Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 90-91

Neuland sogar für Experten

Von Adrienne Braun

Gegen jede Vernunft. Surrealismus Paris - Prag Wilhelm-Hack-Museum/Kunstverein, Ludwigshafen, 14.11.-14.2.2010

VORSCHAU Neben Paris war Prag ein wichtiges Zentrum des Surrealismus, das erst jetzt umfassend im Westen vorgestellt wird. An zwei Ausstellungsorten werden surrealistische Tendenzen vor allem in Film und Fotografie präsentiert

Beim Stichwort Surrealismus sind die Namen schnell zur Hand: Max Ernst, René Magritte oder Giorgio de Chirico. Das Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen will nun ein neues Kapitel öffnen mit der Ausstellung "Gegen jede Vernunft. Surrealismus Paris - Prag." Denn: "Prag war neben Paris die wichtigste Szene in Europa", sagt Direktor Reinhard Spieler, aus politischen Gründen seien die tschechischen Surrealisten im Westen aber kaum gezeigt worden.

Deshalb seien viele Werke sogar für Experten Neuland.

Zu den bekanntesten Pragern gehört die Malerin Toyen, die nach Paris zog und in ihren Gemälden in Traumwelten entführt wie bei der "Schläferin" von 1937, die nur noch eine leere Hülle ist, deren Geist sich auf Reisen begeben hat. Künstler wie Jindrich Štyrský oder Karel Teige werden ebenfalls in Ludwigshafen vorgestellt, wobei es Spieler weniger um einen Stil oder das historische Phänomen Surrealismus geht, sondern um eine Lebenshaltung. "Für mich ist der Surrealismus die absolute Freiheit des Denkens", sagt er. Deshalb hält er nicht - wie meist in der Literatur - das Jahr 1945 für das Ende des Surrealismus, sondern erst 1969. Der Sozialismus habe die Prager Surrealisten in ihrem Streben nach geistiger Freiheit sogar besonders eng aneinander geschweißt.

Während der Kunstverein Ludwigshafen am Rhein zeitgleich surrealistische Fotografien zeigt, sind im Wilhelm-Hack-Museum Malerei, Skulpturen und Filme zu sehen - vor allem die ebenso skurrilen und komischen wie nachdenklich stimmenden Filme von Jan Švankmajer. Er ist einer der letzten noch lebenden tschechischen Surrealisten und feierte jetzt seinen 75. Geburtstag. Die Ausstellung will an alle Sinne appellieren - wie es die Surrealisten auch taten, indem sie Kaffeeduft verbreiteten oder mit einem Kohleofen Lichteffekte inszenierten.

Gezeigt werden natürlich auch Werke so berühmter Künstler wie Salvador Dalí, René Magritte, Max Ernst, André Masson und Meret Oppenheim, dazu zahlreiche Werke von Giorgio de Chirico und Hans Bellmer bis hin zu Leonor Fini und dem rumänischen Maler Victor Brauner (Katalog:

Belser Verlag, 29,90 Euro).

In Ludwigshafen wird ein Raum der legendären Pariser Surrealisten-Schau von 1938 als maßstabsgetreue Teilrekonstruktion nachgebaut, in dem Kohlensäcke von der Decke herunterhingen und in dessen Mitte ein künstlicher Tümpel war. Die Besucher werden mit Taschenlampen auf Entdeckungsreise gehen, um, so Spieler, "durch neue Zusammenhänge zu einer neuen Wahrnehmung zu kommen".

Bildunterschrift:

Rechts: Karel Teiges "Collage Nr. 196" (1941, 23 x 17 cm).

Ganz rechts:

"Majakowskis Weste" (1939, 64 x 58 cm) von Jindrich Šyrský