Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 94-95
Fotografie als Selbstfindung
Von Gerhard Mack
VORSCHAU Die Mexikanerin dokumentiert die Kultur, die sich aus der Zeit vor der Eroberung erhalten hat
Graciela Iturbide Fotomuseum Winterthur, 28.11.2009-7.2.2010
Metal-Fans kennen Graciela Iturbide von einem Plattencover: 1997 benutzte die politisch engagierte Band "Rage Against the Machine" das Foto "Engelsfrau" für ihre Single "Vietnow". Das Bild zeigt eine Mexikanerin, die die traditionelle Kleidung ihres Volkes trägt und an einem Hügelkamm in der Sonora-Wüste entlangläuft.
In der Hand hält sie einen Ghettoblaster.
Ein Mann hatte die Fotografin 1979 gefragt, ob sie in sein Dorf kommen und das Leben dort in Bildern festhalten könnte. Die Aufnahmen, die sie machte, fanden schnell Aufmerksamkeit. Ihre Erfahrungen wurden prägend für ihr ganzes Werk.
Graciela Iturbide war fasziniert von der Kultur Mexikos und den Formen, die diese aus der Zeit vor der spanischen Eroberung bewahrt hat. Der Einfluss der katholischen Kirche, traditionelle Riten, die Allgegenwart von Radio, Fernsehen und Werbung verschmelzen im Alltag zu einer Mischung, welche die Identität Mexikos ausmacht. Ihre Brüche und ihren Reichtum halten die Fotografien fest. Fremdheit und Faszination dieser Kultur hat Iturbide vielleicht am eindrücklichsten in ihren Bildern über die Zapoteken- Indianer in Juchitán zur Geltung gebracht. In der Stadt bestimmen Formen eines Matriarchats das Zusammenleben der Menschen. Frauen gelten als Göttinnen und Heilerinnen. Dieser Stolz ist auf der Fotografie einer Frau zu spüren, die Leguane um ihren Kopf gewickelt hat; die Tiere werden von den Zapoteken besonders verehrt.
Dass Irtubide einmal den kulturellen Wurzeln ihrer Heimat nachspüren würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt. Sie wurde 1942 in eine wohlhabende Familie spanischen Ursprungs in Mexiko-Stadt geboren, heiratete früh, gebar drei Kinder. Erst als 1970 ihre sechsjährige Tochter starb, wandte sie sich der Fotografie zu.
Das Fotomuseum Winterthur widmet ihr eine Retrospektive, die sich von den Werkserien über ihre Heimat bis hin zu neueren Projekten über den Alltag in den USA und Indien spannt.
Bildunterschrift:
Oben: "Engelsfrau, Sonora-Wüste" (1979).
Links unten: "Augen zum Fliegen" von 1991
