Ausgabe: 11 / 2009
Seite: 168-169
Harte Kruste
Von Thomas Wagner
KRITIK Alles ist hier politisch, und fast alles ist korrekt; Humor und Komplexität bleiben auf der Strecke
11. Istanbul-Biennale Antrepo No. 3/Feriköy Greek School/ Tütün Deposu, Istanbul 12.9.-8.11.2009
Auf dem weißen Sockel liegt eine einzige Scheibe Brot. Der weiche Teig in ihrer Mitte wurde herausgegessen, nur die ist übrig. Schlicht "Brot" heißt die Arbeit von Hans-Peter Feldmann. Die 11.
Internationale Istanbul-Biennale, die den Titel "What Keeps Mankind Alive?" trägt, hält statt Glamour und Effekt viel trockenes Brot bereit, an dem man lange zu kauen hat.
Denn die vier Kuratorinnen des Zagreber Kollektivs "What, How and for Whom" (WHW) haben mit der Frage "Denn wovon lebt der Mensch?" aus der 1928 uraufgeführten "Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht und Kurt Weill auch deren Dialektik von Ökonomie und Kunst - von Fressen und Moral - entlehnt und zum Leitfaden gemacht. Was dazu führt, dass man sich ein ums andere Mal fragt, ob man hier eine Reise in die Vergangenheit angetreten hat. Kurz: Alles, was WHW mit Hilfe von Bertolt Brecht, Walter Benjamin und 141 Werken und Projekten von 70 Künstlern aus 38 Ländern präsentieren, ist politisch, und fast alles ist korrekt.
Dass der Blick nicht nur auf die Türkei, sondern auf den Balkan, in den Libanon und den Iran, aber auch ins Baltikum, nach Polen und Lateinamerika gerichtet ist, zeichnet die Schau aus. Doch verliert angesichts von allzu viel Jugoslawienkrieg, Perestroika und Aktienkursen, Kollaboration, Subversion und Dekolonisation die Kritik an den Verhältnissen ihre Beweglichkeit, bleiben Komplexität und Humor ebenso auf der Strecke wie alle Bemühungen um Aufklärung.
Dass dann und wann Väterchen Lenin - nur mit einem ganz kleinen Fragezeichen versehen - grüßt, reicht heutzutage nicht mehr, um die Kunst zu politisieren.
Die klügeren Künstler und ihre Arbeiten sprechen denn auch nicht von einem kollektiven, also ungreifbaren Standpunkt aus, und sie tun auch nicht so, als wüssten sie Bescheid. So werden nicht nur KP Brehmers Farbsysteme der Befindlichkeit von Arbeitern angesichts rapide zunehmender Depressionen wieder aktuell, auch Deimantas Narcevicius sinniert treffend über den Zusammenhang von Bildproduktion und kritischem Bewusstsein. Und wenn Trevor Paglen am Himmel die Spuren allgegenwärtiger Überwachungssatelliten aufzeichnet und Artur Zmijewski unter dem Titel "Demokratien" ein Potpourri dokumentierter Szenen von Demonstrationen, Straßenschlachten und grölenden Fußballfans vorführt, ist Schluss mit einfachen Lösungen. Avi Mograbi macht in seinem Film "Z32" anhand des Gesprächs eines jungen israelischen Soldaten mit seiner Freundin nicht nur auf ebenso berührende wie irritierende Weise klar, wie schwer es ist, damit fertig zu werden, an einem Massaker beteiligt gewesen zu sein; er zeigt auch, dass man als Zuschauer nicht einmal wissen kann, ob es stattgefunden hat. Hier wird Kunst gerade nicht zur harten Schulbank, auf der man in Sachen Politik und Ökonomie nachsitzen muss.
"Was tun?" - fragte Lenin 1902 und entwickelte seine Ideen über eine proletarische Partei als Kampforganisation. Heute kann das nur noch als Nummer im Kabarett der Irrtümer der Gruppe "Etcétera" ernst genommen werden. Und wenn Sanja Ivekovic´ unter dem Titel "Warten auf die Revolution (Alice)" das Mädchen aus dem Wunderland zeichnet, wie es auf einen Frosch schaut, der sich partout nicht in einen Prinzen verwandeln will, so ist klar:
Der Frosch muss an die Wand, nicht auf den Sockel!
Bildunterschrift:
Besucher mit Shahab Fotouhis ironischer "Studie für einen Atombunker" (2009)
art-Autor
