Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 93

Madonna im Mutterglück

Von Petra Bosetti

Schöne Madonnen am Rhein Rheinisches Landesmuseum Bonn, 26.11.-25.4.2010

VORSCHAU Anmut, Eleganz und realistische Darstellung kennzeichnen die Muttergottesdarstellungen der Spätgotik um die Mitte des 14. Jahrhunderts im Rheinland

Die Veränderungen kamen nicht plötzlich.

Zunächst waren es hier einige lockere Haarsträhnen, dort ein paar deutlich vertiefte Falten im Gewand, dann wieder plastisch herausgearbeitete, geschwollene Adern am Kopf eines Heiligen, die der statuarischen Plastik der Mitte des 14. Jahrhunderts einen Hauch von Lebendigkeit verliehen. Im ersten christlichen Jahrtausend waren dreidimensionale Bildnisse von Heiligen ohnehin verpönt gewesen. "Sie waren den antiken Götterbildern zu ähnlich, und man unterstellte ihnen, sie würden die Gläubigen zum heidnischen Bilderdienst verführen und durch ihre lebensnahe Gestaltung täuschen", schreibt der Kunsthistoriker Robert Suckale. Erst im 12. Jahrhundert tauchten dreidimensionale Bildnisse als Säulenschmuck in Gotteshäusern auf, "als stützende und vor allem repräsentative Architekturglieder" (Suckale). Die allerdings mussten sich den architektonischen Gegebenheiten anpassen, von künstlerischer Freiheit konnte keine Rede sein.

Die Wende kam in der Mitte des 14. Jahrhunderts.

Der neue Stil hielt zunächst Einzug ins private Andachtsbild, so dass die ersten Bildnisse mit größerer Wirklichkeitsnähe eher kleinformatig sind. Erst dann eroberte die neue Bildhauerei auch den Kirchenraum.

Hier setzt nun eine Ausstellung des Rheinischen Landesmuseums für Archäologie, Kunst und Kulturgeschichte in Bonn ein, die den Titel "Schöne Madonnen am Rhein" trägt (Katalog: Verlag E. A. Seemann, 19,90 Euro, im Buchhandel 35 Euro).

Denn im Mittelpunkt dieser Bildhauerei steht das Bild der Muttergottes mit dem Kind, die - und auch das war neu - häufig in stehender Position, den Körper meist in einer S-förmigen, anmutigen Drehung, dargestellt wird, was der Silhouette Eleganz und Bewegung verleiht. Auffällige Stilmerkmale sind die Plastizität und der Realismus - Haare oder Faltenwurf der Gewänder sind kraftvoll herausgearbeitet, die Muttergottes zeigt häufig ein inniges Lächeln, das ein ganz irdisches Mutterglück verrät, die Gesichter sind frisch, mit rosigen Lippen und blühenden Wangen.

Für die Bonner Ausstellung kamen nicht nur Leihgaben aus dem Rheinland, sondern auch aus großen Museen der Welt. So schickte das Metropolitan Museum of Art in New York eine "Thronende Muttergottes" (um 1380) mit fein gearbeiteten, gedrehten Haarlocken, auf dem Schoß ein lebhaft gestikulierendes Jesuskind. Eine Muttergottes aus dem Madrider Museum Thyssen-Bornemisza war offenbar für den privaten Gebrauch gemacht worden und trägt noch Teile der ursprünglichen Bemalung. Suckale:

"Das Holz scheint ein weiches Material wie Ton zu sein, mit den Fingern modelliert und nicht geschnitzt."

Bildunterschrift:

Links: "Madonna, Gnadenbild" (um 1380, Höhe 25 cm) aus Wirzenborn. Rechts: Madonna (um 1430, Höhe 127 cm) aus Iversheim