Ausgabe: 11 / 2009
Seite: 190-191
Bilder schreiben
Von Uwe Tellkamp
"Schilfland" - gezeichnet mit Tuschestift, Kohle und Wasserfarben: Der preisgekrönte Schriftsteller hat sich im Dickicht von Neo Rauchs Kunst umgesehen, dessen Zeichnungen zeigt nun erstmals ein schöner Band bei Prestel
Transrealistische Bilder kennenzulernen heißt, sich in die Konstruktionen zu begeben: des Traums, der Wirklichkeit genannt wird, der Wirklichkeiten, deren Boten Träume sind. Phantasie: der Netzwurf ins Meer der Fakten. Auf Rauchs Argo wohnen viele Maler, einer von ihnen erforscht die Unzufriedenheit mit dem ersten Blick. Strukturierte Explosionen, Vor- und Nach-Stadien, der Farbgebrauch in seinen in unsere Welt geholten Welten: Malerei als Dämonenbannung; das Eis, worin alles ruht und still ist, der Mensch sich nicht mehr fürchten muß. Er operiert an einer Naht, er tastet sich in den Moment vor der Explosion, die, noch gestillt, schon zu ahnen ist, eine Choreographie sich gegenseitig häutender, ineinanderlegierter Energien, das Schachbrett als Zündfläche, die Figuren mit Phosphorrändern. Implosion vor der schon sichtbaren Schubumkehr, der Eruption der Energie nach außen; eine Fensterscheibe, mit einer Hochgeschwindigkeitskamera aufgenommen, wenn der Stein eines mutwilligen Werfers eben das Glas splittern und die Bruchstücke schießen läßt, dieser Moment aus gestoppter Nova, Gefahr und faszinierender Asymmetrie, für den das Obere Leitende viel von des Malers Zärtlichkeit verlangt. Der Maschinist Rauch dient in einer alten, was das Vergewissern betrifft früchtetragenden, jedoch in Verdrängung und Verruf geratenen Apparatur. Ist seine offizielle Bezeichnung Farbmüller? Tür- und Fensterweber?
Sein Platz im Uhren-Ministerium das Amt der Schlüssel? Die Farben sind rauch - das alte Wort für rauh, das sich in den Rauchwaren erhalten hat. Rauchs Farben können die Dinge bezeichnen wie es sonst Linien und Kontur (Form) tun, die Farbe gebiert die Dinge, nicht umgekehrt. Ding wird Findling aus den glazialen Prozessen der Naturgewalt Farbe. Sie verläßt ihren Stellvertreter- Dienst, ihre Fremdbestimmung, kommt zu sich selbst - wenn Farbe Sprache ist, wäre Rauch hier Lyriker; dem Prosaisten wird Sprache zur Magd darstellerischer Absichten, er muß sie in den Zweck mißbrauchen, um sie zu gebrauchen; der Maler schneidet den Alltags-Klotz Nützlichkeit ab, und siehe da, die Farbe hat eigene Abenteuer, fliegt. Linie, genuin zeichnerisches Element, konturiert auch Rauchs Bedeutungsträger - und verhilft ihnen damit zu einem Status -, doch spielen seine Farben mit Erwartungen, die wir an sie haben, widersprechen der vermuteten Bedeutung, kommentieren sie auch, indem sie Verbindungen schaffen (und sind); Rauchs Farben als Vermittler - manchmal mit (schmutzig) weißer Parlamentärsflagge, manchmal mit blutverschmierter Kopf- Schärpe, selten friedlich, häufiger, soweit ich seine Bilder habe kennenlernen können, in konfrontativem Gestus, als feindliche Übernehmer.
Eigentliches Ausdrucksmittel der Malerei, streiten sie sich nicht nur mit den Linien um Fassung, auch mit sich selbst, den Varianten, die zur Familie gehören oder nicht, sie diskutieren um Deutungen und Hoheiten, Sinn; Binnenkrieger, für die Liebe (in dieser Nähe gibt es sonst nur noch ihren Schatten) der Blitz ist als Entladung von Hochspannungen. Die Bilder dieser Farben suchen nicht, sie finden das Drama.
Neo Rauch: Schilfland. Works on Paper. Prestel Verlag. 316 S., zirka 300 Abb., 39,95 Euro
Bildunterschrift:
Der Schriftsteller , letztes Jahr für seinen Roman "Der Turm" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet
Recherche im Unterholz des Ateliers: Neo Rauchs Zeichnungen aus den Jahren 2005 bis 2009, die in dem Künstlerbuch "Schilfland" zusammengefasst sind, lassen ahnen, auf welch dunklen Wegen die Bilder entstehen
