Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 72-74
Von Affen und Menschen
Von Sandra Danicke
Charles Darwins Evolutionstheorie und die Folgen für die Kunst in der Schirn
FRANKFURT: DARWIN
Vor 200 Jahren wurde der Naturforscher Charles Darwin geboren, vor 150 Jahren veröffentlichte er sein Schlüsselwerk "Über die Entstehung der Arten". Dass dies ein Anlass für eine Kunstausstellung sein soll, mutet zunächst merkwürdig an. Doch Pamela Kort, Kuratorin der Schau in der Schirn-Kunsthalle, ist überzeugt: "Darwins Theorien waren damals in aller Munde. Es wäre doch seltsam, wenn die Künstler darauf nicht reagiert hätten." Bei ihren Recherchen war Kort allerdings größtenteils auf Indizien angewiesen. Kaum ein Maler des späten 19. Jahrhunderts hinterließ Texte, die konkrete Rückschlüsse darauf zulassen, dass es in seinen Bildern um die Evolutionstheorie ging. Eine Ausnahme bildet der Maler Gabriel von Max, der damals für seine Affenbilder bekannt war und nebenbei eine umfangreiche anthropologischarchäologische Sammlung anlegte. Teile davon (darunter Schädel, Gestein und frühzeitliches Werkzeug) sind in der Schirn zu sehen.
Dass auch Künstler des Symbolismus' wie Odilon Redon oder Arnold Böcklin mit ihren von hybriden Wesen beherrschten Bildern auf Darwins Vorstellung von der Abstammung des Menschen reagierten, dass sie gar versucht haben könnten, das fehlende Bindeglied der Evolutionskette oder die Entstehung des Menschen aus dem Meer darzustellen, will die Ausstellung anhand von 150 Gemälden, Zeichnungen und Lithografien sowie seltenem Dokumentationsmaterial beweisen. Als Beleg dafür, welchen Einfluss darwinistische Theorien auf die Gesellschaft um 1900 ausübten, dienen neben populärwissenschaftlichen Büchern und Zeitschriften und den detaillierten Naturstudien des Zoologen Ernst Haeckel auch skurrile Exponate wie der so genannte Piltdown- Mensch, ein 1912 in England gefundener Schädel, von dem man annahm, es handele sich um einen 500 000 Jahre alten Urmenschenkopf.
Der Fund galt seinerzeit als Sensation, erwies sich jedoch in den fünfziger Jahren als Fälschung.
Eine Leitfrage für die Kuratorin war, welche Künstler sich zu jener Zeit nachweislich intensiv mit Naturforschung beschäftigt haben. Hierbei stieß sie auch auf Gegner der Evolutionstheorie wie etwa den amerikanischen Landschaftsmaler Frederic Edwin Church, dessen religiös motivierte Naturpanoramen in der Schirn einen Gegenpol bilden und zeigen sollen, wie stark zu jener Zeit über Darwinismus debattiert wurde. Spätere Arbeiten wie die Frottagen und Gemälde des Surrealisten Max Ernst können in diesem Zusammenhang als Visionen vergangener Erdzeitalter gedeutet werden.
Termin: 5. Februar bis 3. Mai. Katalog: Wienand Verlag, zirka 30 Euro, im Buchhandel zirka 40 Euro.
Mehr Abbildungen zur Ausstellung und ein Interview mit der Ausstellungskuratorin Pamela Kort finden Sie unter: www.art-magazn.de/darwin
Bildunterschrift:
Merkwürdige Begegnung: "Affe vor Skelett" (ohne Jahr, 61 x 45 cm) von Gabriel von Max
Martin Johnson Heade:
"Passionsblumen und Kolibris" (1870/83, 39 x 55 cm)
Ernst Haeckel:
"Kunstformen der Natur" (1899/1904, 36 x 27 cm)
