Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 46-51
Malen für Zahlen
Von Iris Hellmuth, Sven Stillich
Gängeviertel, U-Turm, Baumwollspinnerei - Künstler beleben Industrieruinen und verwandeln Problemviertel in attraktive Wohnbezirke. Immer mehr Städte erkennen das Potenzial von Kunst als Wirtschaftsfaktor. Doch manchmal gibt es auch Zoff zwischen Kreativen und Kommunen. Ein Streifzug durch alternative Kulturlandschaften
IRIS HELLMUTH\SVEN STILLICHNoch vor kurzem ging im historischen Gängeviertel in der Hamburger Innenstadt gar nichts mehr.
Kaum ein Tourist verirrte sich noch ins alte Arbeiterherz der Hansestadt, die Gebäude verfielen. Heute lebt das Quartier wieder. Jetzt fahren die Doppeldeckerbusse der Stadtrundfahrten nicht mehr nur am Michel oder an den Landungsbrücken vorbei, sondern auch am Gängeviertel - und die Besucher erfahren, was vor ein paar Monaten geschehen ist: dass mehrere Hundert freie Künstler den Komplex besetzt haben, dass dort Ateliers entstanden sind und jeder ihre Ausstellungen besuchen kann, dass es dort Konzerte gibt und Lesungen und Kino und Diskussionsabende - dass der ehemals tote Ort von Tausenden von Gästen aus aller Welt neu entdeckt wurde.
In einem der Backsteinhäuser lagen vor kurzem noch viele rote Buttons auf vielen Holzstühlen herum. "Komm in die Gänge" stand darauf geschrieben - das Motto der Hausbesetzung. Es war der Abend, an dem die Künstler ihr Konzept vorgestellt haben, wie die Gebäude zu nutzen wären zum Wohnen und zum Arbeiten, zum Kunstmachen und als Treffpunkt für alle. "Wir wollen das kulturelle Erbe der Stadt denkmalgerecht erhalten", sagt die Bildhauerin Marion Walter, "und dabei aufzeigen, wie viel Leerstand es hier gibt." Doch nun ist ihr Projekt schon wieder bedroht: Aus zwei Gebäuden mussten die Künstler bereits weichen. Um den Rest wird nun verhandelt, und die Stadt ist dabei oftmals eher Gegner denn Partner. Künstler haben es in Hamburg schwer, bezahlbare Ateliers zu finden und werden immer wieder von Orten vertrieben, die sie sich erobert haben. Der Preis, den die Stadt zahlt, ist hoch: Viele Künstler sind bereits nach Berlin abgewandert, das auch wegen seiner günstigen Mieten vom künstlerischen Aderlass anderer Städte profitiert. Jonathan Meese hat in Hamburg studiert, bevor er in die Hauptstadt ging. Tjorg Douglas Beer ist weg. John Bock ist gegangen. Daniel Richter wurde an der Elbe ausgebildet, feierte aber in Berlin seine ersten Erfolge. Heute ist er der Schirmherr der Gängeviertel-Besetzung.
Eigentlich herrscht in Hamburg kein Mangel an Großprojekten, die über die Stadtgrenze hinausstrahlen sollen: "Leuchttürme" wie die geplante Elbphilharmonie werben um Touristen, Neubürger und Unternehmen.
Doch die Hausbesetzung leuchtet derzeit noch viel heller - und zwar vor allem in die Stadt hinein: "Die Aktion war für uns ein weiterer Anstoß, mehr Immobilien für Künstler anzubieten", sagt die Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck, "wir sind da nicht weit genug vorangekommen, und das muss jetzt einfach geschehen." Gerade wird eine "Kreativagentur" gegründet, die Räume vermitteln und Künstler an die Hansestadt binden soll.
Auch die anderen Städte schlafen nicht.
Immer mehr Kommunen verstehen Kultur als Standortvorteil und Wirtschaftsfaktor.
Künstler machen die Stadt nach außen sichtbar und stiften nach innen Identität. Eine florierende alternative Kunstszene lockt das gewünschte Publikum an, die Denker und Lenker. Der "Bohemian Index" des amerikanischen Ökonomen Richard Florida nennt die Zahl freier Künstler als Indiz für die Anziehungskraft einer Region. Und so entstehen derzeit überall Kreativagenturen, Künstler werden in "Clustern" zusammengefasst und über den Stadtraum verteilt, es ist die Zeit der künstlerischen "Masterpläne" und "Künstlerinjektionen" in vernachlässigte Stadtteile. Diese "Raumpioniere verändern ‚Bad Places'", heißt es im Kulturwirtschaftsbericht Berlins, sie "entdecken Orte, die sich im ‚Wartestand' befinden und vitalisieren sie". Künstler sollen den Städten von vielfältigem Nutzen sein: Sie "stärken das überregionale und internationale Profil einer Region und ziehen Investoren, qualifizierte Fach- und Führungskräfte und Touristen an", heißt es in den Leitsätzen Nordrhein-Westfalens zum "Wandel durch Kulturwirtschaft". "Kulturfinanzierung ist eine Investition in den Wirtschaftsstandort", steht im "Kulturentwicklungsplan 2008- 2015" der Stadt Leipzig.
Kunst wertet auf, Kunst macht stark, Kunst kommt vor dem wirtschaftlichen Können.
Und das Gängeviertel stellt im Kleinen alle Fragen, auf die Städte eine Antwort finden müssen, wollen sie im Wettbewerb erfolgreich bestehen: Wie verteilt man städtische Räume? Wie kann man freie Künstler steuern?
Und wie lockt man sie an? "Wir bauen Hamburg eine goldene Brücke", sagt Marion Walter, "das ist ein sehr attraktiver Ort, den wir hier geschaffen haben - und es hat die Stadt bislang keinen Cent gekostet." Der Druck auf Hamburg ist groß: Leipzig hat den Hausbesetzern bereits Asyl angeboten.
"Das wäre eine Win-Win-Situation", sagt der dortige Baudezernent Martin zur Nedden "die Künstler können hier preisgünstig leben und arbeiten, und wir profitieren von der Entwicklung unserer Stadt." Leipzig und seine Künstler: Das ist eine Erfolgsgeschichte. Und sie beginnt mit einem Reinfall. Eigentlich hatte die Stadt vor, sich nach der Wende wieder zum großen Messestandort aufzuschwingen - doch heute steht sie viel mehr für klassische Konzerte und die "Neue Leipziger Schule". Sie ist damit für die postindustrielle Zeit so gut gerüstet wie wenige andere Metropolen: "Früher hat in Leipzig die Wirtschaft prosperiert, und die Bürger haben sich ihr Gewandhausorchester geleistet, heute wirbt die Kunst neue Bürger und Unternehmen", sagt Georg Girardet, der langjährige Kulturbeigeordnete Leipzigs.
Einer, mit dem die Stadt werben kann, ist der Maler Michael Triegel. Hell ist es in seinem Atelier und still, Pinsel und Farben liegen herum, ein geordnetes Durcheinander hinter massiven Backsteinmauern. Vor mehr als 125 Jahren wurde die Baumwollspinnerei gegründet, Bertram Schult ze war einer der Männer, die 2001 die Fabrik aus privater Hand kauften, mit wenig Unterstützung.
"Ein eigener Kosmos war das damals", erinnert er sich, "es wurde noch Garn gesponnen, trotzdem waren schon 30 Künstler da." Darunter Neo Rauch und Triegel.
Auf dem Gelände sind 13 Galerien und Ausstellungsflächen entstanden, bis zu 85 Quadratmeter sind die Ateliers groß, Monatsmiete: 242,25 Euro kalt. Doch das ist nicht der Grund, dass Michael Triegel bleibt. "Ich wäre wohl in der Lage, überall zu arbeiten", sagt er und schaut aus den Fenstern Richtung Stadt, "aber ich möchte aus der Spinnerei nicht weg." Modedesigner arbeiten hier neben Architekten, Druckern und Goldschmieden. Es gibt einen Weinhandel, vor kurzem wurde ein Programmkino eröffnet. Auf der Etage unter Triegels Atelier ist ein Callcenter eingezogen. "Mit deren Miete können wir zwei Stockwerke Ateliers finanzieren", sagt Bertram Schultze.
Die Spinnerei ist das Ergebnis guter Mischung und Mischkalkulation.
"Die Spinnerei ist ein Glücksfall für Leipzig, der ihr mehr oder weniger in den Schoß gefallen ist", sagt Girardet, "wir sind dafür unheimlich dankbar." Während die Stadt damals 140 Millionen Euro in Museen steckte, entwickelte sich die Spinnerei aus sich heraus. "Im Endeffekt ist es sogar gut, dass die Stadt anfangs nicht besonders aktiv war", sagt Schultze, "so konnten wir langsam wachsen mit immer relevanteren Inhalten." Erst vor kurzem wurde mit Hilfe der Stadt in Halle 14 eine Bücherei eingerichtet, unter dem Motto "Kreative Spinner" werden Kunstseminare für Kinder und Jugendliche angeboten.
Halle 7 wird derzeit saniert. Dort könnten Ateliers für die Gängeviertler entstehen - "wobei wir prüfen werden, wen wir auf das Gelände holen", sagt Schultze, "nur aus Hamburg zu sein, das wird nicht reichen." Inzwischen werben andere Städte um seine Unterstützung. Denn alle wollen wissen, wie das geht: kulturwirtschaften.
"Tolle Museen hat mittlerweile jeder, aber das reicht nicht mehr", sagt Dieter Gorny, der gerade als künstlerischer Leiter das Ruhrgebiet für die Kulturhauptstadt 2010 hübsch machen soll. "Freie Kunst zieht junge Menschen an, die ein breiteres Kulturverständnis entwickelt haben." Gorny will Orte schaffen, die Künstlern die Möglichkeit geben, et was wachsen und erblühen zu lassen - mit dem Risiko des Scheiterns. "Under-Construction- Ansatz" nennt er das. Dazu gehört der "U-Turm" auf dem ehemaligen Gelände der Dortmunder Union-Brauerei, der zurzeit mit 46 Millionen Euro renoviert wird.
Eine Filiale des Ars-Electronica-Centers aus Linz wird hier ein Zuhause finden oder ein Museum für Moderne Kunst. Und rund um den Turm soll eine Kunstszene entstehen.
"Generation U", nennt der Dortmunder Kulturdezernent Jörg Stüdemann jene, die zukünftig das Quartier prägen sollen. Nur:
Ob die auch kommen? Dass sich gerade freie Künstler nicht gerne instrumentalisieren lassen, ist Gorny bewusst. "Aber es hilft, sie einfach zu fragen, was sie sich wünschen", sagt er, "denn ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit ist der Schlüssel zur Zukunft. Das ist viel mehr wert als eine Elbphilharmonie." Diese Erkenntnis musste selbst bei den Stadtverantwortlichen der heute so florierenden "Creative City Berlin" erst reifen. "Die freie Szene ist der Humus des Kunstbetriebes", sagt der dortige Kulturstaatssekretär André Schmitz. Und den braucht Berlin, weil es kaum noch Industrie gibt. "Im Unterschied zu Kohle, Öl oder Gas ist Kreativität eine unbegrenzte Ressource", sagt Schmitz, "deswegen müssen wir schauen, wie wir für Kreative auch dann attraktiv bleiben, wenn die Miet- und Lebenshaltungskosten nicht mehr so günstig sind wie jetzt." Besonders günstig sind sie noch im Arbei terviertel Wedding. Dort liegt die ehemalige Druckmaschinenfabrik Rotaprint, ein architektonischer Mischmasch aus Gründerzeit und Fünfziger-Jahre-Neubau. Links wer keln die Edelstahlbauer der Yilmaz GmbH, daneben sitzen Migrantenkinder im Deutschunterricht. Kein Klingelschild weist auf Künstler hin, das Büro von Les Schliesser und Daniela Brahm liegt versteckt im dritten Stock. Die beiden Künstler sind die Initiatoren von ExRotaprint. "Ende der Neunziger waren wir auf der Suche nach einem neuen Arbeitsumfeld", erzählt Brahm, "in Berlin-Mitte war es uns zu monokulturell geworden mit all diesen Coffeeshops und Designerläden." Brahm und Schliesser zogen nach Wedding auf das Fabrikgelände - und mussten mit ansehen, wie die Stadt die Gebäude verwahrlosen ließ. Also entwickelten die beiden ein Konzept, wie sie den Ort entwickeln würden, zum Nutzen aller. "Der Berliner Liegenschaftsfonds, dem das Gelände damals gehört hat, sagte aber: ‚Wir wollen nicht entwickeln, wir wollen verkaufen'", erinnert sich Schliesser. Doch außer den Künstlern gab es keinen Interessenten. Zwei Jahre hielt die Stadt die Künstler hin, bis 2006 ein Investor auf den Plan trat und sie ihm das Gelände für ein Viertel des Preises anbot, den Brahm und Schliesser zahlen sollten.
"Davon erfuhren wir nur zufällig", sagt Brahm, "das war so unverschämt, dass wir es kaum glauben konnten." Doch der Verkauf an den Investor scheiterte, und endlich konnten Brahm und Schliesser ExRotaprint zu dem machen, was es heute ist: eine gemeinnützige GmbH, die auf drei Säulen fußt - Kunst, Arbeit und Soziales. "Unser einziger Profit besteht darin, dass wir hier eine Beule in den Realraum gedrückt haben", sagt Schliesser - "was auf den ganzen Biennalen als Urbanisten-Schubidu verhandelt wird, das leben wir hier." Das heißt auch, jeden Tag 150 Arbeitslose und Alkoholiker auf dem Hof zu haben. Weil das hier Wedding ist, und kein zweites Mitte werden soll. Die Pariser Stadtentwicklungsbehörde war schon zwei Mal hier, um zu erforschen, wie sie ihre Vororte wieder heterogenisieren könnte.
Dass sich Berlin heute mit dem ExRotaprint- Projekt schmückt, "fühlt sich komisch an", sagt Daniela Brahm, "ganz schnell sind wir von spinnerten Künstlern zu Spezialisten geworden. Wir sollen plötzlich auf Konferen zen reden und das Know-how weitergeben, das wir uns schwer erarbeitet haben im Kampf gegen die Leute, die uns jetzt einladen." Inzwischen schlüsselt der Berliner Kulturwirtschaftsbericht Kreative nach Postleitzahlen auf und skizziert auf einer Art Wetterkarte künstlerische "Hoch- und Tiefdruckgebiete" in einzelnen Vierteln. "Kunst und Kultur gehören zu den wichtigsten Standortfaktoren Berlins", sagt Kulturstaatssekretär André Schmitz. Er freut sich, dass ExRotaprint nicht meistbietend verkauft wurde: "Am Ende hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass der langfristige Gewinn für die Stadt größer ist als ein paar 100 000 Euro mehr in der Haushaltskasse." Kontakt: Gängeviertel Hamburg, www.gaengeviertel. info; Leipziger Bauwollspinnerei, www.spinnerei.de; U-Turm Dortmund, www.rheinischestrasse.dort mund.de; Ex-Rotaprint Berlin, www.exrotaprint.de
Fotos: Benne Ochs
Bildunterschrift:
"Wir bauen Hamburg eine goldene Brücke. Das ist ein sehr attraktiver Ort, den wir hier geschaffen haben - und es hat die Stadt bislang keinen Cent gekostet" Marion Walter, Bildhauerin, Besetzerin Gängeviertel
Vom Arbeiterbezirk zum Kunstschauplatz:
Das Gängeviertel in der Hamburger Innenstadt wurde von Künstlern wie Marion Walter (links) besetzt
"Früher hat in Leipzig die Wirtschaft prosperiert, und die Bürger haben sich ihr Gewandhausorchester geleistet, heute wirbt die Kunst neue Bürger und Unternehmen" Georg Girardet, Ex-Kulturbeigeordneter Leipzig
"Es war gut, dass die Stadt anfangs nicht besonders aktiv war. So konnten wir langsam wachsen mit immer relevanteren Inhalten" Bertram Schultze, Baumwollspinnerei Leipzig
Bertram Schultze (links) gehört zu den Privatleuten, die die Leipziger Baumwollspinnerei 2001 kauften und in ein vorbildliches Kunstquartier verwandelten
"Die freie Szene ist der Humus des Kunstbetriebes. Im Unterschied zu Kohle, Öl oder Gas ist Kreativität eine unbegrenzte Ressource. Deswegen müssen wir schauen, wie wir für Kreative auch dann attraktiv bleiben, wenn die Miet- und Lebenshaltungskosten nicht mehr so günstig sind wie jetzt" André Schmitz, Kulturstaatssekretär Berlin
"Was auf den ganzen Biennalen als Urbanisten-Schubidu verhandelt wird, das leben wir hier" Les Schliesser, Künstler, ExRotaprint, Berlin
"Wir sollen plötzlich auf Konferenzen reden und das Know-how weitergeben, das wir uns schwer erarbeitet haben im Kampf gegen die Leute, die uns jetzt einladen" Daniela Brahm, Künstlerin, ExRotaprint, Berlin
Daniela Brahm und Les Schliesser (links) kämpften für die alternative Nutzung der ehemaligen Druckmaschinenfabrik Rotaprint im Bezirk Wedding
