Ausgabe: 11 / 2009
Seite: 170-171
Düster, blutig, realistisch
Von Hans Pietsch
VORSCHAU Überblick über ein weniger bekanntes Kapitel der Kunstgeschichte: spanische Skulptur und Malerei des 17. Jahrhunderts
The Sacred Made Real National Gallery, London 21.10-24.1.2010
Francisco de Zurbarán (1598 bis 1664) malte im Jahr 1627 für das Dominikanerkloster San Pablo in Sevilla einen Christus am Kreuz. So realistisch war der Gekreuzigte, dessen geschundener, lebloser Körper aus dem Dunkel heraustritt, dass der Maler Antonio Palomino ein Jahrhundert später schrieb, dass "jeder, der ihn sieht und nichts von ihm weiß, ihn für eine Skulptur hält".
Sowohl Zurbarán als auch sein Zeitgenosse Diego Velázquez (1599 bis 1660) sind bekannt für ihre hyperrealistischen religiösen Darstellungen, im Zuge der Gegenreformation von kirchlichen Mäzenen wie den Orden der Dominikaner, Franziskaner und Kartäuser in Auftrag gegeben.
Relativ unbekannt außerhalb Spaniens sind jedoch die gleichzeitig entstandenen polychromen Plastiken, deren Realismus den der Gemälde noch übertrifft. Durch die Gegenüberstellung von 16 Gemälden und 16 Skulpturen aus dem Goldenen Zeitalter spanischer Kunst will die Schau in der National Gallery (Katalog: 19,99 Pfund) zeigen, wie diese Künstler das Heilige zum Leben erweckten, um die Inbrunst der Gläubigen zu erhöhen.
Zurbaráns fast dreidimensional wirkendes Meisterwerk von 1627 geht so mit dem zehn Jahre zuvor entstandenen polychromen Gekreuzigten von Juan Martínez Montañés (1568 bis 1649) einen intensiven Dialog ein, ebenso wie Velázquez' "Unbefleckte Empfängnis" (1618/19) und Montañés' exquisite Darstellung desselben Themas von 1620. Die Maler und Bildhauer standen in ständigem Kontakt miteinander und beeinflussten sich gegenseitig. Velázquez etwa lernte in Sevilla von seinem späteren Schwiegervater Francisco Pacheco (1564 bis 1654) das Bemalen von Skulpturen.
Pacheco, der auch andere Maler in dieser spezialisierten Kunst unterrichtete, bemalte die Faltenwürfe und die Haut für die Holzskulpturen seines andalusischen Landsmanns Montañés, der als "Gott des Holzes" bekannt war. Um den Realismus ihrer Figuren noch zu erhöhen, verwendeten Plastiker wie Pedro de Mena (1628 bis 1688) Augen und Tränen aus Glas sowie Zähne aus Elfenbein. Gregorio Fernández (um 1576 bis 1636) benutzte für seinen "Toten Christus" (1625/30) die Rinde einer Korkeiche, um getrocknetes Blut darzustellen, und schnitzte dessen Fingernägel aus dem Horn eines Stiers. Der Gläubige sollte sich wahrhaftig in der Gegenwart des toten Christus fühlen.
Weitere Fotos unter www.art-magazin.de/ Sacred
Bildunterschrift:
Für eine möglichst realistische Darstellung griff Gregorio Fernández in die Trickkiste: "Ecce Homo" (1617)
