Ausgabe: 12 / 2009
Seite: 107

Ende des Prekären

Von Kito Nedo

GALERIEN Architektonische Statements statt Paradigma der Zwischennutzung: Die neuen Galerienhäuser in Berlin

Nichts beflügelte die Berliner Galerienszene in den vergangenen zwei Jahrzehnten so sehr wie die temporären Um- und Zwischennutzungen ehemals kunstferner Immobilien.

So mächtig war das Dogma des Flüchtigen, dass man sich eine Kunsthalle nur mit dem Vorsatz "Temporär" zugestand.

Doch dies scheint nun ausgereizt: Als Weckruf galt der Umzug der Galerie Contemporary Fine Arts, die vor zwei Jahren ein schickes Galerienhaus am Kupfergraben bezog. Damals feixte mancher noch über die protzigen Räume, doch der Wille zum architektonischen Statement hat erste Nachahmer gefunden. So baut der Architekt Roger Bundschuh in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Cosima von Bonin derzeit eine expressionistische Hausskulptur in der Linienstraße 40, dessen Lofts auf Leute aus der neuen, zugezogenen Sammlerschicht zugeschnitten sind.

Auch die Gegend um den Rosa-Luxemburg-Platz, geprägt durch die Galerien von Christian Nagel, Joanna Kamm oder Sönke Magnus Müller, bleibt für die Kunstszene attraktiv. Nur wenige Meter weiter, in der Linienstraße 21, soll im nächsten Jahr ein von den Architekten Busch-Wameling geplanter Neubau entstehen, in den nach Fertigstellung im Frühjahr 2011 der Münchner Galerist Michael Zink ziehen will.

Anderswo ist man schon weiter:

So eröffnete zur diesjährigen Herbstsaison in der Brunnenstraße die Neugründung Koch Oberhuber Wolff (KOW) in einem eigenwilligen Neubau der Architekten Arno Brandlhuber und Markus Emde. Ähnlich eigenartig ist der bereits eröffnete "Plattenpalast" in der Wolliner Straße 50, ein Projekt des Architekten Carsten Wiewiorra. Der als Galerie konzipierte Bau bezieht seinen retrofuturistischen Charme aus dem Recycling von Betonelementen aus Marzahner Plattenbauten und kupferbraunen Spiegelglasfenstern aus dem abgerissenen Palast der Republik.

Damit wird das eigentlich ausgelaugte Umnutzungskonzept noch einmal völlig neu definiert.

Bildunterschrift:

"Plattenpalast" (links) und KOW-Galeriengebäude in der Brunnenstraße 9

Sexy und kreativ:

Die Hamburger Kunststudentin Verena Issel, 27, hat zwölf ihrer männlichen Kommilitonen für ihr Kalenderprojekt "Art Boy 2010" (Textem Verlag, 21 Euro) ausgezogen. Eine ironische Inszenierung zur Wirtschaftskrise und dem von Männern dominierten Kunstbetrieb