Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 88-89
Sammler von Erinnerungen
Von Undine Von Rnn
Pedro Cabrita Reis Kunsthalle, Hamburg, 31.10.-28.2.2010
VORSCHAU Eine Werkschau des portugiesischen Künstlers Pedro Cabrita Reis - sie ist die erste Präsentation der neuen Leiterin der Galerie der Gegenwart, Sabrina van der Ley
UNDINE VON RÖNNUm sein Werk zu verstehen, sagte Pedro Cabrita Reis, müsse man erst einmal in Lissabon an der Hafenmole stehen und die "saudade" (jenes vielbesungene Gemisch aus Fern- und Heimweh) spüren, das man beim Blick auf die Weite des Tejo empfinden kann. Und: Er sei ein Sammler, ein , hauptsächlich den eigenen. So sinnlich und poetisch das klingt, so sachlich und hermetisch wirken viele seiner Arbeiten auf den ersten Blick.
Cabrita Reis, der 1956 in Lissabon geboren wurde, ist einer der bedeutendsten portugiesischen Künstler. 1992 nahm er an der Documenta 9 teil, 2003 vertrat er Portugal auf der Venedig-Biennale. Er arbeitet seit den achtziger Jahren an zeitlosen, universellen Themen wie Raum, Architektur, Territorium.
Seine dabei verwendeten Medien sind industriell hergestellte und gefundene Materialien sowie Farbe und Licht. Seine Motive sind lakonisch und eindringlich zugleich: ein Fenster, eine Treppe, ein Regal, ein Brunnen, eine Wand. Irritierend dabei:
Die Fenster sind meist übermalt oder verklebt, Treppen enden im Nirgendwo, Brunnen haben kein Wasser - die natürlichen Eigenschaften sind ihnen genommen.
Die Hamburger Kunsthalle zeigt nun in der bisher umfangreichsten Werkschau des Künstlers - der ersten seit 1996 in Deutschland - rund 60, zum Teil raumgreifende Skulpturen, Fotografien, Gemälde und Zeichnungen aus der Zeit von 1985 bis 2009. Neben Leihgaben aus wichtigen Museen und Privatsammlungen wird die neue Kuratorin der Galerie der Gegenwart, Sabrina van der Ley, in ihrer Debütausstellung auch neue Werke des Künstlers vorstellen, die Cabrita Reis eigens für die Schau in der Kunsthalle konzipiert hat. Weitere Stationen der Ausstellung (Katalog:
Hatje Cantz Verlag, mit Texten von António Lobo Antunes, Sabrina van der Ley, Pedro Cabrita Reis, 48 Euro) sind das Musée Carré d' Art in Nîmes und das Museu Colecção Berardo in Lissabon.
Charakteristisch für Cabrita Reis sind Werkgruppen wie "Blinde Städte", "Cidades cegas" oder "Dans les villes" (in der Kunsthalle zu sehen), aus gesammelten Sperrholzplatten, Karton, Aluminiumstücken und Klebeband gebaute Objekte, die an Elendsquartiere am Rande mancher Großstädte erinnern können. Oder auch nicht. Die Leere und Verlassenheit der vom Künstler geschaffenen Orte geben dem Betrachter Raum für seine ganz eigenen Konnotationen und Assoziationen. Diese architektonischen Assemblagen mit ihren verklebten, vermauerten, mit Kartonstücken verschlossenen Fenstern und Türen können auch für das allgemeine Unbehaustsein der Menschen stehen, worin Sabrina van der Ley eines der wichtigsten Leitmotive von Cabrita Reis sieht.
Bildunterschrift:
Pedro Cabrita Reis: "I Dreamt Your House Was a Line", in den Maßen variable Rauminstallation von 2003
