Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 73

Künstler sind keine Moralisten

Von Thomas Wagner

Große Aufregung um ein teuer verkauftes Bild von Martin Kippenberger (1953 bis 1997): Der Künstler habe es ja gar nicht selbst gemalt! Na und, sagt - und wundert sich darüber, dass sich alle wundern

WAGNERS KOLUMNE

Da wird in London ein Gemälde von Martin Kippenberger für umgerechnet 2,5 Millionen Euro versteigert, und schon kursiert zum Nachteil des Künstlers ein neues Wort: das des "Ghostpainters". Als sei Kippi auf Kosten eines fremden Pinselstrichs berühmt geworden und überhaupt ein Kumpan all jener, die sich das eigene kleine Leben von fremden Federn schmücken lassen. So ein Quatsch!

Selbst heute, wo doch alles erlaubt sein soll, kann es der Künstler mal wieder keinem recht machen. Nimmt er einen Auftrag an, schimpft man ihn Designer; erteilt er einen, gilt er auch nicht als rechter Künstler. Dabei hatte sich Kippenberger im Sommer 1992, als er das nun versteigerte Bild "Paris Bar" bei der Berliner Malerwerkstatt Werner-Werbung in Auftrag gab, nicht zum ersten Mal als Auftraggeber betätigt. Bis heute legendär ist seine Schau "Lieber Maler, male mir" 1981 im Realismusstudio der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst, einem basisdemokratisch organisierten Kunstverein in Berlin-Kreuzberg. Schon damals trieb ihn die Frage um, wie man malen kann, wenn man eigentlich nicht mehr malen kann.

Klar: Man lässt malen. Also gab er zwölf Bilder beim Kinoplakatmaler Werner in Auftrag. Als Vorlagen dienten Polaroids, und was herauskam, war die gemalte Skepsis gegenüber dem Malen.

Der Spießer aber hat es immer gewusst: Überall Scharlatane und Künstlerdarsteller, die nicht mal richtig malen können. Steckte in solch einem Kunstbegriff - von Handwerkern für Handwerker - nicht eine Portion unverdauter Faschismus, so viel altbackene Naivität wäre zum Lachen. Doch wir wissen leider alle: Der Boden ist nicht allzu fest, auf dem sich die zeitgenössische Kunst bewegt.

Wenn es in den Eingeweiden des Zeitgeistes rumort, wird aus Erfolg und Bewunderung schnell dumpfer Neid. Lauter handwerkelnde Künstler mit Preisschildern um den Hals, wollen wir das?

Kippenberger war jedenfalls anders. Und wie eine Künstler-Bar in Berlin wohl "Paris" heißen muss, so müssen an den Wänden ganz viele Bilder von Künstlern hängen, damit es so richtig authentisch ist. Mit der "Paris Bar" ist es wie mit der Kunst: Sie ist Laufsteg und Bühne, Boxring und Wohnzimmer, Börse und Galerie, Himmel und Hölle, Fürstenhof und Asyl, Museum und Gosse. All das steckt in Kippenbergers Bild von Bildern in einer Bar, in der er und seine Bilder lange zu Hause waren. Hier durfte sich der "Verletzungsvirtuose" bis zum Morgengrauen benehmen, wie er wollte, durfte auf die Tische steigen und die Hose runterlassen, tanzen und Witze reißen - gute wie schlechte. Und weil er selten Geld hatte, war er auch ein Virtuose des Tauschs. Das hieß: Bilder gegen Essen und Trinken. Nicht zufällig war, wie er 1982 in einem Interview mit der Zeitschrift "Twen" gestand, das Elend sein Lieblingsthema. "Wie malst du?", wird er gefragt. "Mal so - mal so", antwortet er. Ob er einen Lieblingsmalstil hat? "Aufhörmalerei, Weitermalerei, bloß keine Geschlechtsteilmalerei." Künstler sind nun mal nicht von Beruf Moralisten. Also komme man ihnen nicht noch postum mit "Gerechtigkeit". Ein Auftrag ist ein Auftrag. Wie lange ist es eigentlich her, dass der gesittete Ironiker Marcel Duchamp mit seinen Ready-Mades die Konsequenzen aus Industrialisierung und Massenproduktion gezogen hat? Fast 100 Jahre, auch wenn es erst vor 50 so richtig bemerkt wurde.

Und hat nicht Moholy-Nagy 1922 mit Bildern aus Emaille für Aufsehen gesorgt, abstrakten Kompositionen, die er telefonisch bei einer Schilderfabrik in Auftrag gab? Ganz zu schweigen von Andy Warhol und all den jungen und alten Meistern, in deren Ateliers Scharen von Assistenten malen? Die Sache ist doch ganz einfach. Ohne Kippenberger wäre das Bild "Paris Bar" nie entstanden. Wer es gemalt hat, ist letztlich Wurscht! Denn nur im Werk von Kippenberger hat es seinen Ort und seine Bedeutung.

Fehlt nur noch das scheinheilige Auktionshaus Christie's, das sogleich unter dem Motto "Mehr Transparenz und Gerechtigkeit" zurück ins 19. Jahrhundert segelt. Klar kann man bei einer Auktion angeben, wer den Auftrag ausgeführt hat. Das hat etwas mit Information zu tun, aber nichts mit Gerechtigkeit. Bloß nicht am Begriff des Originals rütteln, das könnte das Geschäft stören. Und dann, wer weiß, hören wir bald von Geisterkäufern.

ist freier Kunstkritiker und war Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Seit 2007 schreibt er "Wagners Kolumne" in art

Bildunterschrift:

Die Sache ist doch ganz einfach: Ohne Kippenberger wäre das Bild "Paris Bar" nie entstanden.

Wer es gemalt hat, ist letztlich Wurscht!