gibt einen Überblick über das Werk der Konzeptfotografin
ZÜRICH: ANNETTE KELM
Wie eine verfallene Maya-Ruine steht das Haus auf einem Hügel.
Ein Foto zeigt es bei Tag, ein anderes bei Nacht. Auf beiden wirkt der Ort unheimlich und verlassen. Wer das merk würdige, aus riesigen Quadern zusammengesetzte Gebäude nicht kennt, würde kaum ahnen, dass es sich um ein Meisterwerk der Architektur der Moderne handelt. Frank Lloyd Wright hat "Ennis House" 1924 in ein Villenviertel in Los Angeles gebaut. Es wirkt in den Fotos von Annette Kelm, 33, fast so gruselig wie mancher der gut ein Dutzend Filme (zum Beispiel "Blade Runner"), die in ihm gedreht wurden. Annette Kelm ruft auf ihrem Fotodoppel die architektonische Tradition der Moderne ebenso wach wie die Traumfabrik Hollywood, aber sie tut dies dabei so nebensächlich wie etwa tagsüber die Erinnerung an einen nächtlichen Traum die Aufmerksamkeit stört.
Mit ihren konzeptuellen Fotografien steht Annette Kelm auf der Short List des Preises der Berliner Nationalgalerie für Junge Kunst 2009 - nominiert, wie es heißt, "für ihre ebenso präzisen wie hermetischen Fotografien", mit denen sie "spielerisch die Konventionen von Genres wie Stillleben, Porträt und Werbefotografie aufgreift". Jurymitglied Beatrix Ruf bietet ihr (nach einem Auftritt im Witte de With in Rotterdam) Gelegenheit zur ersten großen Übersicht. Die Schau in der Kunsthalle Zürich beginnt mit exotischidyllisch anmutenden Motiven wie dem Papagei aus der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts.
Es folgen die Fotos von Stoffdesigns, mit denen Dorothy Draper in den vierziger Jahren die High Society beglückte.
Jüngste Arbeiten sind abfotografierte Bildmontagen aus Schallplattencovern des deutschen Fotografen Herbert Tobias von 2008. Serien und Einzelarbeiten stehen im Wechsel. Dass Annette Kelm ihre Bilder offen hält für die unterschiedlichsten Assoziationen, macht die Stärke ihrer Fotografien aus. Sie gewinnt dem Medium eine Leichtigkeit zurück, die es in der konzeptuellen Dokumentationspflicht der Becher-Schule verloren hatte. Der Cowboy auf einer Fotografie sitzt pflichtgemäß auf seinem Pferd. Dieses steht aber in einem Garten mit Palmen, und in der Hand hält er statt eines Lassos einen Fächer. Schöner kann ein Bilderrätsel kaum sein.
Kein Wunder, dass die Fotografin sich für Ateliers von älteren Kollegen und Malern interessiert, denn in diesen Räumen ist die Aura des jeweiligen Werks in der Trivialität der Dinge bewahrt. Die Bilder aus den Ateliers von Arnold Böcklin und Karl Ballmer, die sie gerade gemacht hat, sind in Zürich erstmals zu sehen.
Termin: bis 26. April. Katalog: erscheint nach Ende der Ausstellung. Internet: www.kunsthallezurich.ch
Bildunterschrift:
Annette Kelm: CPrint ohne Titel (80 x 100 cm) aus dem Jahr 2005
