Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 102
Shoppen zum Geburtstag
Von Alain Bieber
KULTURPOLITIK Die Ausstellung "Aspekte des Sammelns" im Essl-Museum in Klosterneuburg thematisiert das größte Problem der Museen: fehlende Ankaufsbudgets
Das Sammlerpaar Agnes und Karlheinz Essl hat sich zum zehnjährigen Bestehen ihres Museums in Klosterneuburg bei Wien etwas Besonderes einfallen lassen: Zehn internationale Museen bekamen ein Budget von je 300 000 Dollar und durften damit frei und ohne Einschränkungen neue Kunstwerke ankaufen.
Ausgewählt wurden die dänischen Museen Arken Museum of Modern Art in Ishøj und das Louisiana Museum for Moderne Kunst in Humlebæk, das India Habitat Centre in Neu- Delhi, das MART in Rovereto, das Museum der Moderne Salzburg, das Museum of Contemporary Art Tokyo, das Museum Sztuki in Lodz, das Frankfurter Städel-Museum, das Museum für zeitgenössische Kunst in Zagreb und die Tate Liverpool.
Die Exponate sind noch bis zum 7. Februar im Rahmen der Ausstellung "Aspekte des Sammelns" im Essl-Museum zu sehen, danach wandern sie für zehn Jahre als Dauerleihgaben in die jeweiligen Institute.
Das Experiment verspricht für beide Seiten Gewinn: Privatsammler Essl lässt angesehene Museumsdirektoren und -kuratoren für sich einkaufen, die zehnjährige Präsenz in deren Häusern nobilitiert die Arbeiten - Wertsteigerung wahrscheinlich. Die Museen können mutige Käufe wagen und ihre Schwerpunkte ergänzen - ganz ohne Rücksicht auf die Interessen und Vorlieben von Sponsoren und Freundeskreisen.
Die Aktion verweist auf das prekäre Verhältnis von renommierten, aber notorisch klammen öffentlichen Häusern und privaten Sponsoren und Leihgebern beim Ausbau der Sammlungen. "Fehlende Erwerbungsetats machen eine planmäßige Sammlungserweiterung nur noch in Ausnahmefällen möglich", konstatierte bereits vor Jahren die Enquetekommission des Deutschen Bundestags.
"Der Ankaufsetat der drei Münchner Pinakotheken ist eine Lachnummer", spottet Armin Zweite, Direktor des Museums Brandhorst. Das Budget der Pinakotheken beträgt 40 000 Euro im Jahr, er selbst kann aus der Stiftung Brandhorst über etwa zwei Millionen Euro verfügen.
Ob das Carte-Blanche-Modell von Essl als Zukunftsvision taugt, wird sich erst noch erweisen müssen. Eine Frage aber scheint beantwortet - ob nämlich die angeblich so objektiven und ewigkeitsbesessenen Direktoren und die angeblich so gewinnorientierten, hypeverliebten Privatsammler so völlig unterschiedlich kaufen? Sarah Morris, Tal R, Anselm Reyle machen sich über dem Sofa genauso gut wie im Museumssaal.
Bildunterschrift:
"Beharrliche Konzentration auf die Fläche, Spiel mit anregenden Oberflächeneffekten und das Schwelgen im verführerischen Glanz":
So lautet die Begründung der Tate Liverpool für den Ankauf des Gemäldes "1972 (Rings)" (2006) von Sarah Morris
