Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 38-45
Es werde Licht!
Von Alain Bieber
Pierre Soulages ist der letzte Überlebende einer Epoche: Seit 63 Jahren malt der französische Altmeister der Abstraktion seine schwarzen Bilder. art hat Soulages in seinem Pariser Atelier besucht
Er hat Glück, er gleicht seiner Malerei!" Das sagte der Maler Franz Kline, als er Pierre Soulages das erste Mal auf einer Vernissage sah. Und meinte: massiv, kraftstrotzend, charismatisch und geheimnisvoll. Am 24. Dezember wird Soulages 90 Jahre alt - und hat sie alle überlebt. Die französischen Präsidenten, De Gaulle, Pompidou, Mitterrand, seine Kritiker, Künstlerfreunde und Weggefährten, Picabia, Hartung, Rothko, die Epochen der Moderne, Fluxus, Pop Art, Op Art. Soulages blieb Soulages. Und malt, kompromisslos, radikal, konsequent, seit 63 Jahren seine schwarzen, archaischen Bilder.
Es passt, dass sich sein Pariser Atelier im fünften Arrondissement ganz in der Nähe zum Panthéon befindet, der nationalen Ruhmeshalle der französischen Geschichte.
Denn Soulages ist bereits selbst zu einer Legende geworden. 1948 war er Teil der ersten Wanderausstellung über "Französische abstrakte Malerei" im damals noch völlig zerstörten Nachkriegsdeutschland, mit 35 Jahren nahm er 1955 an der ersten Documenta in Kassel teil. Heute ist er der letzte noch lebende Künstler dieser epochalen Ausstellung. Es folgten die Teilnahme an der Documenta 2 und 3, Retrospektiven auf der ganzen Welt und der Praemium Imperiale, der "Nobelpreis der Künste". Außerdem ist Soulages der erste Künstler, der in der Eremitage in St. Petersburg zu Lebzeiten gezeigt wurde, und seine südfranzösische Heimatstadt Rodez baut ihm ein Museum, das 2012 eröffnen soll.
Und dann sitzt er da, Frankreichs bekanntester lebender Maler, auf einem einfachen Holzstuhl, wie immer komplett in schwarz gekleidet, seine Haare leuchten strahlend weiß, tiefe Falten zerfurchen seine Stirn, er wirkt wie ein weiser Druide, lauscht den Fragen und antwortet ruhig, konzen triert, bescheiden. Und schwärmt doch wie ein junger Liebhaber von seiner Leidenschaft: der Malerei und der Farbe Schwarz. "Schwarz ist die Ursprungsfarbe der Menschheit und der Kunst", sagt er und erzählt voller Begeisterung von der steinzeitlichen Malerei in der Tropfsteinhöhle Pech Merle in Südfrankreich.
"Auch die ersten Menschen in ihren dunklen Grotten haben mit Schwarz gemalt - das ist doch bemerkenswert! Und wenn ein Baby geboren wird, sagt man, es habe das Licht der Welt erblickt, weil es vorher, im Bauch der Mutter, im Dunkeln war." Der Boden in seinem Atelier ist mit dickem Karton ausgelegt, übersät mit kleinen, schwarzen Farbsprenkeln. Ansonsten stehen hier nur noch ein Halogenstrahler, ein schlichter Tisch, drei weitere Holzstühle, und an der Wand lehnen zwei neue, monumentale Arbeiten. "Mir ist bewusst, wie alt ich bin und dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt. Deshalb arbeite ich die ganze Zeit", sagt er, und fügt fast flüsternd hinzu: "Malen ist das Einzige, was ich wirklich liebe." In einer Ecke des Raumes hängt sein Werkzeug, geordnet, griffbereit, seine Pinsel, Bürsten, Eisenhaken und Spachtel in allen Größen.
"Als ich 1946 nach Paris kam, war ich abgestoßen von den Geschäften für Künstlerbedarf", erzählt er, als wäre es erst gestern gewesen. "Ich fand diese kleinen Farbtuben, die wie Zahnpasta aussahen, und diese schicken Pinsel mit ihren verchromten Fassungen und lackierten Stielen furchtbar." Soulages kaufte sich sein Werkzeug lieber im Handwerkerbedarf, das erschien ihm ehrlicher, bodenständiger. Er begann mit Nussbeize auf Papier zu malen und mit Teer auf Glasscheiben. "Lange vor der Arte Povera habe ich mit solchen armen Materialen gearbeitet", sagt er. "Und ich war der Erste, der mit den Reflexionen des Lichts auf Schwarz gearbeitet hat." Während der deutschen Besatzungszeit in Frankreich wurde Soulages zur Zwangsarbeit verpflichtet, tauchte unter und lebte mit gefälschten Papieren zunächst als Weinbauer in Montpellier. "Wenn man mich gefangen hätte, wäre ich ins KZ gekommen." Aber Soulages hatte Glück, traf hier Intellektuelle wie die Künstlerin Sonia Delaunay- Terk und den Schriftsteller Joseph Delteil und besuchte immer wieder das Musée Fabre. "Mein Zugang zur Kunst begann mit prähistorischen Zeichnungen und mittelalterlicher Malerei", erzählt er. Soulages ist fas ziniert von keltischen Skulpturen, den Gra vuren auf Menhiren, romanischen Kirchen und Mystikern wie Robert Fludd. "Er hat das erste schwarze Quadrat gemalt, und nicht Kasimir Malewitsch. Das weiß nur fast niemand." Seine erste öffentliche Ausstellung hatte Soulages im Pariser "Salon des Surindépendants", hier traf er auf Francis Picabia, dem seine Arbeiten sofort gefielen "Er fragte mich, wie alt ich sei", erzählt Soulages.
"Ich sagte 27. Da lachte er und meinte:
In Ihrem Alter und mit dem was Sie machen, werden Sie bald viele Feinde haben.
Das hatte Camille Pissarro ihm auch einmal gesagt." Soulages freut sich noch heute über dieses Kompliment. Viele Feinde wurden es nicht, aber auch nicht viele Freunde. Soulages war nie Mitglied einer Gruppe oder Bewegung, weder in der Politik noch in der Kunst. "Gruppen haben mir immer Angst gemacht", sagt er. "Das ist wie bei Stämmen, bei denen es immer einen Häuptling geben muss. Ich war schon immer ein Individualist. Und ich würde auch jedem jungen Künstler heute raten: Schau in dich und nicht um dich herum!" Genau dies macht sein Werk so einzigartig. Karlheinz Essl, österreichischer Unternehmer und Besitzer einer der größten Soulages- Sammlungen außerhalb Frankreichs, hat einst mit dem Künstler die Klosterkirche Sainte-Foy de Conques besucht, für die Soulages die Glasfenster gestaltete. "Soulages ist einer der ganz großen, weisen Männer unserer Zeit, ein Philosoph und Künstler gleichermaßen", schwärmt Essl noch heute. "Er hat ein so unglaublich faszinierendes Werk geschaffen, das man mit nichts anderem vergleichen kann. Jahrzehnte lang nur mit Schwarz zu malen und dabei immer wieder Innovationen und Veränderungen zu finden - das ist Radikalität pur." Soulages begann mit balkenartigen Bahnen, kalligrafiehaften Formen, rhythmischen und tanzenden Pinselstrichen. Dann, nach 1979, verschwanden alle Farben, das dunkle Braun und Blau und die weißen Ränder der Leinwand, fast vollständig. Soulages erinnert sich an diesen Umbruch genau. Er malte damals acht Stunden lang unaufhörlich an einem Bild, war unzufrieden, überzog die Leinwand immer wieder und wieder mit schwarzer Farbe, blieb aber unzufrieden.
Frustriert ging er schlafen und betrachtete das Bild am nächsten Tag erneut. Da wurde ihm klar: Er hatte die Dunkelheit bezwungen.
Aus der Übertreibung entstand das Gegenteil - Soulages hatte aus Schwarz das Licht erschaffen. Von diesem Moment an wurden seine Bilder immer schwärzer, aber nicht dunkler. Im Gegenteil: Die Komposition besteht plötzlich nur noch aus Spachtelspuren und Bürstenstrichen. Und je dicker Soulages die Farbe auftrug, desto leuchtender wurden seine Gemälde. Die Farbe selbst spielt keine primäre Rolle: "Ich glaube nicht an die Symbolik der Farben. Das ist albern!
Frauen tragen bei Festlichkeiten schwarze Abendkleider, die Kutten der Benediktiner sind schwarz und die Roben der Richter, aber auch die Revolte und Anarchie sind schwarz. Und in arabischen Ländern und China ist Weiß eine Farbe der Trauer." Soulages malt keine schwarzen Medidationstafeln wie Ad Reinhardt, keine Gemütszustände wie der deutsche Informelmaler Hans Hartung, keine monochromen Bilder wie Yves Klein. Auch hat seine Malerei nichts von der aggressiven und rauschhaften Malerei der Abstrakten Expressionisten Jackson Pollock und Franz Kline. Soulages modelliert Licht, seine Bilder haben reliefartige Strukturen, die schwarzen Farbschlieren lassen die Oberfläche vibrieren, die glänzenden Furchen und matten Rillen graben sich in die Leinwand, schlucken das Licht und spucken es wieder aus. Seine Bilder sind keine schwarzen Löcher, sondern schwarze Spiegel. "Das Licht geht vom Gemälde zum Betrachter", erklärt Soulages. "Als die perspektivische Malerei aufkam, lag der Raum der Bilder plötzlich hinter der Wand. Aber bei mir liegt er davor." Bei seinen Werken steht man im Bild, wird förmlich in das Bild hineingezogen. Es ist eine physisch erfahrbare Malerei, die sich durch den Standpunkt des Betrachters und den Lichteinfall ständig verändert. Aber es geht Soulages nicht um diese optischen Effekte, sondern um die Dynamik der Gefühle, die das Objekt beim Betrachter auslöst, und um die Präsenz. "Figurative Maler sind Idealisten", erklärt er. "Mit der Realität hat das nichts zu tun. Und alle Gemälde, die etwas anderes als sich selbst zurücksenden, wie zum Beispiel die Psychologie des Malers oder etwa ein Bild, schwächen ihre Präsenz." Damit seine Bilder noch intensiver als Objekte erfahrbar sind, hängen die großformatigen Werke bei Ausstellungen deshalb oft an Drahtseilen befestigt von der Decke. "Ich wollte nicht, dass meine Bilder wie Fenster wirken", sagt er. "Sie sollen an die Stofflichkeit von Wänden erinnern." Soulages geht es um die Malerei selbst, um die Reinheit der Formen und Proportionen.
Auch deshalb gibt es als Bildtitel nur einen Hinweis auf das Medium, ein Datum und eine Maßangabe. Denn alle seine Bilder sind genau kalkuliert, nach dem Goldenen Schnitt oder der Zahlen- und Lichtmetaphysik mittelalterlicher Mönche. Das ist eines seiner Geheimnisse. Denn in all ihrer Ra - dikalität wirken seine Bilder harmonisch, in sich ruhend, so wie Soulages selbst. Und so ertränkt Soulages weiterhin die Leinwände im Schwarz, beseelt von der Idee Licht und Raum erfahrbar zu machen. Und, hat er nach 63 Jahren sein Ziel erreicht? "Ich weiß doch gar nicht, wo ich hin möchte", antwortet er da. "Das, was ich tue, lehrt mich, wonach ich suche. Und jeden Morgen plagen mich erneut Zweifel. Aber ich lebe noch. Ich habe Lust zu malen. Et voilà."
Termin: Soulages. Centre Pompidou, Paris, bis 8. März 2010. Katalog: Soulages. In Französisch, 44,90 Euro. Literatur: Pierre Encrevé.
Soulages. 90 peintures sur toile. 90 peintures sur papier. 2 Bände in Französisch. Editions Gallimard, 2007
Bildunterschrift:
Der Bildhauer des Lichts: Pierre Soulages, bald 90 Jahre alt
"Gemälde 290 x 654 cm, Januar 1997 (Polyptychon)"
"Gemälde 324 x 181 cm, 17. März 2005 (Polyptychon)" (links); "Gemälde 324 x 181 cm, 30. Dezember 1996 (Polyptychon)"
"Meine Werke sollten wie Wände wirken": physisch erfahrbare Malerei - "Soulages" im Pariser Centre Pompidou (bis 8. März 2010)
Soulages geht es um die Reinheit der Formen: "Figurative Maler sind Idealisten! Mit der Realität hat das nichts zu tun"
