Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 74-76

Potz Blitz!

Von Barbara Hein

Julius von Bismarck, Nachfahre des Eisernen Kanzlers, will die Welt verändern. Er hat den Image-Fulgurator erfunden, eine Maschine mit der ihm das gelingen könnte - zumindest für einen Augenblick

Das Erste, was man von Julius von Bismarck sieht, ist Haar: Ein brustlanger Vollbart bedeckt sein Gesicht, das Kopfhaar trägt er glatt und gerade wie einen Helm. Der 25-jährige Künstler sticht selbst im Chaos des 1. Mai in Berlin-Kreuzberg aus der Masse. Er steht unten auf der Straße am Bahnhof Kottbusser Tor mit einer schweren Umhängetasche über der Schulter und sondiert mit wachen Augen das Geschehen. "Ich muss dahin, wo es brennt", diagnostiziert er vollkommen sachlich, "aber angreifen kann ich erst, wenn es dunkel ist." Bismarcks Waffe ist der "Image Fulgurator" - ein Gerät, das er selbst erfunden hat und das aussieht wie ein Fotoapparat. Der Fulgurator - zu Deutsch "der Blitzschleuderer" - nimmt keine Bilder auf, sondern sendet Projektionen aus. Bismarck hat ihn aus einer alten analogen Fotokamera gebaut.

Ein Sensor reagiert auf fremde Blitze und löst einen Blitz aus, der im Inneren des Fulgurators hinter der Klappe angebracht ist, wo eigentlich der Film sitzt. Dort steckt beim Fulgurator eine Schablone - ähnlich wie ein Diabild. Durch den inneren Blitz wird das Schablonenbild durch ein Objektiv hinausgeworfen in die Welt, wo es für ein paar mit dem Auge nicht wahrnehmbare Millisekunden aufleuchtet. Festgehalten wird Bismarcks Lichtstempel von der fremden Kamera, die den Fulgurator ursprünglich in Gang gesetzt hat.

Im Internet kann man auf "Youtube" sehen, wie Bismarck am Checkpoint Charlie erfolgreich Schnappschüsse von Touristen manipuliert: Ein junges Paar macht in der Dämmerung ein Foto des "Sie betreten den amerikanischen Sektor"-Grenzschilds und blickt anschließend verdutzt auf den Bildschirm der Digitalkamera. Auf die Frage, was sie verwundere, halten sie ihr Display in die Filmkamera: Quer über den historischen Schriftzug leuchtet auf Englisch "Hunderte von Menschen starben letztes Jahr, als sie genau das an der amerikanischmexikanischen Grenze versuchten". Bismarck nennt solche Aktionen "touris tische Gedächtniserweiterung".

Bismarck ist mit einem Team unterwegs:

Ein Freund agiert als Blitzgeber und Fotograf, ein anderer dreht eine Dokumentation über ihn, der Dritte ist der Schauspieler Robert Stadlober, der "ein Freund und ein Fan" von Bismarck ist. Zu viert stürmen sie dorthin, wo die Pressefotografen in den Krawallen auf gute Bilder lauern: mitten in den Stein- und Flaschenhagel. Das Fulgurator- Magazin ist mit einer Bundesadler- Schablone geladen, das Ziel: die Polizei. Bismarck erklärt ein paar Tage später in seinem Atelier: "Medienfotos von Demonstrationen - wie zum Beispiel die vom G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm - erinnern mich an alte Schlachtenbilder. Diese Wahrnehmung möchte ich überspitzen, indem ich der Polizei den deutschen Adler wie ein Ritterwappen auf die Brust projiziere. Das Staatssymbol dramatisiert das Foto." Als Gymnasiast in Berlin hatte er die Leistungskurse Kunst und Physik, nach dem Abi studierte er Informatik, wechselte aber schnell an die Universität der Künste in die Klasse "Gestalten mit digitalen Medien" von Joachim Sauter. Dort erfand er Apparate wie den "Top-Shot-Helmet" (2007), einen Helm, über dem eine an einem Ballon befestigte Kamera "schwebt" und die Bewegung des Trägers im Raum direkt auf eine Videobrille im Helm projiziert. Der Effekt:

Man beobachtet sich selbst aus der Vogelperspektive.

Mittlerweile ist Bismarck Schüler von Olafur Eliasson und hat seinen Arbeitsplatz in dessen "Institut für Raumexperimente", einem hellen Großraumatelier im Berliner Pfefferberg-Komplex.

Die Aktion, die ihm bisher die größte Aufmerksamkeit beschert hat, war Barack Obamas Wahlkampfbesuch in Berlin. Akkreditiert als Pressefotograf, stand Bismarck mit dem Fulgurator vorn in der knipsenden Menge und genoss, wie er das Rednerpult auf Abertausenden von Bildern mit einem christlichen Kreuz stempelte. "Ich war fasziniert von der stark sakral aufgeladenen Symbolik, mit der Obama im Wahlkampf operierte - diesen Bogen wollte ich noch weiter spannen." Es ist ihm gelungen. In den nächsten Tagen überschlugen sich die internationalen Blogger vor Begeisterung ob dieses mysteriösen Erlöserzeichens auf der Heilsbringerkanzel. "Es gab aber auch Wut", räumt Bismarck ein. "In gewisser Weise dringe ich ja in die Privatsphäre der Menschen ein. Ich manipuliere ihre Erinnerungen, ihr Bewusstsein - wenn man will ihre Weltsicht." Die spektakulärste und für Bismarck wichtigste Fulgurator-Aktion fand 2008 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking statt. Mitten auf dem streng überwachten Platz mischte er sich in die knipsende Touristenmenge und projizierte eine Friedenstaube auf das große Mao-Porträt. "Ich hatte wahnsinnige Angst", erzählt er, "dafür hätte ich sofort verhaftet werden können. Die Tatsache, dass erfolgreiche Fulgurationen unbemerkt passieren, hat mich gerettet." Darauf angesprochen, ob ihm klar sei, was für ein enormes interpretatorisches Kraftfeld sich auftue, wenn ein Nachfahre des ersten deutschen Reichskanzlers - dem Erfinder von Unfall-, Renten- und Krankenversicherung - am Tag der Arbeit das deutsche Wappentier auf Ordnungshüter schießt, muss er fast lachen. "Ich arbeite nicht bewusst mit dem Bezugsfeld, das meinen Name birgt", reagiert er nach einer Bedenkminute, "aber ich kann auch nichts dagegen tun, dass eine Interpretation dadurch beeinflusst wird." Obwohl Bismarck noch bis in die frühen Morgenstunden im Zentrum der Berliner Mai-Krawalle fulguriert und sich sicher ist, diverse Pressefotografen "erwischt" zu haben, erscheint in den nächsten Tagen kein einziges von ihm manipuliertes Bild in den Medien. "Eigentlich verändere ich nicht die Fotos", erklärt er später bei der Sichtung des Materials. "Ich verändere die Wirklichkeit in dem Moment, in dem ein Foto entsteht." Bismarck weiß, dass sich mit so einem Apparat in anderen Branchen viel Geld verdienen ließe. Die internationale Werbeindustrie hat längst seine Witterung aufgenommen und bietet ihm viel Geld für die Erfindung, mit der man Werbeslogans direkt in die Erinnerungen der Konsumenten schmuggeln könnte. Für Bismarck ist das eine Horrorvorstellung, die er um jeden Preis verhindern will: "Ich werde mich in nächster Zeit wohl nicht so sehr mit der menschlichen Vorstellung von Realität auseinandersetzen, sondern mit den Finessen des internationalen Patentrechts."

Bildunterschrift:

"Eine erfolgreiche Fulguration passiert vollkommen unbemerkt - das rettet mich immer wieder"

Polizei mit Ritterwappen: Bei den Maikrawallen fulgurierte Bismarck furchtlos an vorderster Front

Erlöser mit Kreuz: Das mysteriöse Kruzifix auf Obamas Rednerpult wurde weltweit diskutiert

Tyrann mit Taube: Auf dem Platz des Himmlischen Friedens riskierte Bismarck Kopf und Kragen

Künstler mit Werkzeug: Julius von Bismarck mit seiner Erfindung, für die sich nun auch die Werbewelt interessiert

"Ich kann nichts dagegen tun, dass mein Name die Interpretation meiner Arbeit beeinflusst"