Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 70-72
Das Düsseldorfgerät
Von Stefan Koldehoff
Als Marion Ackermann im September ihren Posten als Leiterin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf übernahm, tat sie, was alle neuen Museumsdirektoren tun. Sie sichtete Sammlungsbestände und dachte über Veränderungen nach. Dabei zog sie in Erwägung, die Installation "Deutschlandgerät" des Künstlers Reinhard Mucha abzubauen - und löste damit unversehens einen Sturm der Entrüstung aus
Hat tatsächlich die Installation "Deutschlandgerät" von Reinhard Mucha dazu geführt, dass Marion Ackermann als Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf seit einigen Wochen im Kreuzfeuer der Kritik steht? Ist es wirklich nur ihre durch Fachexpertisen abgesicherte Erwägung, Muchas Installation in der Moderne- Dependance K21 abbauen und einlagern zu lassen, um Platz für andere Werke zu schaffen? Ein offener Brief des Künstlers führte nach der Ankündigung zu breiter Empörung, vor allem bei Kuratoren älterer Semester. Tatsächlich aber scheint die autonome Entscheidung der neuen Chefin an Grabbeplatz und Schwanenspiegel vor allem für all jene ein willkommener Anlass für eine Kampagne zu sein, denen die Berufung von Marion Ackermann von Anfang an nicht ins Konzept gepasst hat.
Dass Marion Ackermanns Startbedingungen schon vor ihrem ersten Tag als neue Chefin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen alles andere als optimal ausfielen, verdankt die 44-Jährige vor allem der Landespolitik.
Als Direktorin des Stuttgarter Kunstmuseums hatte sie dort sechs Jahre lang hervorragende Ausstellungen verantwortet. Sie schaffte es, das Haus als ein lokales und regionales Institut neu zu positionieren, das nicht in erster Linie bundesweit wirksame Blockbuster-Ausstellungen, sondern die eigenen Sammlungsbestände und die Einbindung ins Gemeinwesen im Blick hat.
Düsseldorf konnte eine solche Museumsleiterin gut gebrauchen, denn viel zu lange diente die Kunst außerhalb der stolzen Landessammlung hier vor allem Repräsentationszwecken, der Wirtschaftsförderung, dem kommunalen Imagegewinn. Der altehrwürdige städtische Kunstpalast musste deshalb sogar eine Partnerschaft mit einem Energiekonzern eingehen. Eine groß angekündigte Kunstmesse stellte mangels Substanz schon nach der ersten Ausgabe den Betrieb wieder ein. In Düsseldorf erwartete Marion Ackermann im Museumsteil K20 eine Sammlung, in der die von Werner Schmalenbach und dann von seinem Nachfolger Armin Zweite zusammengetragenen Arbeiten zum Teil arg unverbunden nebeneinander standen, ohne eine Einheit zu bilden. Und der neuere Sammlungsteil K21 im ehemaligen Landtagsgebäude am Schwanenspiegel litt vor allem unter seiner kleinteiligen Raumstruktur und daran, dass fußläufig nur wenige Düsseldorf-Besucher zu ihm finden.
Eine integrative Direktorin konnte Düsseldorf deshalb nur gut tun. Und eine, die es unter veränderten finanziellen Bedingungen schafft, im Geiste Werner Schmalenbachs auch weiterhin höchste Qualität zu sammeln - ohne dabei allerdings in Ankauf und Vermittlung dessen autoritäre Attitüde übernehmen zu wollen.
Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse- Brockhoff hatten aber andere Erwartungen geschürt. Sie beriefen eine Findungskommission, an deren Kompetenz öffentliche Zweifel geäußert wurden, brauchten viel zu viel Zeit, bis ein Nachfolger für den nach München abgeworbenen Kunstsammlungsdirektor Armin Zweite gefunden war und ließen zu, dass in der langen Zwischenzeit wenigstens gezielt die Namen von angeblichen prominenten Kandidaten wie Martin Roth und Klaus Biesenbach, Hans Ulrich Obrist und Daniel Birnbaum in die Öffentlichkeit durchsickerten. Und sie dementierten nicht, dass der ebenfalls gehandelte Direktor der Bielefelder Kunsthalle, Thomas Kellein, angeblich vor allem deshalb nicht berufen worden sei, weil er seit seiner Zustimmung zur Umbenennung des vorher nach dem Stiefvater von Rudolf August Oetker und SS-Gruppenführer Richard Kaselowsky mitbenannten Hauses als politisch nicht zuverlässig genug galt. Als anschließend Marion Ackermann zur neuen Chefin ernannt wurde, munkelte deshalb die Düsseldorfer Szene so schnell wie ungerechtfertigt, sie entspreche wohl vor allem den kulturpolitischen Erwartungen von Rüttgers - was immer das heißen sollte. Unabhängige Arbeit sei von Marion Ackermann also in der Stadt, in der Joseph Beuys einst wegen politischer Unbotmäßigkeit seine Kunstprofessur verloren hatte, nicht zu erwarten. Ob man die Neue denn kenne, wollten die einen schon bei ihrer offiziellen Vorstellung in der Staatskanzlei wissen.
Ob sie denn für eine solch schwierige Aufgabe überhaupt geeignet sei, fragten die anderen: eine Frau, eine Mutter, so jung, aus Stuttgart.
Muchas Protest gegen den Abbau des "Deutschlandgeräts", das ursprünglich 1990 für den deutschen Pavillon in Venedig entstanden und zwölf Jahre später zur Eröffnung des K21 erweitert wieder aufgebaut worden war, bestätigte also vor allem die Vorurteile, in denen es sich ei ne zur Selbstüberschätzung neigende selbst ernannte lokale Kunstelite schon seit längerem bequem gemacht hatte.
Dabei ist der Vorgang des Umordnens und Einlagerns von Werken ein ganz normaler, wie eine art-Umfrage unter deutschen Museumsdirektoren noch einmal bestätigt:
Solange ein Träger einer Museumsleiterin sein Vertrauen ausspricht, muss diese das Recht haben, mit der Sammlung so umzugehen, wie sie es aus ihrer nachgewiesenen kunsthistorischen Kompetenz heraus für richtig hält. Weder Sammler noch Händler noch Künstler können das Recht beanspruchen, diese dringend notwendige Autonomie der Bildungsinstitution Museum auch nur in Frage zu stellen. Selbst in Düsseldorf.
Bildunterschrift:
MARION ACKERMANN, Direktorin, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf "Was eine Gesellschaft einem Museumsdirektor oder einer Museumsdirektorin zubilligen sollte, wenn er oder sie ein Haus neu übernimmt, lässt sich aus meiner Sicht so beschreiben: den Schutz der Unabhängigkeit und die Freiheit in allen Fragen der Konzeption und künstlerischen Ausgestaltung des Programms. Eine Planungssicherheit für mindestens drei Jahre. Und keine Einmischung jenseits des inhaltlich beratenden und finanziell kontrollierenden jeweiligen Aufsichtsgremiums."
ULRIKE LORENZ, Direktorin, Kunsthalle Mannheim "Ein Museumsdirektor muss alles dürfen. Wir sind ja fast die letzten, die noch in einer Zone der inhaltlichen Freiheit arbeiten können. Natürlich sind Räume, die Künstler in einem Museum selbst eingerichtet haben, eine fantastische Möglichkeit des ereignishaften Einstiegs in ein Lebenswerk.
Den Genius des Einmaligen darf es in einem Museum aber nicht geben. Sonst wären wir Direktoren und Kuratoren zu Nachlassverwaltern degradiert. Ein Museum lebt durch Veränderung. Natürlich lassen sich solche Räume, wenn sie einmal abgebaut sind, nicht wieder in den Originalzustand zurückversetzen. Restauratoren sind aber zu großartigen Rekonstruktionsleistungen in der Lage."
RAINER STAMM, Direktor, Kunstsammlungen Böttcherstraße, Bremen "Eine neue Leitung muss ein Museum gestalten können, frei und ohne Tabus. Im besten Falle kann ein Haus dadurch wachgeküsst und zu neuem Leben erweckt werden. Aber: Bevor es ans Entrümpeln und Entstauben geht oder unreflektierter Aktionismus herrscht, sollten die spezifische Eigenart, der Charakter und die gewachsene Persönlichkeit eines Museums erkundet und ernst genommen werden. Die gilt es zu bewahren.
Hier und bei Deakzessionen (wie im Falle des Gerhard-Richter-Verkaufs durch das Karl-Ernst-Osthaus-Museum in Hagen im Jahre 1999) sollten die Spielräume enden. Dann kann es zu einer fruchtbaren Beziehung kommen, zwischen zwei Persönlichkeiten: der gewachsenen Sammlung und einer neuen Leitung."
Reinhard Muchas "Deutschlandgerät" (1990/2002) besteht aus 38 säulenartigen Vitrinen mit Fußbänkchen aus Holz und Messing, 15 Videomonitoren, neun Lautsprechern, drei CD-Playern, Kabeln, zwei Tischen sowie einem Raum im Raum in den Ausmaßen des Düsseldorfer Ateliers des Künstlers. Auf dem Boden ist Marmor verlegt, auf den Monitoren flimmern Bilder vom deutschen Pavillon in Venedig, Muchas Atelier, einem Bergwerk und einer Lokomotive. Der Titel bezieht sich auf ein hydraulisches Hebegerät der Maschinenfabrik Deutschland AG für entgleiste Schienenfahrzeuge
Das "Deutschlandgerät" war 1990 zunächst auf der Venedig-Biennale im deutschen Pavillon zu sehen. Eine von Mucha modifizierte Version wurde 2002 im Düsseldorfer K21 installiert
ANDREAS BLÜHM, Direktor, Wallraf-Richartz-Museum, Köln "Es kann nicht angehen, dass ein Museum in seiner kuratorischen Freiheit eingeschränkt wird. Ob sperrig oder nicht, günstig oder teuer, jedes Museum lebt von Veränderung und damit von der Mobilität seiner Werke.
Wenn die Immobilität von Kunstwerken Schule macht, dann können wir gleich Mausoleen bauen und uns eine Menge Arbeit ersparen. Mit der Debatte um das Werk von Mucha findet eine Tendenz ihren traurigen Höhepunkt, dass Kunstwerke gleich für einen bestimmten Museumssaal geschaffen werden und sozusagen unmittelbar Denkmalpflege beanspruchen.
Dabei ist das fragliche Werk meines Wissens gar nicht in erster Linie für das Ständehaus konzipiert worden. Also, wo ist das Problem? Irgendwann wird Frau Ackermann oder ihr/e Nachfolger/in das Werk wieder aus dem Depot holen, wenn er/sie das richtig findet."
SUSANNE GAENSHEIMER, Direktorin, Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main "Ich denke, dass ein Museumsdirektor/eine Museumsdirektorin für ein Haus eine neue Vision entwickeln muss und dass man ihm/ihr das nicht nur zugestehen sollte, sondern geradezu erwarten muss. Ansonsten kann es keine strukturelle und inhaltliche Weiterentwicklung geben. Doch ich bin ganz davon überzeugt, dass eine solche Vision nicht nur auf einer sehr genauen Kenntnis des Museums und seiner Sammlung basieren muss, sondern auch auf einer Wertschätzung dessen, was das Haus ausmacht: seine Sammlung, seine Geschichte, seine Mitarbeiter. Es kann sehr respektlos und ignorant wirken, wenn man über das, was über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut und gepflegt wurde, einfach hinweggeht, nur weil es einem inhaltlich nicht gelegen kommt. Veränderung einerseits und Kontinuität andererseits - das kann natürlich zu einem Spagat werden, der einem viel Mut und Inspiration, aber auch Wissen und Diplomatie abverlangt."
UDO KITTELMANN, Direktor, Nationalgalerie, Berlin "Es ist nicht so sehr die Frage, was ein Museumsdirektor darf oder nicht darf, vielmehr stellt sich doch die Frage danach, was man ganz allgemein mit einem Kunstwerk alles machen darf. Georges Bataille hat sinngemäß einmal gesagt, das man alles mit einem Kunstwerk machen darf, nur töten dürfe man es nicht. Diese Sichtweise war mir in der Vergangenheit immer sehr hilfreich."
