Ausgabe: 11 / 2009
Seite: 172
Kartografin urbaner Welten
Von Barbara Hein
Julie Mehretu - Grey Area Deutsche Guggenheim, Berlin, 28.10.-6.1.2010
VORSCHAU Im Auftrag des Deutschen Guggenheim schuf die in Äthiopien geborene Amerikanerin Julie Mehretu einen Zyklus aus sechs großformatigen Gemälden - er ist der Anlass, aus dem das Haus ihr jetzt eine große Einzelausstellung widmet
Platz ist es, den Julie Mehretus Arbeiten brauchen - sehr viel Platz. Und den hat sie in ihrem Dachatelier im Berliner Wedding, das die Ausmaße eines Flugzeughangars hat - nur dass es hoch oben im sechsten Stock dem Himmel viel näher ist. Ein Stipendium der Stiftung American Academy hatte die ebenso zierliche wie energische Frau mit dem schwarzen Wuschelkopf 2007 von New York nach Berlin verschlagen. "Ein Glück", sagt sie mit ruhiger, dunkler Stimme. "Diese vielen Facetten von Geschichte geballt an einem Ort haben meine Arbeit unglaublich bereichert." Mehretus Arbeitsprozess besteht aus vielen kleinen Schritten, die oft mit einer Recherche in Fotobüchern und Architekturbänden beginnen. Das Resultat sind riesige Leinwände voller Schichten von feinsten Linien, Verwischungen, Farbflächen. Die oft mehrere Quadratmeter großen Bilder erinnern an Bauzeichnungen, Stadtbaupläne oder Grundrisse, auf denen sich alles ins Endlose zu vervielfältigen und zu überlappen scheint. Das Farbspektrum ist zurückhaltend, oft gräulich-schwarz mit nur einzelnen bunten Akzenten.
"Ich arbeite oft monatelang an den Bildern.
Wenn mir etwas nicht gefällt, lösche ich es aus und fülle es neu", erzählt Mehretu, während sie vor einem Bild des "Grauzone"- Zyklus steht (Katalog: 29 Euro). Das Auslöschen bestehender Strukturen ist nicht nur für ihr Vorgehen exemplarisch, sondern auch für ihre Themen: Globalisierung, Macht, Identität, Vergänglichkeit, Krieg und Zerstörung.
Mehretus Output ist gewaltig. Während der Guggenheim-Zyklus Gestalt annahm, entstand auch eine gigantisch große Auftragsarbeit für die Lobby einer New Yorker Bank am Ground Zero: ein ungewöhnlich farbiges Werk mit einem Spektrum, das sofort an die Pastell-Ästhetik der fünfziger Jahre denken lässt. Zum Transport des sieben Meter hohen und 24 Meter breiten Bildes musste sogar das Dach des alten Fabrikgebäudes geöffnet werden.
Julie Mehretu ist eine der wenigen erfolgreichen Frauen im internationalen Kunstbetrieb, die delegieren können: Ein ganzer Stab von jungen Assistenten wuselt in ihrem strikt englischsprachigen Studio herum, arbeitet auf Hebebühnen an ihren Werken oder ist mit Buchhaltung, Terminkoordination und Verwaltung beschäftigt. Zwischendrin saust ihr kleiner Sohn auf einem Dreirad herum. Die Guggenheim-Schau ist ein fulminanter Abschied für die 39-Jährige, die gerade auf einer Erfolgswelle schwimmt und außerdem dabei ist, von Berlin wieder nach New York zu ziehen.
Bildunterschrift:
Schicht für Schicht ausgelöscht und neu gefüllt: "Atlantic Wall" (2008/09, 305 x 427 cm) aus dem "Grauzone"- Zyklus für das Deutsche Guggenheim
