Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 28-37
Boticelli Superstar - Sandro Botticelli
Von Petra Bosetti
Sandro Botticelli hat unsere Vorstellung der italienischen Renaissance so stark geprägt wie kein anderer Maler. Jetzt zeigt das Frankfurter Städel die erste Werkschau in Deutschland. Eine Feier der Anmut und Melancholie.
Sie war jung, sie war schön, man nannte sie "Königin der Herzen".
Und als Diana, Princess of Wales, besser bekannt als Lady Di, 1997 bei einem Autocrash in einem Pariser Straßentunnel ihr Leben ließ, schwappte eine Woge der Trauer um die ganze Welt. Gut 500 Jahre zuvor hatte sich Ähnliches in Florenz ereignet. Da starb Simonetta Ves pucci mit nur 23 Jahren an Tuberkulose, und der ganze Stadtstaat trug Trauer. Die Leiche der "bella Simonetta", wie Fürsten, Künstler und das Volk sie nannten, wurde öffentlich aufgebahrt, Dichter wie Bernardo Pulci rühmten ihre außergewöhnliche Schönheit, die selbst den Tod überwand.
Schon zu Lebzeiten hatte Simonetta, Inbegriff von Liebreiz und Tugend, Poeten und Maler inspiriert. Am 29. Januar 1475 fand in Florenz ein großes Turnier statt.
Obwohl längst die Neuzeit angebrochen war, stand es nach traditioneller mittelalterlicher Sitte ganz im Zeichen der Minne.
Die hatte nichts mit erotischem Abenteurertum zu tun, sondern war Ausdruck idealistisch verklärter Verehrung und nie realisierter Liebe. Giuliano de' Medici, Bruder von Lorenzo dem "Prächtigen", hatte seinen Auftritt beim edlen Wettstreit Simonetta, der "Regina della Bellezza" gewidmet.
Simonetta Cattaneo, Ehefrau von Marco Vespucci, einem Vetter des berühmten Entdeckers Amerigo, erschien auf der Standarte des Giuliano als Inkarnation der Pallas Athene, Göttin der Weisheit und des Krieges.
Diese Fahne stammte aus der Werkstatt eines der berühmtesten Maler seiner Zeit, Sandro Botticelli. Simonetta war dargestellt mit Helm, Turnierlanze und Schild. Neben ihr war der Liebesgott Amor zu sehen - von ihr an einen Baum gefesselt, seines Bogens und seines Köchers beraubt, die Pfeile zerbrochen. Auf einer am Baumstamm befestigten Schriftrolle prangte in goldenen Buchstaben "la sans par - die ohne gleichen".
Es sei "die poetisch überhöhte Geliebte selbst", schreibt der Kunsthistoriker Ulrich Rehm in seiner Botticelli-Biografie, die "gegen die Listen und Pfeile Amors gewappnet ist und den Aufwartungen des Verehrers widersteht".
Simonetta Vespucci ging nach ihrem frühen Tod ins kollektive Gedächtnis der Florentiner Gesellschaft ein, wurde zur Kultfigur, zur Legende. Nur allzu gerne sahen Zeitgenossen und auch Kunsthistoriker späterer Jahrhunderte in ihr das Modell für Künstler, vor allem für Sandro Botticelli.
"Der Wiederentdeckung Botticellis im Kreis der Präraffaeliten und seinem Aufstieg zum ästhetischen Leitbild im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgte die Wiederentdeckung des Kultes um die frühverstorbene Gattin des Marco Vespucci", schreibt Botticelli-Biograf Hans Körner, Professor für Kunstgeschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Dieser Kult sei "verbunden mit diversen Versuchen, die schöne Simonetta mit schönen Frauen auf den Bildern Botticellis zu identifizieren".
Der Kunstkritiker Richard St. John Tyrwhitt (1827 bis 1895) hielt Simonetta für das Modell zu Botticellis "Geburt der Venus".
Der italienische Kunsthistoriker Adolfo Venturi (1856 bis 1941) und der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen in Berlin, Wilhelm von Bode (1845 bis 1929), erblickten in der Venus in Botticellis berühmter Allegorie des Frühlings ein Abbild der Simonetta. Von dieser romantisch verklärten Sichtweise hielten dann aber nüchterne Kunsthistoriker wie Ernst Gombrich (1909 bis 2001) überhaupt nichts mehr - er grantelte von einem "Mythos", der das Bild "umwucherte" verwies die Annahme‚ "bella Simonetta" habe als Modell für die Venus gedient, ins Reich der "Legende" und wunderte sich nur noch über die "Zähigkeit", mit der "an ihr festgehalten wurde".
Betritt man heute den Raum 10-14 im zweiten Stock der Uffizien in Florenz, auch "Botticelli-Saal" genannt, so erblickt man allenthalben denselben Frauentyp: mit tief melancholischem Blick aus großen umflorten Augen, ganz nach innen versunken oder in eine unbekannte Ferne gerichtet, der den Betrachter nie erreicht, mit langer, sanft gerundeter Nase, mit schönen, vollen Lippen und einem - bei aller Lieblichkeit - ausgeprägten Kinn.
Simonetta Vespucci? Ein Mythos - zu schön, um wahr zu sein? Heute sehen das selbst gestandene Kunsthistoriker lockerer.
Es sei "nicht mehr verpönt, Frauen in Bildern Botticellis den Namen der schönen Simonetta zu geben", schreibt etwa Körner.
Um in den Bann der Simonetta zu geraten, muss man nicht unbedingt in die Uffizien.
Das Frankfurter Städel-Museum besitzt ein grandioses "Weibliches Idealbildnis", das mit dem Zusatz "Bildnis der Simonetta Vespucci" versehen ist und das Botticelli um 1480 auf Pappelholz gemalt hat.
Das überlebensgroße Brustbild zeigt eine junge Frau, deren perlendurchwirktes Haar zum einen durch ein kompliziertes Flechtwerk gebändigt ist, andere Strähnen aber umspielen locker das Gesicht. Um den Hals trägt sie eine Gemme, auf der die Sage des Künstlerwettstreits zwischen Apoll und dem Satyr Marsyas dargestellt ist. Das perlengeschmückte Geflecht aus Haaren, "Vespaio" genannt, kann als Anspielung auf den Namen "Vespucci" verstanden werden. Außerdem blitzt unter dem Ausschnitt des hellen Gewandes der winzige Streifen schwarz schimmernden Metalls einer Rüstung hervor - auch dies womöglich eine Anspielung auf Simonettas Rolle als Pallas Athene, wie Botticelli sie in der Standarte für Giuliano de' Medici dargestellt hatte.
Dieses Bild, ein Hauptwerk Botticellis und eine Inkunabel der Renaissancemalerei (siehe Kasten links), ist eines der Highlights in der Sammlung toskanischer und umbrischer Malerei des 14. bis 16. Jahrhunderts im Frankfurter Städel-Museum und zugleich Ausgangspunkt für die erste große Botticelli-Ausstellung im deutschsprachigen Raum. Sie ist in die Themenkreise Bildnis, mythologische Allegorien und sakrale Bilder aufgeteilt. Kustos Andreas Schumacher bekam, und das ist eine echte Sensation, erlesene Leihgaben aus den großen Museen dieser Welt. Die National Gallery of Art in Washington lieh das Porträt des Giuliano de' Medici, das nun in Frankfurt zusammen mit dem der Simonetta zu sehen ist. Andere Werke kamen aus den Uffizien, aus dem Pariser Louvre oder aus dem Metropolitan Museum of Art in New York. Außerdem wer den Werke von Zeitgenossen wie Botticellis eigenem Schüler Filippino Lippi (um 1457 bis 1504) oder Andrea del Verrocchio (um 1435/36 bis 1488) gezeigt.
Sandro Botticelli ist der Renaissancemaler schlechthin. Seine Bilder, in denen Liebreiz auf Melancholie trifft, sind zu Ikonen italienischer Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts geworden. Seine Malerei ist geprägt von der sensiblen Eleganz der Linienführung, mit der er vor allem transparente, fließende, sich bauschende Stoffe, wehende Haare und raffinierte Körperdrehungen in unnachahmlicher Weise darstellen konnte. Epochale Werke wie die "Geburt der Venus" oder die "Primavera" gehören wohl zu den populärsten Kunstwerken der Welt, und wer sie nicht im Original in den Uffizien gesehen hat, kennt sie von millionenfach gedruckten Reprodutionen.
Und dennoch stammt Botticelli (geboren um 1444) aus einer völlig unmusischen Familie - sein Vater war Gerber. Das Leben des Alessandro di Mariano di Vanni Filipepi, so sein richtiger Name, ist leidlich gut überliefert.
Nach dem Maler und Künstlerbiografen Giorgio Vasari war der Knabe in der Schule "stets unzufrieden und fand an keinem Unterrichte Gefallen, weder am Lesen, noch Schreiben". Wahrscheinlich eine Erfindung Vasaris, spätere Hisoriker attestieren ihm ohnehin eine sehr subjektiv gefärbte Sichtweise auf Leben und Werk Botti cellis. Damit wollte er wohl dessen Reputation schmälern und so den von ihm verehrten Michelangelo noch strahlender aussehen lassen. Denn: "In manchen Aspekten seiner Vita und seines künstlerischen Temperaments und Anspruchs kam Botticelli nämlich ausgerechnet dem von Vasari zum höchsten Idol erhobenen Michelangelo allzu nahe", so Ulrich Rehm, der für seine Botticelli-Biografie noch die Aufzeichnungen des Kaufmanns Antonio Billi und die Notizen eines Anonymus mit dem Notnamen Magliabechiano heranzieht.
Demnach scheint festzustehen, dass Sandro Filipepi, der den Spitznamen Botticelli ("Fässchen") vom wohlbeleibten Bruder Giovanni übernahm, beim Maler Fra Filippo Lippi (um 1406 bis 1469) in die Lehre ging. 1470 wurde er zum ersten Mal als selbständiger Meister erwähnt, etwa zur selben Zeit entstand ein frühes Meisterwerk, die "Rückkehr der Judith". Es vereint auf geradezu exemplarische Weise die Merkmale, die Botticellis unverwechselbaren Stil ausmachen: den energischen Ein satz der Linie als Ausdrucksträger, mit der Botticelli etwa im Faltenwurf des Kleides Dynamik und Bewegung erzeugt, das Nebeneinander von Schrecken und Anmut; immerhin hat die zierliche Judith soeben dem Holofernes das Haupt abgeschlagen. Botticelli hat zwei Versionen gemalt - eine ist in Florenz zu sehen, nach Frankfurt kam die Variante aus dem Cincinnati Art Museum.
Zwei Jahre später schrieb er sich in die Florentiner Lukas-Bruderschaft ein.
Botticelli avancierte schnell zu einem der gefragtesten Maler von Florenz, hatte eine große, gut florierende Werkstatt, die herrschende Familie Medici erkor ihn zu ihrem Favoriten. Einen spektakulären öffentlichen Auftrag bekam er 1478: Giuliano de' Medici war einem Attentat ("Pazzi-Verschwörung") zum Opfer gefallen, Botticelli malte für die Stadtregierung die Hingerichteten.
Es folgten Aufträge für Kirchen, etwa das Bild "Anbetung der Heiligen Drei Könige" für die Kirche Santa Maria Novella (heute in den Uffizien) oder das Fresko des heiligen Augustinus in der Kirche Ognissanti in Florenz. Schließlich wurde er von Papst Sixtus IV. nach Rom berufen, wo er in der Sixtinischen Kapelle unter anderem zwei große Fresken aus dem Leben von Moses malte.
Botticelli hat in seinem rund 65 Jahre währenden Leben wunderbare Meisterwerke gemalt - aber mit zwei Bildern verbindet heute wohl jeder seinen Namen: mit der Allegorie auf den Frühling, "Primavera", und mit der "Geburt der Venus". Er "fügt sich mit dem Gemälde nicht nur in den allgemeinen Schönheitskult des Quattrocento ein", schreibt Ulrich Rehm, "sondern er liefert in ,La Primavera' geradezu eine programmatische Begründung der Schönheit in der Malerei." Beide Bilder, die heute im Botticelli- Saal der Uffizien hängen, waren für private Zwecke gemalt worden. Die "Primavera", eine über drei Meter breite Holztafel, zeigt die Göttin der Liebe umringt von den drei Grazien, dem Götterboten Merkur, der blumenbekränzten Göttin Flora, dem Westgott Zephyros und der Nymphe Chloris; sie hing ursprünglich im Medici-Stadtpalast in Florenz, später im Landsitz Castello. Dort befand sich auch die auf Leinwand gemalte "Geburt der Venus". Über die letzten Jahre seines Lebens existieren verschiedene Versionen.
Vasari schmähte Botticelli als glühenden Anhänger des Bußpredigers Girolamo Savonarola, der "das Malen ganz vernachlässigte und, weil er dadurch alles Einkommen verlor, sich in die größte Verlegenheit stürzte".
Inzwischen scheint erwiesen, dass Botticelli mindestens bis zum 60. Lebensjahr noch gemalt hat und dann wohl an einer altersbedingten Krankheit litt. Er starb 1510 und wurde am 17. Mai des Jahres auf einem Friedhof nahe der Kirche Ognissanti begraben.
Der Stein des Familiengrabes soll nur den Namen des Vaters getragen haben.
Ausstellung: Städel-Museum, Frankfurt am Main, bis 28. Februar 2010. Tickets im Vorverkauf bei "Arttourist", www.arttourist.com Katalog: Hatje Cantz Verlag, 49,80 Euro. Literatur: Sandro Botticellis geheimnisvolle Werkstatt - Ein Buch für Kinder ab 6 Jahren, Hatje Cantz Verlag, zirka 12,90 Euro. Ulrich Rehm: "Botticelli. Der Maler und die Medici - Eine Biographie", Reclam Verlag, 2009; Hans Körner:
"Botticelli", DuMont Buchverlag, 2006; Frank Zöllner:
"Sandro Botticelli", Prestel Verlag, 2005; Ronald Lightbown: "Sandro Botticelli", Hirmer Verlag, 1989
Kasten:
Die Renaissance in Italien "Renaissance", Wiedergeburt, ist ein Begriff, den bereits der Maler und Künstlerbiograf Giorgio Vasari (1511 bis 1574) für die Kunst zwischen Mittelalter und Manierismus und Barock benutzte, der sich aber erst in der Kunstgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts durchsetzte. Bis dahin hatte in byzantinischer Tradition die flächige, ikonenhafte Malerei auf Goldgrund geherrscht.
Vasari führte als frühen Vertreter der neuen Malerei Giotto di Bondone an (um 1266 bis 1337).
Der hatte den feierlichen, aber planen Goldgrund durch das lichte, strahlende Blau des Himmels oder durch graues Mauerwerk ersetzt. Die wahre Revolution aber löste der Architekt Filippo Brunelleschi (1377 bis 1446) aus: Er entdeckte mit Hilfe der Geometrie die perspektivische Konstruktion und gab damit vor allem Malern ein Mittel an die Hand, den Raum in seiner ganzen Tiefe darzustellen. Masaccio (1401 bis um 1428) vollzog in der Malerei die Wendung zur Frührenaissance. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts "macht sich in der Toskana zunehmend eine Tendenz zu aristokratischer Verfeinerung bemerkbar", schreibt der deutsche Kunsthistoriker Manfred Wundram. Damals legten Maler wie Botticelli und sein Schüler Filippino Lippi Gewicht auf die Linie und einen großen Detailreichtum. Protagonisten der italienischen Hochrenaissance, etwa ab Beginn des 16. Jahrhunderts, waren Maler wie Giovanni Bellini (um 1430 bis 1516), Leonardo da Vinci (1452 bis 1519) und Michelangelo (1475 bis 1564).
Bildunterschrift:
"Rückkehr der Judith" (um 1470, 31 x 24 cm) aus den Uffizien
Das Traumpaar der Renaissance, jetzt in Frankfurt vereint:
"Weibliches Idealbildnis (Bildnis der Simonetta Vespucci)" (um 1480, 82 x 54 cm) - die "Königin der Schönheit" war Objekt unerfüllter Liebe für ...
... Giuliano de' Medici, hier im Botticelli- Porträt (um 1478/ 80, 76 x 53 cm). Es gehört der National Gallery of Art in Washington
In Florenz: "Muttergottes und Kind mit sechs Engeln (Muttergottes mit Granatapfel)" (um 1487, Durchmesser 144 cm)
Simonetta Vespucci, "Königin der Schönheit", wurde von Dichtern besungen und von Malern gefeiert, starb früh und ging als Legende ins kollektive Gedächtnis von Florenz ein
In den Uffizien: "Muttergottes und Kind mit fünf Engeln" (1480/82, Durchmesser 118 cm)
Die "Anbetung der Heiligen Drei Könige (Del-Lama-Anbetung)" (um 1475, 111 x 134 cm) wurde vom Bankier Guaspare di Zanobi del Lama in Auftrag gegeben - am rechten Bildrand soll sich Sandro Botticelli selbst dargestellt haben (siehe Ausschnitt oben)
Botticelli war der Sohn eines Gerbers und wurde zu einem der gefeiertsten Künstler seiner Zeit, zum Hausmaler der mächtigen Medici-Dynastie
Heute millionenfach reproduziert: die "Geburt der Venus" - Botticelli hatte das Bild ursprünglich für die Privatgemächer der Medici gemalt
Inkunabel der Renaissance-Malerei: Die "Geburt der Venus" (um 1485, 173 x 279 cm) gehört zu den Höhepunkten im Botticelli-Saal der Uffizien
