Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 103

"Museen haben heute ein Riesenproblem"

Von

Karlheinz Essl, österreichischer Sammler, Unternehmer und Leiter des Essl-Museums, über knappe Kassen und Zukunftsvisionen art: Wie sieht das Museum der Zukunft aus?

Karlheinz Essl: So wie unser Museum in Klosterneuburg! Ein Museum soll kein geheiligter Tempel sein, bei dem man sich vor lauter Ehrfurcht gar nicht mehr traut zu reden, sondern ein offenes Haus der Begegnung mit der zeitgenössischen Kunst, mit Ausstellungen, Konzerten und Performances. Bei uns kann man der Hektik der Großstadt entfliehen, sich mit Freunden treffen und mit und durch die Kunst entspannen.

Auch die Kunstvermittlung hat in unserem Museum einen bedeutenden Stellenwert. Bei uns sind sieben Kunstvermittler angestellt, die täglich Programme für unterschiedlichste Besuchergruppen anbieten. Das fängt bei Kindergartenkindern an und geht bis zum "Team-Painting" für Topmanager.

Was unterscheidet private von öffentlichen Museen?

Bei öffentlichen Museen wollen immer viele politische Parteien und Entscheidungsträger mitreden.

Wir sind da freier - gerade auch im Ausstellungsprogramm.

So haben wir eine Ausstellung mit israelischen und palästinensischen Künstlern gemacht.

Das hätte kein Wiener Museum realisieren können.

Und mit Harald Szeemann habe ich 2003 die Ausstellung "Blut & Honig - Zukunft am Balkan" mit 70 Künstlern aus elf Ländern konzipiert. Alleine der Kostenaufwand hätte wahrscheinlich jeden Museumsdirektor den Kopf gekostet.

Wie sollten sich Direktoren angesichts der Krise verhalten?

Museen als kollektives Gedächtnis einer Nation, die ein kulturelles Erbe für die Nachwelt aufbauen sollen, haben heute ein Riesenproblem.

Direktoren können den Betrieb ja kaum aufrechterhalten, geschweige denn neue Werke ankaufen. Mit meiner Ausstellung "Aspekte des Sammelns" wollte ich auf dieses Versäumnis aufmerksam machen, die knappen Budgets der Museen thematisieren und die Diskussion darüber anregen.

Bildunterschrift:

"Wir versuchen zentrale Werke der bedeutendsten Künstler zu erwerben": das Louisiana Museum in Humlebæk über den Ankauf von Tal R "Adieu Interessant (brown)" (2005/08)

Das polnische Museum in Lodz kaufte Liam Gillicks Installation "Prototype Partition for a Lamp Factory" (2002)

Sammlerpaar Essl und ihr Museum bei Wien