Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 123
Alltag to go
Von Ralf Schlter
Das Jahrzehnt geht dem Ende zu, und es hat nicht nur künftige Designklassiker hervorgebracht. Von Crocs bis Coffee to go - eine Betrachtung zum Zeitgeist
RALF SCHLÜTERNun haben wir auf den zurückliegenden Seiten so viele "überzeugend gestaltete Produkte" (Thomas Wagner) gesehen, dass man fast meinen könnte, die Gegenwart wäre ein Designparadies: Überall sind wir umgeben von geschmackvollen, originellen, zeitlosen Dingen. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, weiß, dass das so nicht stimmt. Es ist leicht, sich über die stilistischen Sonderlichkeiten der achtziger Jahre zu amüsieren, aber wie stehen wir denn mit unseren Crocs und Flipflops vor der Geschichte da? Die "nuller Jahre" - also die Zeit seit dem Millenniumswechsel 1999/2000 - haben eine Menge Neues hervorgebracht. Nicht alles war schön im Sinne eines höheren Designbegriffs - was aber kein Problem ist, denn in einer nur geschmackvollen Welt würde niemand ernsthaft leben wollen. "Dich will ich loben, Hässliches, du hast so was Verlässliches", dichtete Robert Gernhardt - in diesem Sinne haben auch die nicht immer zeitlosen Dinge des Alltags eine liebevolle Betrachtung verdient.
Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass das Handy zum Medium der Popkultur werden könnte? Eigentlich sollte es ein funktionales Gerät sein, doch die Jugend hat daraus ein Objekt der Selbstdarstellung gemacht:
Plüschtaschen und glitzernde Handyketten, Neckstraps und Handysocken, Display- Schutzfolien und natürlich die Klingeltöne (Jamba!) verzierten das digitale Kleingerät.
Mobilität war ein großes Thema in diesem Jahrzehnt, neuerdings führt uns ein Navi mit freundlicher Stimme durch wildfremde Städte, wir lesen unterwegs E-Mails und versenden Bilder Sekunden, nachdem sie gemacht wurden. Da wollte auch der Kaffee nicht mehr still stehen: Coffee to go war das Schlagwort einer neuen Cafékultur, ausgehend vom Erfolg der amerikanischen Kette Starbucks: Man trägt den Kaffee im Pappbecher durch die Stadt, das wirkte am Anfang lässig und beiläufig. Mittlerweile verzichtet keine noch so kleine Bäckerei oder Tankstelle darauf, Mitnehmkaffee anzubieten, gerne in falschem Englisch - oft ist er so schlecht, dass die Übersetzung "Kaffee zum Weglaufen" heißen müsste.
Mobiler wurden wir eigentlich in jeder Hinsicht: Billigfluglinien brachten uns für 29 Euro nach London, doch das Flair des alten Flugverkehrs geht verloren, wenn statt der freundlich servierten "Mahlzeit an Bord" ein pappiges Sandwich für fünf Euro offeriert wird. Auch im Mode- und Körperdesign war vieles in Bewegung: Männer sollten nach dem Vorbild des Fußballers David Beckham ihren Haarwuchs mit Klingen und Wachs bekämpfen und Ohrringe tragen - metrosexuell nannte man das, und auch deutsche Fußballer bestritten plötzlich Modestrecken. Hinzu kam die Tätowierung - jetzt Tattoo -, sie wurde in der Mittelschicht populär.
Eigentlich waren die "Nuller" ein durch und durch modernes Jahrzehnt: Noch von Retrotrends umspült (Palituch!), breitete sich dennoch eine neue digitale Welt voller Wahlmöglichkeiten aus. Die Universalfernbedienung ist das Symbol dafür: unzählige Knöpfe für all die vielen Geräte. Kein Wunder, dass mancher an der allgegenwärtigen Riesenauswahl verzweifelt, und sich dann doch dem Bewährten zuwendet, sagen wir: dem Designklassiker.
Bildunterschrift:
Aus dem Alltag der "nuller Jahre", von oben: Kunststoffsandalen "Crocs", falsch geschriebenes "Coffee to go"- Schild, Nationalspieler Bastian Schweinsteiger, Universalfernbedienung, Billigflug-Angebot, der metrosexuelle David Beckham, das Palästinensertuch, Klingeltonwerbung, Tätowierung "Arschgeweih"
