Ausgabe: 11 / 2009
Seite: 94

Wieso? Weshalb? Warum?

Von Thomas Wagner

Ist die Kunst wirklich nur super? Zum 30-jährigen Bestehen von art meint : Es ist an der Zeit, ein paar unbequeme Fragen an die Kunst und den Kunstbetrieb zu stellen - und zwar genau 30

Zu allem Überfluss nun also auch noch ein Jubiläum: 30 Jahre art. Zarte Naturen verdrücken in solchen Momenten gern ein Tränchen und flüstern: Wie doch die Zeit vergeht.

Bei mir und meinem Freund Nick ist da nichts zu machen.

Wir jubilieren grundsätzlich nicht. Wir fragen ungeniert, wie es um die Kunst und ihren Betrieb steht und wetzen sogleich das Messer, das man nun mal braucht, um unsere manchmal verdammt schwammige und selbstgefällige Gegenwart zu sezieren. Also dann, los geht's! 30 Jahre - 30 Fragen, und allesamt etwas unbequem.

Weshalb nur glaubt alle Welt, der Kunstmarkt hätte irgendetwas mit Kunst zu tun? Was tragen Blockbuster-Ausstellungen, die ins Rennen schicken, was schon tausendmal durchgenudelt worden ist, zur Kunst bei? Wann wird hierzulande endlich das Amt des Kulturdezernenten abgeschafft oder es diesen auf Parteienproporz schielenden Kulturbürokraten wenigstens untersagt, bei Eröffnungen schlechte Reden über Kunst zu halten, die sie noch nicht einmal selbst verfasst haben? Ist, Tourismus hin oder her, Kunst nur ein Geschmacksverstärker? Handelt es sich bei einem Museum um den Ort einer Kochshow, in der einer interessierten Masse nichts als seltsame Rezepte vorgekocht werden? Warum muss sich der Kunstbetrieb permanent selbst auf die Schulter klopfen? Lebt es sich wirklich so komfortabel in den Zeiten des Selbstmarketings, in denen jeder, ob Künstler, Kurator, Kritiker oder Museumsdirektor, gezwungen ist, sich und sein Tun permanent anzupreisen wie sauer Bier und auch noch den größten Flopp schön reden muss? Warum verschickt Udo Kittelmann, der noch frische Direktor der Berliner Nationalgalerie, pappdeckeldicke Einladungskarten zur Neu präsentation des Hamburger Bahnhofs, auf denen sich fünf Aufkleber in signalroter Schrift befinden, auf denen in knalligem Zackenrand "Die Kunst ist super!" steht? Gehört der Ästhetik, wie sie Teppichbodenhändler und Discounter mögen, in Berlin die Zukunft? Wie lange wollen wir es uns eigentlich noch leisten, statt über Kultur über Kulturwirtschaft zu reden? Wird Kunstkritik künftig an Universitäten gelehrt, wo sie vollends in einen akademischen Tiefschlaf versetzt wird? Kann es wahr sein, dass ein ehemaliger Maler-Professor in Leipzig glaubt, er könne unter Missachtung sämtlicher Regeln und Vorschriften Ämter vergeben und so die Geschicke einer Hochschule bestimmen? Sollen wir tatsächlich applaudieren, wenn einer solche Rauch-Zeichen der Selbstüberschätzung gibt?

Wann werden wir endlich begreifen und darüber reden, dass die Kultur die Politik subventioniert und nicht umgekehrt? Wird im Kunstbetrieb noch über Kunst gestritten oder nur über Erfolg?

Muss jeder junge Künstler schon vor seinem Abschluss an der Akademie einen eigenen Katalog produzieren? Warum muss jeder Volontär an einem Museum promovierter Kunsthistoriker sein, wenn dieser Titel nicht einmal vom Direktor verlangt wird? Weshalb wird in den Bau neuer Museen, aber nicht in solide gemachte Ausstellungsprogramme investiert? Wird die Zahl der Biennalen ebenso weiter steigen wie die der Kuratoren, die sie machen?

Gibt es einen vernünftigen Grund dafür, dass Ausstellungen, die sich intensiv mit einigen wenigen Werken beschäftigen, Seltenheitswert haben? Wann hören wir damit auf, die Kunst mit ihrem Kommentar zu verwechseln?

Müssen sich Künstler unserer Tage immer noch wie Originalgenies des 19. Jahrhunderts aufführen?

Bebildern viele Werke der Gegenwartskunst hauptsächlich unser gutes Gewissen? Wann triumphiert der Enthusiasmus über die Geltungssucht? Ist es nicht an der Zeit, die lächerliche Opposition von Kunst und Design zum alten Eisen zu legen? Wieso begreifen wir nicht, dass es oft das Einfache, Leise und Zögerliche ist, das zählt? Sagt eine mit politischen Binsenwahrheiten aufgedonnerte Video-Installation mehr über den Zustand der Welt als eine lecker gemalte Sahnetorte? Müssen Künstler immer gleich die Welt retten wollen? Glauben sie tatsächlich daran, sie könnten der Komplexität unserer Welt mit Farbe und Leinwand Herr werden? - Ist die Kunst nicht eine wunderbare Sache?

Natürlich könnte ich noch eine Weile weitermachen, dumme Fragen zu stellen, mit denen ja bekanntlich jede Revolution anfängt. Statt dessen soll der letzte Satz Karl Kraus gehören, der uns aus der Kulisse zuruft: "Das Niveau ist hoch, aber leider ist niemand drauf."

ist freier Kunstkritiker und war Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Seit 2007 schreibt er "Wagners Kolumne" in art

Bildunterschrift:

Wann hören wir auf, Kunst mit ihrem Kommentar zu verwechseln?

Müssen Künstler immer die Welt retten wollen?