Ausgabe: 02 / 2009
Seite: 7-13

Thesen, Trends und Trash

Von

Kriegerdenkmäler wie dieses von 1985 in Warschau gibt es noch viele in Polen. Solchen Relikten kommunistischer Propaganda-Kunst möchte die polnische Künstlerin Kamila Szejnoch mit Schaukeln, Rutschen und Karussells neuen Sinn geben. Für diese Idee erhielt die 30-Jährige nun den Szpilman Award, mit dem Werke bedacht werden, die nur für kurze Zeit existieren. Ins Leben gerufen hat diesen Preis für ephemere Kunst eine deutsche Künstlergruppe namens "Szpilman". Alle sechs Mitglieder sind Absolventen der Hoch schule für Gestaltung in Offenbach und der Städelschule in Frankfurt am Main.

Unheimlich sieht die verrottende Ferienanlage an der Küste nördlich von Taipeh aus. Ende der Siebziger wurde sie in Sanjhih aus 60 Rundhäusern gebaut, aber wegen der damaligen Energiekrise nie eröffnet. Angeblich haben merkwürdige Todesfälle immer wieder die Abrissarbeiten gestoppt. Angefeuert wird diese Spukgeschichte durch verschiedene Webseiten, von denen hier keine guten Gewissens als repräsentabel empfohlen werden kann. Wer Klarheit sucht oder sich weiter gruseln möchte, sollte "Geisterstadt in Taiwan" googeln und sich seine eigene Meinung bilden.

Verstörend betörend setzt der japanische Fotograf Izima Kaoru Models wie Leichen in Szene. Landscapes with a Corpse, also "Landschaften mit Leiche", erscheint nun als Buch im Hatje Cantz Verlag. Außer in der Natur liegen die Damen auch in Restaurants, Kanälen oder - wie auf dem Bild "Koike Eiko wears Gianni Versace" von 2004 - in einer Pachinko-Halle. Bei diesem in Japan höchst beliebten Glücksspiel muss man an Automaten Metallkugeln durch ein Labyrinth schießen.

FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (3)

Jan, 6, über "Die Erschaffung Adams" (1508/12) von Michelangelo Buonarroti Da sind zwei Männer auf dem Bild. Der eine ist jünger und hat nichts an. Der andere hat lange, graue Haare und ein Kleid an, aber er ist trotzdem keine Frau. In meiner alten Kita war ein Junge, der hat auch immer Kleider getragen. Warum der junge Mann keine Kleider anhat, weiß ich auch nicht. Vielleicht wurden sie ihm geklaut. Er liegt da ja auch einfach so rum. Der alte Mann liegt wenigstens auf einer Decke und hat ganz viele Frauen und Kinder im Arm. Er versucht, den jungen Mann auf die Decke zu ziehen, damit sie zusammen weg fliegen können. Das ist nämlich eine fliegende Decke. Wohin die dann wollen, weiß ich aber nicht. Vielleicht sind sie in Gefahr. Vielleicht wegen der Hand da unten links in der Höhle.

Auf der Decke ist man sicher. Wenn ich so eine fliegende Decke hätte, würde ich mit der ins Fußballstadion vom FC St. Pauli fliegen, zu einem Heimspiel. Mein Papa hat zwar sowieso für jedes Heimspiel eine Karte, aber von so einer fliegenden Decke kann man viel besser sehen als von der Tribüne.

Da kann man einfach immer dem Ball hinterherfl iegen. Meine Kleider zieh' ich aber auf gar keinen Fall aus.

Was für eine Karriere: Als junger Bursche bretterte Arne Quinze, 37, mit seiner Motorrad-Gang durch die Gegend, besprühte Wände mit Graffiti und machte die Straßen von Brüssel unsicher. Heute bezeichnet er sich selbst als Visionär und gestaltet mit seiner Designagentur "Quinze & Milan" alles von der Vase bis zum kompletten Shopkonzept. Quinze hat 80 Angestellte, ist seit kurzem mit Barbara Becker liiert und bekannt für riesige, neonfarbene Holzwolken, die auf Stelzen durch die Innenstädte der Welt wabern - zuletzt vor dem flämischen Parlament in Brüssel und dem Flagshipstore von Louis Vuitton in München.

55 000 000 soll der Zähler an der Fassade der Londoner Hiscox-Versicherung am 31. Dezember 2009 anzeigen. Mit dem "Death Counter" will der spanische Künstler Santiago Sierra weltweit alle Toten des Jahres zählen.

Sollte er in dieser Zeit selbst sterben, wird eine Police von 150 000 Euro fällig - und er Teil seines makabren Werks.

Frech, charmant und wirkungsvoll ist die Kampagne der Frankfurter Werbeagentur Leo Burnett für das Waschmittel "Tide" der Firma Procter & Gamble.

Los ging's mit einer vermeintlich leeren Plakatfront an einer vielbefahrenen Straße in Frankfurt am Main. Die mit einem Baumwollstoff bezogenen Wände wurden im Laufe der Zeit immer schmutziger und enthüllten in diesem Prozess eine Leine blütenweißer Wäsche. Der Trick:

Sie ist mit selbstreinigender Farbe aufgedruckt. Und siehe da: Menschen blieben stehen, sogar Autos sollen angehalten haben - Werbemission erfüllt.

KLEINE ENZYKLOPÄDIE DER KUNSTKLISCHEES (21)

Kunstmeile, die: f., Sg., in Tageszeitungen und Stadtführern beliebtes Kompositum zur Kennzeichnung einer Gegend mit hoher Dichte von kult. Einrichtungen (vgl. Fifth Avenue/New York, Spreeinsel/Berlin) in der rhet. Figur eines totum pro parte, wobei die Meile nicht das tats. Längenmaß von 1609 Metern umfassen muss, sondern allg. eine räumlich nicht näher definierte Strecke meint. Vergleichbare Wortschöpfungen für thematisch gefasste Handlungsräume (manchmal nur temporär existierend): Fressmeile, Sexmeile, Fanmeile.

Das britische Kunstmagazin "Art Review" zählt neuerdings Thomas Kinkade zur "Power 100"-Elite. In der internationalen Kunstszene mag der Name noch nicht ganz so geläufig sein. Doch die Werke des kalifornischen Kitschmalers schmücken inzwischen bis zu 15 Millionen Haushalte. Kinkade, der sich den Titel "Painter of Light" als Markenzeichen schützen ließ, vertreibt Reproduktionen seiner süßlichen Landschaftsbilder in riesigen Auflagen über Vertragsgalerien, Teleshopping und online und hat damit schon über vier Millarden Dollar umgesetzt.

Da kann selbst Brit-Art-Superstar Damien Hirst nicht mithalten.

Bildunterschrift:

Arne Quinzes Installation "The Sequence" in der Brüsseler City

Trickreiche "Tide"-Werbung in Frankfurt/Main

Kinkades Bildergalerie im Web

Links: Kunstmeile Fifth Avenue. Rechts: Meilenstein der Kunst "Der Vertikale Erdkilometer" (1977) von Walter de Maria

Cash mit Kitsch: Glühende Laternen und Katen sind beliebte Motive