Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 7-18

Studio

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3093 Tage protestiert der englische Künstler Brian Haw am Erstverkaufstag dieser art-Ausgabe nun schon auf dem Parliament Square im Londoner Stadtteil Westminster gegen die britische Außenpolitik im Nahen Osten. Erreicht hat er außer der Aufmerksamkeit der Lokalpresse auch die des ungleich bekannteren englischen Künstlers Marc Wallinger. Der hatte 2007 Haws 40 Meter langes Protestlager aus Fotos, Plakaten und Transparenten in der Tate Britain unter dem Titel "State Britain" nachgebaut und daraufhin den Turner-Preis gewonnen.

Brian Haw gewann nichts, aber er freute sich für seinen Kollegen.

Es sind die Augen und Körper von Frauen aus Kenia, Brasilien, Indien oder Kambodscha, die hier von Pariser Brücken blicken und an den Ufern der Seine liegen. Sie haben Leid, Brutalität und Unrecht erlebt.

Für sein Projekt Women are Heroes begibt sich der französische Künstler "JR" in die Krisengebiete der Welt. Er möchte der Würde dieser Mütter, Schwestern, Ehefrauen und Töchter von Opfern und Tätern ein Denkmal setzen. Immer wieder bringt er für eine gewisse Zeit ihre Abbilder auf öffentlichen Bauwerken - wie hier in Paris - oder notdürftig gezimmerten Slumbehausungswänden (art 10/2008) an. Dokumentiert wird das in dem gleichnamigen Buch und einem Film. Mehr Infos zu dem fortlaufenden Projekt gibt es auf: www.womenareheroes-paris.net

Wer als Künstler in Deutschland Erfolg haben will, muss erst mal Formulare ausfüllen: Karrierefördernde Stipendien gibt es zwar viele, doch oft lauern Bürokratietücken und drohen Extremauflagen wie Anwesenheitspflicht in entlegensten Landregionen. Ruth Luxenhofer, Charlotte Malcolm- Smith und Eva Moll, drei Offenbacher Künstlerinnen, hatten nach eigenen Angaben genau davon "die Nase voll".

Kurzerhand schrieben sie selbst ein Stipendium aus; und zwar einen Arbeitsaufenthalt im Schrank von Luxenhofers Atelier - mit zweiwöchiger Anwesenheitspflicht und anschließender Ausstellung der Arbeiten im Schrank. "Wir hätten nicht mit so vielen ernst gemeinten Bewerbungen gerechnet", sagen sie und finden, dass gerade das zeigt, wie hoffnungsarm die Situation vieler junger Künstler in Deutschland sei. Mehr Infos unter: www.kunst-raum-mato.de

Damien Hirst hat nach Jahren der lukrativen Arbeitsdelegation an Assistenten überraschenderweise wieder selbst zum Pinsel gegriffen.

Diese 25 durch ihre erlauchte Urhe berschaft per se schon kostbaren Werke präsentiert der Brite in der Londoner Wallace Collection bis 24. Januar 2010 auf eigens für diesen Anlass mit Seidentapeten bespannten Wänden (Deko-Kosten: 250 000 Pfund). Aber die herbeigerufenen Kritiker ließen sich vom Pomp des Größenwahn nicht blenden:

Sie zerrissen einhellig Hirsts an Francis Bacon und Daniel Richter erinnernde Totenkopf- und Schmetterlingsbilder. Der "Independent" findet, sie seien "fürchterlich langweilig". Der "Guardian" orakelt, Hirst habe unbewusst das Memento mori seiner Karriere geschaffen. Die "Times" hat nur ein knappes "Fürchterlich!" dafür übrig. Kein Wunder, dass Hirst kurz darauf von Platz 1 der "Art Review"-Liste der erfolg reichsten Menschen der Kunstszene auf Platz 48 fiel. Der "Telegraph" fasst es am besten zusammen: "Es hätte nicht schlimmer kommen können."

EINE LISTE Weihnachtsausstellungen 1. Überall ist Bethlehem - Krippen aus aller Welt Stadtmuseum Bautzen 2. Barbie und der Weihnachtsmann Altonaer Museum, Hamburg 3. Au Tannenbaum! Designer-Weihnachtsbäume HfG Karlsruhe 4. Andere Länder, andere Krippen Daetz-Centrum, Lichtenstein 5. Licht im Dunkel - Wachsstöcke zwischen Glauben und Volkskunst Museum Grünes Haus, Reutte 6. Wenn die Steine reden. Krippen aus Natursteinen Neues Stadtmuseum Landsberg am Lech 7. Die Geschichte des Weihnachtsbaums und Christbaumschmucks Wenze Ställche, Ebsdorfergrund 8. Kinderträume aus Holz Museum im Alten Schloss Altensteig 9. Süße Weihnachten Mühlviertler

Schlossmuseum, Freistadt 10. Weihnachten in den Priesterhäusern Museum Priesterhäuser Zwickau 11. Die Welt der Legosteine und das Weihnachtsfest Stadtmuseum Riesa 12. Anker, Kreuz und flammend Herz Künstlerhaus Spiekeroog

GEHT'S NOCH?!

Seit in großen Fußballstadien der Rasen für jedes Spiel neu ausgerollt wird, sind die Spieler um eine Ausrede ärmer geworden:

Auf die "schlechten Platzverhältnisse" kann sich heute niemand mehr berufen. Nun hat die costaricanische Künstlerin Priscilla Monge die alten Zeiten zurückgebracht: Aufeinem Platz in Paris legte sie Hügelrasen aus, Hintersinn:

Spieler sollten irritiert ihre Position in Frage stellen. Wir meinen:

Wozu der Aufwand? Der Ball ist sowieso rund!

Ausnahmsweise ist Rolling Stone Ron Wood mal nicht wegen Alkohol, Drogen oder seiner blutjungen russischen Geliebten in den Schlagzeilen, sondern wegen zwei weiterer Leidenschaften:

Kunst und Mode. Um sich von den Strapazen des Rockerlebens zu erholen, greift Wood seit geraumer Zeit zu Ölfarbe und Pinsel.

Inspiriert von seinen eigenen Werken, hat der 62-Jährige nun eine erste Modekollektion für das Londoner Kaufhaus "Liberty" entworfen:

Hemden, Kleider, Taschen mit Blumen und Gitarren, zu bestellen bei www.liberty.co.uk

DIETER BRUNNER, KURATOR DER STÄDTISCHEN MUSEEN HEILBRONN Eine Schau zum Sockel?

Ja! Solch eine Ausstellung ist schon lange überfällig. Er ist, wie der Titel schon sagt, "Das Fundament der Kunst" und ein großes Thema des 20. Jahrhunderts: Rodin wollte ihn abschaffen, Brancusi hat ihn mit einbezogen, und Duchamp hat ihn auf die Schippe genommen.

Wie hat sich der Sockel entwickelt?

Ursprünglich war er dazu da, das Präsentierte zu erhöhen, das hat mit der Denkmalkunst des 19. Jahrhunderts zu tun. Davon haben ihn die Künstler jedoch systematisch befreit.

Wer hat den Sockel befreit?

Von A wie Arp bis Z wie Zanotti haben viele Künstler ihren Teil dazu beigetragen. Piero Manzonis Arbeit "Sockel der Welt" von 1961 ist herausragend, denn sie macht den Sockel zur Skulptur. Timm Ulrichs hat sich 1991, wie vor ihm bereits Manzoni, selbst auf einem Sockel als Kunstwerk präsentiert. Erwin Wurms Arbeit "Mentales Blau mit Doppelerektion" ist ein Sinnbild dafür, dass nicht nur die Skulptur, sondern auch der Sockel lebt!

Aber kommen Sie doch in Heilbronn vorbei:

Bis zum 31. Januar können Sie bei uns die Arbeiten von über 40 Künstlern sehen.

Wie riesige Seeanemonen scheinen sich diese bunten Gebilde hin und her zu wiegen.

Die Skulpturen des amerikanischen Künstlers Jason Hackenwerth sind federleicht, denn er pustet, knotet und dreht sie aus Luftballons zusammen.

So eine Kunst ist nicht für die Ewigkeit, denn Ballons verlieren allmählich die Luft, beginnen zu schrumpeln und fallen schließlich in sich zusammen. Der Effekt ist gewollt, so der Künstler, der darin "eine gute Metapher für ein Menschenleben" sieht. Infos: www.jasonhackenwerth.com

FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (13)

Anna, 5, über "Großes Interieur" (1897) von Edouard Vuillard Also, das sieht nicht aus wie bei uns zu Hause! Bei uns ist der Fußboden nicht so wild, und es liegen auch nicht so viele Blätter auf dem Tisch. Ich glaube, das sind Briefe, denn der Mann liest einen davon. Hinter ihm steht eine Frau, die ist neugierig, was in dem Brief steht. Die Oma ist gerade reingekommen und will auch wissen, was da drin steht. Ich bekomme auch manch mal Briefe von Oma Eike und Oma Inge. Ich kann noch keine Briefe schreiben, dafür aber Postkarten! Postkarten schreibt man, wenn man im Urlaub ist. Wir waren gerade in Venedig, das war schön.

Ich finde das komisch, dass dieses Zimmer gar kein Fenster hat.

Oder vielleicht ist es schon dunkel draußen und die Gardinen sind schon zu. Aus meinem Zimmer kann ich den Himmel sehen.

In dem Zimmer auf dem Bild würde ich nicht so gerne wohnen, weil es da so unordentlich ist. Bei uns zu Hause ist es ordentlich - auch in meinem Zimmer ... naja, meistens. Ich finde es total unfair, dass Unordnung machen viel einfacher ist als Ordnung machen! Aufräumen macht auch viel weniger Spaß als Chaos zu verbreiten!

Was macht eigentlich Isabella Rossellini? Kurzfilme drehen über Sex und Tiere - und zwar mit Herz, Hirn und Hintersinn!

Kunstvoll verkleidet als Krabbe, Napfschnecke oder Fliege analysiert die Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin in Personalunion das Paarungsverhalten von insgesamt 18 Kleintieren.

Nun ist im Verlag Schirmer/ Mosel das amüsante Projekt Green Porno als Bildband mit DVD erschienen (29,80 Euro).

Nach 13 Jahren Bauzeit wurde der neue Hauptbahnhof von Lüttich in Belgien eingeweiht. Der spanische Architekt Santiago Calatrava verbaute 11 000 Tonnen Stahl für die imposante Dachkonstruktion, das sind genau 3700 Tonnen mehr, als für den Eiffelturm benötigt wurden.

Es dauerte so lange, weil der Verkehr möglichst wenig eingeschränkt werden sollte: Calatrava ließ die Teile an einem anderen Ort zusammenbauen und nachts im Bahnhof installieren. Rund 36 000 Menschen nutzen den Bahnhof täglich.

Warum hilft denn da niemand den Menschen auf dem Beckengrund?! Ein Sprung ins Wasser würde nach wenigen Zentimetern auf einer Glasplatte enden. Der argentinische Künstler Leandro Erlich fasziniert die Besucher des New Yorker P.S.1 zurzeit mit der zweistöckigen, begehbaren Installation "Swimming Pool". Noch bis 1. März 2010 kann man dort den ungewöhnlichen Wechsel zwischen Fisch- und Vogelperspektive genießen.

"Magisch", "zauberhaft", "überirdisch" - mit solchen Lobesworten wird derzeit James Turrells Lichtkathedrale im Kunstmuseum Wolfsburg gehuldigt. Die Installation "Bridget's Bardo" ist die größte, die jemals von dem amerikanischen Künstler in einem Museum realisiert wurde: 700 Quadratmeter misst der 40 Meter lange und elf Meter hohe Saal. Um solch einen Raum zu schaffen, wurde nahezu das gesamte Gebäude entleert. Der 66-jährige Turrell widmet sich seit mehr als 40 Jahren der Wirkung und Wahrnehmung von farbigem Licht. Für dieses besondere Erlebnis in Wolfs burg ist noch bis zum 5. April 2010 Zeit (Katalog: Hatje Cantz Verlag, 39,80 Euro).

Bedenke, dass du sterblich bist: Damien Hirst präsentiert neue Bilder und fiel von Platz 1 der "Art Review"- Liste auf Platz 48

Frauenaugen und -akt an der Pont Louis-Philippe und an der Pont Saint-Louis

Hügelfußball auf der Place de la Bataille de Stalingrad in Paris

Ron Wood und Creative-Chefin Tamara Salman in Ron Wood

Sockelwerk von Bertrand Lavier: "Panton/ Zanussi, 1989, Eisschrank und Plastikstuhl"

Die Höhepunkte der Hobbykunst von 1950 bis heute

50er: Taschentücher mit Monogrammen besticken in der guten Stube

70er: Die Makramee-Knüpftechnik erobert Dorfstuben und Kommunenküchen

90er: "Window Colors"- Fensterbilder stehen bei Jungfamilien hoch im Kurs

60er: Topflappenhäkeln im Handarbeitsunterricht - Jungs hatten Werken

80er: Deutschland im Seidenmalerei-Fieber, private Kunstschulen boomen

2000er: Öko-Movement erfasst die heimische Bastelecke - Filzen ist angesagt

"Cochleapods" (2009) in der Herron Gallery in Indianapolis

DIE ART-HOME-STORY ( 29)

Zu Gast bei Erik Schmidt

Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.

Erik Schmidt, 41, in seinem Berliner Atelier. Der Maler ist bekannt für pastose Jagdszenen

Kronjyden-Keramik Von dieser besonderen dänischen Keramik habe ich zu Hause ein ganzes Set. Gerne hätte ich die schönen Sachen auch hier im Atelier, aber das ist schwierig: Alles was sich hier befindet, ist in Gefahr, mit Ölfarbe beschmiert zu werden oder kaputt zu gehen.

Stoffwürfel für den Rückspiegel mit Israel-Flagge Irgendwann bin ich auf Israel gestoßen: Das Land fasziniert mich, weil es so widersprüchlich ist. In den vergangenen Jahren war ich viermal dort. Ich bin kein Israel-Fan, wie andere Fussballfans sind.

Israel ist nicht mein "Verein" - an den Autorückspiegel würde ich mir die Würfel also nicht hängen.

Filzanhänger Den hat mir mal eine Sammlerin zum Geburtstag geschenkt. Ehrlich gesagt ist er mir ausgerechnet heute von meinem Atelierschlüssel abgerissen. Ob das wohl eine Bedeutung hat? Es macht mir nichts aus, über so etwas Profanes wie diesen Anhänger zu sprechen.

Vielleicht wäre es jedoch unangenehm, zu sagen: "Das ist ein total wichtiges Teil."

Madonna-Maxi Irgendwann habe ich alle meine Schallplatten weggeworfen - bis auf diese von 1985, da war ich 17. Sie erinnert mich daran, wo ich herkomme: nämlich nicht aus einer intellektuellen Umgebung. Man darf nicht vergessen, wie man angefangen hat. Zwischen Pop und Kunst gibt es Übergänge.

Auch in der Popkultur geht es um Künstlichkeit.

Scooter-Puppe Viel gibt's nicht mehr aus meiner Kindheit, weil ich immer alles auf dem Flohmarkt verkauft habe. In der Muppet-Show ist Scooter der Neffe des Theaterbesitzers. Weil man ihn nicht rausschmeißen konnte, wurde er als Handlanger beschäftigt - ein unsympathischer Charakter: kein Schauspieler, kein Star wie Kermit oder Miss Piggy. So ähnlich sehe ich auch die Rolle des Künstlers.