Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 62-63
Mythen aus Pappe
Von Gerhard Mack, Ralf Schlter
Einstand in Berlin: Udo Kittelmann, neuer Direktor der Nationalgalerie, zeigt die bisher größte Ausstellung von Thomas Demand in Deutschland. Ein großer Auftritt, der die Gemüter spaltet, auch in der art-Redaktion: eindrucksvolles Statement oder heiße Luft?
Pro:
Ein Nationalkünstler, auf seine Weise Ralf Schlüter, art-Redakteur Immer hinein in die gute Stube! Kein Wohnzimmer kann so gemütlich sein wie ein schön hergerichtetes Museum, in dem unsere heiß geliebten deutschen Mythen behandelt werden. Dem neuen Direktor Udo Kittelmann ist es gelungen, der stolzen, aber kühlen Neuen Nationalgalerie des Ludwig Mies van der Rohe eine gewisse Heimeligkeit zu verleihen: Hohe Vorhänge teilen das berühmte Glashaus in mehrere Räume auf, der olivgrüne bis dunkelgraue Stoff verbreitet eine vertraute Schwere; man denkt an zugezogene Gardinen deutscher Reihenhausfenster, an eine frisch gebohnerte Schulaula, an den geschlossenen Vorhang im Theater.
Die Ausstellung trägt den Titel "Nationalgalerie", das klingt repräsentativ und bedeutend, und der Direktor betont diesen Anspruch noch: Er ließ den Schriftsteller Botho Strauß Texte zu den ausgestellten Bildern schreiben; diese liest man nun aus aufgeschlagenen Büchern, die wie wertvolle Inkunabeln in Vitrinen präsentiert werden. Was ist los mit Udo Kittelmann? In seinen Frankfurter Jahren hatte er mit anarchistischer Subjektivität die Sammlung des Museums für Moderne Kunst durcheinander gewirbelt - will er jetzt unbedingt staatstragend sein?
Bliebe der Künstler, Thomas Demand. Großformatig prangen dessen Werke an den Vorhangwänden, lauter unwirklich leuchtende Ansichten von menschenleeren Innenräumen, bekanntlich aus Pappe nachgebaut und gleich nach dem Fotografieren zerstört. Die Bildtitel geben nichts preis: "Badezimmer" heißt stur sachlich ein Bild von 1997, das doch offensichtlich den Sterbeort des Ministerpräsidenten Uwe Barschel zeigt, die berühmte Genfer Badewanne eben.
Vielleicht wäre Kittelmanns Inszenierung misslungen, wenn sie nur solche "wichtigen" Motive enthielte: Orte der deutschen Geschichte wie die verwüstete Stasizentrale ("Büro", 1995) oder das Führerhauptquartier Wolfsschanze nach misslungenem Attentat ("Raum", 1994). Doch man steht auch vor Bildern wie "Spüle" (1997), es zeigt eine schmutzige Kaffeetasse und Gläser in einem Spülbecken, Demand sah sie in der Küche eines Freundes. Auf anderen Bildern sieht man eine Umkleidekabine, das Treppenhaus in einem (Demands)
Gymnasium, den Sprungturm eines Schwimmbads.
Die große Geste dieser Inszenierung, die Vorhänge und Vitrinen - all das erweist sich als geschicktes, ironisches Spiel mit Form und Inhalt. Denn es sind gar nicht die großen deutschen Mythen, von denen Demand hier spricht, jedenfalls nicht nur, ebenso bedeutend sind die privaten Mythologien. Demands Deutschlandbild gleicht eher einem Fotoalbum flüchtiger Eindrücke als einem Geschichtsbuch; Botho Strauß' Texte füllen die Leere versuchsweise, ohne dem Betrachter etwas aufzuzwingen. So ist diese "Nationalgalerie" ein wunderbares Spiegelkabinett, in dem jeder Betrachter seine eigenen Erinnerungen, Assoziationen, Gedanken findet. Sie müssen nicht unbedingt mit Deutschland zu tun haben.
Contra:
Ein langweiliger Fake Gerhard Mack, art-Korrespondent Thomas Demand wurde bekannt mit Fotografien, die historisch signifikanten Räumen ein banales Aussehen geben: Eine zeigt etwa die Badewanne in einem Genfer Hotel, in welcher der Spitzenpolitiker Uwe Barschel tot aufgefunden wurde. Zeitungsfotos lieferten die Vorlage für Pappnachbauten der Tatorte, die der Künstler von den Akteuren des Geschehens reinigte, ins rechte Licht rückte und fotografierte. Etwas diffus Unheimliches prägte die Wirkung der zumeist großformatigen Aufnahmen. Wie Geschichte sich im Bildgedächtnis verliert, wie dieses Bilder verformt und wie dabei eine Leere entsteht, machte ihren Reiz aus.
Inzwischen scheint Demand die Lust am chamäleonhaften Status seiner Bilder verloren zu haben. Weil dann aber nicht mehr viel übrig bleibt, bevorzugt er es, die Leere mit Deutungen zu füllen.
Zumindest gewinnt den Eindruck, wer seine Ausstellung in Berlin besucht. Da findet sich zu jedem Bild eine Vitrine mit Sentenzen des Schriftstellers Botho Strauß. Mal beziehen sie sich direkt auf die Fotografien, mal bieten sie freie Assoziationen. Der Ethnologe deutscher Befindlichkeit ist interessant zu lesen. Den Bildern Demands tut er aber keinen Gefallen. Zum einen suchten Ausstellungsmacher jahrelang die Beschilderung von Werken zu reduzieren, damit die Besucher lernen, selber zu schauen. Jetzt beugen diese sich vor allem über die Vitrinen. Vor allem aber zeigen die Texte: Je bedeutungsloser die Bilder werden, desto mehr reißen sie zu Deutungen hin.
Damit entlarvt diese Inszenierung, dass Demands Bilder da, wo ihnen der historische Hintergrund abgeht, langweiliger Fake sind.
Eine Pappkartonwelt, deren Schöpfer sich darin gefällt, zwischen Fotografie und Skulptur zu surfen, und sich dabei in Formalismen verliert.
Unglaublich aufwändig, aalglatt und prätentiös. Was sollen uns denn eine gewöhnliche Kleinküche oder eine eingetrocknete Palme sagen?
Wenn man ein Dschungelbild des Zöllners Henri Rousseau am Beginn der Moderne mit dem Waldbild vergleicht, das Demand an den Eingang seiner Ausstellung in Berlin gehängt hat, wird die Verlegenheit offenbar. Erfunden und geflunkert haben beide. Aber die Sehnsüchte und Ängste des Pariser Malers haben immer noch Kraft, die Bastelleidenschaft des Papierblätterrauschens lässt bereits heute kalt.
Demandsaufwändige Inszenierung macht die Sache nicht besser.
Er wählte die Nationalgalerie als Titel und Thema seines Berliner Großauftritts. Aus der Geschichte der Institution griff er für seine Ausstellungsarchitektur ausgerechnet die idiotischen Vorhänge auf.
Natürlich als Fake. Sie wurden nachgeschneidert und mit Holzrahmen unterfüttert, auf die die Träger für die Bilder montiert sind.
Diese sollen auf dem grauen Tuch schweben. Und setzen dabei soviel Staub an, wie sich in einem alten Vorhang sammelt.
Ausstellung: Neue Nationalgalerie, Berlin. 18. September bis 17. Januar 2010. Katalog: Verlag Steidl, 35 Euro
Bildunterschrift:
In der Neuen Nationalgalerie: an der linken Vorhangwand Thomas Demands "Studio" von 1997, hinten "Parlament" (2009), rechts: "Labor" (2000)
Dem Zyklus "Klause" (2006) ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet; gewidmet; er zeigt ein banales Lokal, in dem ein Missbrauch stattgefunden haben soll
