Ausgabe: 11 / 2009
Seite: 88-93

"Wir bauen in Deutschland immer Bunker"

Von Till Briegleb, Ralf Schlter

Unsere Fußgängerzonen sind beherrscht von globalen Marken, wir kaufen bei Ikea die gleichen Möbel wie die Chinesen. Gibt es überhaupt noch deutsches Design? Der "Grafik-Papst" genannte Typograf und Designer Erik Spiekermann analysiert im art-Gespräch typische Dinge unseres Alltags

TILL BRIEGLEB\RALF SCHLÜTER

art: Unsere Reise durch den deutschen Design- Alltag wollen wir beginnen mit einem Objekt, das jeder kennt und hasst: dem Lohnsteuerformular. Was halten Sie davon?

Erik Spiekermann: Ahh, ein sehr schönes Thema! Man nannte mich früher Formular- Papst, ich beschäftige mich schon lange damit. Das Lohnsteuerformular ist voller sinnloser Linien und Rahmen. Es gibt nämlich Ingenieure, die haben Angst, dass die Schrift vom Blatt fällt. Deswegen machen sie erst einmal einen Rahmen drum.

Die fällt aber nicht runter, weder mit noch ohne Rahmen!

Neben den Linien gibt es auch eine Menge weiße Kästen auf grünem Grund, in die soll man hinein schreiben, und zwar nur in Großbuchstaben ...

Mit diesen Feldern hat man irgendwann in den siebziger Jahren angefangen, weil viele Leute so eine schlechte Handschrift haben.

Aber man verschreibt sich andauernd in diesen Kästen, weil die Abstände zu groß sind.

Schließlich verliert man den Überblick, da wir Wörter schreiben und nicht Einzelbuchstaben.

Und plötzlich hat man in "Hoffmann" vier F, weil man auf die blöden Kästen fixiert ist. Dieses ganze Formular ist total kontraproduktiv, wahnsinnig abweisend und außerdem furchtbar hässlich.

Gibt es eine typisch deutsche Formularästhetik?

Früher gab es das eher, weil alles aus dem Buchdruck kam; dadurch wurden bestimmte Schriften verwendet: in Deutschland die Akzidenz-Grotesk. Durch die Digitalisierung hat sich alles geändert. Heute ist die Arial, die von Microsoft kommt, die Weltschrift.

Die ist an allem schuld! Ein hässlicher Klon der Helvetica, der berühmten Schweizer Schrift, aber noch hässlicher.

Wie sieht es mit dem Autokennzeichen aus?

Die Schrift, die heute benutzt wird, hat der Typograf Karlgeorg Hoefer in den siebziger Jahren entworfen, auf der Höhe der RAF-Hysterie.

Man wollte verhindern, dass mit etwas Tipp-Ex aus einem E ein F wird. Die Schrift heißt FE für "Fälschung erschwert". Leider ist diese Schrift in sich nicht harmonisch. Da jeder Buchstabe völlig gefälscht aussieht, wette ich, dass ich mir ein Nummernschild basteln kann, das kein Polizist der Welt als falsch erkennt. "FE" ist auf jeden Fall ein ästhetischer Rückschritt.

Nächstes Thema zur deutschen Ordnung: die Mülltonne.

Das ist typisch deutsches Industriedesign: unglaublich praktisch. Aber es hat keiner darüber nachgedacht, dass die Tonnen im Stadtbild eine Rolle spielen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Deckelmechanik verbessert werden kann, denn diese Tonnen stehen immer falsch herum. Man muss von hinten rüber greifen, macht sich dreckig, oder man muss sie umdrehen, was schwierig ist bei den zwei Rädern. Da könnte also ein richtiger Produktdesigner ran: Der bekäme es hin, dass sie praktisch und trotzdem hübsch sind.

Wie funktionieren Farben? Lufthansa und Deutsche Post arbeiten beide mit Blau und Gelb. Trotzdem nehmen wir die Lufthansa- Uniformen als elegant, die Post-Bekleidung als hässlich wahr.

Grundsätzlich ist die Farbe Gelb nicht hässlich.

Nur in großen Mengen wirkt sie billig.

Deswegen macht die Lufthansa mit gelb ganz wenig, ganz im Gegensatz zur Post. Die haben in den Achtzigern immerhin umgestellt auf Ginstergelb. Das normale Gelb ist nämlich reines Cadmium. Wenn man damals an den Briefkästen zehn Minuten geleckt hat, fiel man tot um. Aber wie schon Goethe wusste, sagt die einzelne Farbe erst in der Kombination mit anderen Farben etwas aus.

Und warum ist bei den Uniformen von Lufthansa und Post der Unterschied so krass?

Weil die Post einen schnellen Service macht, der preiswert aussehen soll, und die Lufthansa eine Premium-Airline ist. Beides ist konsequent und richtig. Leider waren hübsche Briefkästen in Deutschland nie ein Thema. Denn Deutschland ist eine Ingenieursnation.

Da herrscht apokryphe Gestaltung vor, also Design ohne Autor. Dass aber ein Briefkasten im Stadtraum als Skulptur wahrgenommen wird und man ihn deswegen auch so gestalten könnte, kommt nicht vor. Es muss ein Behälter sein, der von Materialprüfungsanstalten geprüft wird, ob er 30 Jahre hält, den Atomkrieg und so und so viele Megatonnen überlebt. Wir bauen in Deutschland immer Bunker, das merkt man an Telefonzellen und Briefkästen.

Was sagen Sie zu den neuen Polizeiuniformen?

Fast alle Bundesländer haben die alten braungelben Uniformen durch dunkle ersetzt.

Hier in Berlin haben wir immer noch die alte Oberförster-Uniform von Heinz Oestergaard aus Nylon, an denen man Streichhölzer entzünden kann. Die passten zu den sechziger und siebziger Jahren, als es verpönt war, Uniformen zu tragen. Aber inzwischen sind die Leute wieder lockerer und haben kein Problem, die Klamotten des Unternehmens anzuziehen, für das sie arbeiten.

Dass Dunkelblau so lange abgelehnt wurde, liegt an seiner Nähe zum Schwarz.

Schwarze Uniformen tragen in Deutschland nur private Wachdienste. Da krieg ich jedes mal einen Schreck und gucke, ob die den Totenkopf auf der Mütze haben. Denn obwohl Uniform heute eigentlich keine Autorität mehr verleiht, gibt es bei Wachdiensten noch Leute, die man daran erinnern muss, dass der Führer tot ist.

Wir wüssten gerne Ihre Meinung zu einigen klassisch deutschen Produkten, zunächst:

Aspirin.

Aspirin ist ein altersloses Produkt, das für alle Leute zuständig ist. Deswegen wollen sie leicht und modern sein und trotzdem Vertrauen erweckend. Dazu haben sie das S mit dem A verbunden und dem R noch so einen kleinen Schwung gegeben. Das Grün wird immer neu eingestellt, weil es für die alten Leute vielleicht zu grell ist, für die Jungen zu altmodisch. Das Bayerkreuz ist auch schon wieder ein anderes. Alles muss permanent überholt werden. Leute, die Verpackungsdesign machen, haben auf ewig ein gesichertes Auskommen.

Glauben Sie, dass es wirklich nötig ist, die Verpackung in dieser Frequenz zu modernisieren?

Wollen wir jetzt eine gesellschaftliche Diskussion führen über die Notwendigkeit von Warenüberfluss? Ich finde das ganze Packaging völlig überflüssig. Aber ich werde doch nicht Tausende von Kollegen diffamieren.

Es ist eine Wissenschaft, was die machen. Für die meisten Dinge gibt es zwar keine Ästhetik, die sich aus der Sache ableitet.

Aber es gibt sehr präzise nationale Faktoren.

Woran appelliert zum Beispiel die Reinigungsmittelmarke "Frosch"?

Zunächst führt diese "Vertierlichung" dazu, dass das Produkt biologischer aussieht. Weil Frösche empfindliche Tierchen sind, die in flüssigkeitsnahen Gegenden leben, assoziiert man, dass man den Frosch tötet, wenn man das falsche Waschmittel nimmt. Dann benutzen sie diese wunderbare alte Schrift, "Windsor", machen sie aber total kaputt, mit einem O, das nach links fällt wie ein kaputtes Ei, das c sieht abgenagt aus und alles ist viel zu weit auseinander. Als Schrift die absolute Katastrophe, aber es hat so etwas schön Selbstgemachtes.

Auf uns wirkt "Frosch" sehr deutsch. Gibt es eine Sehnsucht nach der nationalen Tradition im Design?

Alle Menschen wollen das Vertraute, aber es denkt kein Mensch darüber nach, ob das deutsch ist. In fremden Ländern lacht man sich dann über deren Eigenheiten kaputt.

Die Amerikaner haben Süßigkeiten, die wir für Färbemittel halten würden. Das essen die!

Die Prilblume, ein Produktdesign, das zu einem Symbol für ein ganzes Jahrzehnt geworden ist. Wie gelingt das?

Es war ein Geniestreich, sich damit das Thema Farbe anzueignen. Das war fröhlich und das Gegenteil von intellektuell. Je niedriger der gemeinsame Nenner, desto schneller kann man sich darauf einigen.

Erstaunlich ist, dass die Farbwelt der Hippies plötzlich über diese Haushaltsreiniger populär wurden.

Aber das geht doch immer so! In Berlin gibt es ein Steakhaus, das heißt Che Guevara.

Irgendwann sind Symbole eben gnadenlos vermarktet.

Auch Otl Aichers grafisches Konzept für die Olympischen Spiele in München 1972 symbolisierte einen Mentalitätswechsel. Wie gelang ihm das?

Weil diese Farben undeutsch waren. Hellblau und hellgrün, das waren unstraffe, unmännliche und unmilitärische Farben.

Im Team von Aicher war das Wort "heiter" der Markenkern. Das hieß: leichte Schriften, viel Weiß, leuchtende Farben. Aicher hatte sich eine Vorgabe gegeben und die befolgt.

Das zeigt: Denken vor dem Gestalten hilft ganz gut. Ich empfehle das sogar grundsätzlich.

Es kostete nichts, geht blitzschnell, in Lichtgeschwindigkeit fast. Sehen Sie dagegen das schreckliche Logo der Leichtathletik- WM 2009 in Berlin: Das grüne Feld und die blaue Bahn. Dann dieser schauerliche Schriftzug, kursiv, was im Fernsehen immer pixelt, und auch noch dieses IAAF-Ding da rein. Ein Grottendesign, wie die meisten Sportlogos. Aber da sitzen in dem Komitee zwölf Funktionäre, jeder mit einer Meinung, und der Designer will es allen Recht machen. Also kommt erst Salz, dann Zucker, dann Sahne, dann Milch drauf, und am Ende wird das ein großer Brei ohne Geschmack.

Das deutsche Industriedesign hat auch schon bessere Tage gesehen: Siemens-Handys etwa konnten sich nicht am Markt halten.

Die hatten das gleiche Syndrom. Da reden so viele Leute in der Gestaltung mit, aber sie reden nicht miteinander. Es gibt beim Menschen erstaunliche Kapazitäten, Kenntnisse zu vermeiden.

Ist Siemens vielleicht auch dran gescheitert, dass sie keinen internationalen Ausdruck für ihre Geräte gefunden haben?

Die hätten lieber einen nationalen Ausdruck finden sollen. In dem Moment, wo man anfängt, Betroffenheiten zu registrieren und auf jedes Foto ein brauner, gelber, grüner, weißer Mensch muss, damit alle abgebildet sind, verliert man seine Identität. Ich habe lange für Audi gearbeitet, und die haben das für sich so definiert: Wir sind eine deutsche Marke. Das heißt nicht, dass wir national sind, sondern, dass wir nicht verleugnen, wo wir herkommen. Das hätte beim Siemens- Handy auch funktioniert.

Dieses Problem haben viele Unternehmen, etwa Braun.

Auch die haben ihre Identität aufgegeben, weil sie den Weltmarkt bedienen wollten.

Und heute sieht Apple aus wie Braun früher.

Was ein Beweis dafür ist, dass das Braun- Design, gerade das von Dieter Rams, durchaus international war. Apple-Designer Jonathan Ive hat mir erzählt, dass Rams sein großer Held war. Deutsches Design muss also nicht bieder deutsch sein. Man muss sich nur auf eine Sprache einigen. Apple ist auch nicht typisch amerikanisch, es ist typisch Apple.

Wir haben hier noch ein paar klassisch deutsche Produkte: Bionade, Beck's und Jägermeister.

Bionade ist cool. Das liegt auch an dem O.

Einen Kreis kann man füllen oder leer machen.

Wenn Sie als Grafiker ein O kriegen, ist immer schon der halbe Job getan! Und für die Form der Flasche gibt es immer pragmatische Gründe. Bei dieser Flasche ist es die Bierassoziation. Bionade benutzt keine Limonaden-, sondern eindeutig eine Alkoholflasche.

Das ist die Art, in der Kneipe zu stehen, ein ganzer Kerl zu sein und trotzdem keinen Alkohol zu trinken.

Das Erstaunliche an Jägermeister ist, dass die Flasche übersät ist mit rückwärtsgewandten Symbolen, Hirsch, Eichenlaub, altdeutsche Schrift, und die Marke trotzdem erfolgreich ist. Wie funktioniert das?

Gerade deswegen. Es ist einfach anders. Außerdem ist sie altmodisch und nostalgisch, damit man sich vorstellen kann, da sind zwölf Jungfrauen, die bei Vollmond irgendwelche Kräuter pressen oder vorkauen.

Und was macht den Erfolg von Beck's aus?

Dass Beck's sich treu geblieben ist. Die haben zwar jetzt auch angefangen mit Limette, Ice und so Zeugs, aber die müssen unheimlich aufpassen. Natürlich haben auch die am Logo tausendmal was geändert, aber das ist immer noch ein männlicher Schriftzug, eine kompromisslose Farbgebung.

Wissen Sie, warum wir Ihnen ein Brot präsentieren?

Damit ich die Tüte kaputt mache? Ich muss alle Tüten aufblasen und kaputt machen.

Es geht natürlich um das Brot, ein typisch deutsches Designprodukt.

Das ist es, was mir im Ausland am meisten fehlt. Ich habe zehn Jahre in England gelebt und in meiner Verzweiflung angefangen, selbst Brot zu backen. Denn mit dem britischen Brot kann man die Fenster kitten - essen kann man das nicht. Ja, es gibt kein Land, das so viel und so gutes Brot macht, wie Deutschland. Aber ich weiß nicht, woher das kommt. Weil wir so Waldleute sind?

Würden sie diese Vielfalt als Design bezeichnen?

Absolut! Das zeigt sich neben den landschaftlichen Unterschieden auch die Namensgebung:

Rundstück, Brötchen und Schrippen, dann gibt's den Schusterjungen, die Semmel, das Weckle. Und wenn sie ein Schwarzbrot kaufen, ist das in jedem deutschen Landstrich völlig anders. Diese Tradition ist wunderbar. Ich jedenfalls komme mir deutsch vor, wenn ich so ein Brot sehe.

Eine ähnliche deutsche Designleistung ist das Einfamilienhaus mit Satteldach. Warum bauen so viele Leute, die aus der Stadt aufs Land ziehen, genau diese Typologie?

Ursprünglich hatte das mit dem Klima zu tun, weil im Winter Schnee drauf liegt. Auf einem flachen Dach liegen dann ein paar Tonnen, wenn das Dach zu steil ist, liegt der Schnee immer auf der Straße. Also hat man die Dächer in dieser Form gebaut. Und Dinge, die gut funktionieren, gehören zum Repertoire und werden verinnerlicht. Wenn heute ein Kind ein Haus malt, dann macht es das mit Satteldach.

Es ist also etwas Archetypisches geworden, unabhängig von der Funktion?

Natürlich. Aber Archetypen haben immer einen Grund. Den weiß häufig niemand mehr, aber es gab ihn mal. Es besteht zum Beispiel seit Erfindung des Kühlschranks kein Grund mehr, nach zwölf Uhr keine Weißwürste zu essen, aber ein richtiger Bayer tut das trotzdem nicht.

Wenn man sich eine Aldi-Reklame ansieht, scheint es so, als gäbe es eine schichtspezifische Wimmelästhetik.

Billig heißt immer, es muss oll und schmuddelig sein. Sobald sie das ein bisschen aufräumen, sieht es sofort teurer aus. Das ist ein tief wohnendes Vorurteil, dagegen kann man nichts machen. Andererseits würde ich sagen, wenn alle schreien, dann muss man leise sein. Das würde ich den Leuten von der Aldi-Gestaltung auch sagen.

Ist die "Bild"-Zeitung das journalistische Äquivalent zum Aldi-Prospekt?

Natürlich. Dort heißt es: Es ist immer was los, obwohl eigentlich gar nichts los ist. Leider fehlt der Gegenbeweis, dass man Boulevard auch anders machen kann. Dabei hat das Medium gar keine vorgegebene Ästhetik.

Die ist gelernt. Bei diesen generischen Prozessen kann man manchmal benennen, wo es hergekommen ist, manchmal ist es nur die Marktmacht. Wir sagen Tempo zum Papiertaschentuch, die Amerikaner Kleenex.

Am Ende haben wir solche Festschreibungen aber gerne, weil das Leben dadurch einfacher wird.

Ist es sehr schwer, solche Festschreibungen wieder aufzulösen?

Das ist das Problem von Mercedes. Die Marke steht immer noch für Prestige. Aber Autos werden in Zukunft nicht mehr über Prestige verkauft. Ein kleines kann inzwischen auch Prestige verleihen.

Gilt für die deutschen Automarken auch, dass sie ihre Identität verloren haben?

Nein, in Deutschland war die Markenstrategie immer enorm. Inzwischen belegen zwar alle Marken alle Klassen. Aber das kriegen die Deutschen hin, weil sie alle ihr eigenes Markenversprechen haben. Außerdem sind die deutschen Automarken glaubwürdig, weil sie technikaffin sind. Dafür stehen wir Deutschen nun mal. Aber auch Marken wie Škoda sind plötzlich etwas wert. Vor zehn Jahren gab es in England noch Škoda-Witze.

Wie nennt man einen offenen Müllcontainer? Škoda-Cabrio. Die sind weg. Man kann eine Marke also auch umdrehen.

Gelingt aber sehr selten.

Ja, Märkte und Marken sind ganz schön stabil. Aber irgendwann sitzt wieder ein Ami in einer Garage und erfindet etwas Neues, und die ganze Welt fängt sich neu an zu drehen. Und genauso schnell kommt manches wieder aus der Mode. Wer redet heute noch von MySpace. Jetzt wird getwittert!

Aber am Ende ist das alles Hula-Hoop- Zeugs. Da dreht man dreimal die Hüfte, und dann ist man es auch leid.

Gibt es noch ein typisch deutsches Persönlichkeitsdesign, wie es mal Heinz Rühmann als Inbegriff des deutschen Durchschnittsmannes gab?

Til Schweiger ist schon der typische Deutsche.

Ein gut aussehender, knackiger Normaldeutscher, nicht besonders in irgendeine Richtung.

Und ein deutsches Sexsymbol?

Bei den Amis ist das immer Claudia Schiffer.

Das muss groß und blond sein.

Sind solche Stereotypen nicht besorgniserregend?

Aber so ist das doch in der ganze Welt, das macht das Leben einfacher. Warum sind zum Beispiel alle Politiker klein? Von Schröder über Sarkozy zu Berlusconi. Alles kleine Männer mit großen Komplexen. Warum gehen die in die Politik? Weil sie da ohne großes Können was werden. Stereotypen machen das Leben einfacher, fürchte ich.

Aber das ist unser Beruf als Kommunikationsdesigner:

Wir müssen zu einem erheblichen Teil Vorurteile bedienen, weil es sich sonst nicht kommuniziert. Aber man muss immer eine kleine Ecke reinbringen, eine kleine Frage unterbringen, damit die Erwartung ein wenig hakt.

FOTOS: MARCUS HÖHN, ILLUSTRATIONEN: SONJA MARTERNER

Kasten:

Erik Spiekermann In der Grafikszene hat sein Wort päpstliches Gewicht: Spiekermann ist Schriftenerfinder, Grafiker, Agenturgründer, Hochschullehrer und nicht zuletzt meinungsfreudiger Kämpfer für ein besseres Design. Er wurde 1947 in Stadthagen bei Hannover geboren, studierte Kunstgeschichte in Berlin. 1979 gründete er zusammen mit zwei Kollegen die Designagentur MetaDesign, die Schriften und Erscheinungsbilder entwickelte. Ab 1990 lautete der Name MetaDesign plus, Büros in San Francisco, London und Zürich wurden eröffnet.

Unter anderem entwickelte die Agentur das Fahrgastinformationssystem für die Berliner Verkehrsbetriebe, das Erscheinungsbild der Stadt Berlin und ein Leitsystem für den Düsseldorfer Flughafen. Im Jahr 2000 stieg Spiekermann bei MetaDesign aus, heute ist er Miteigentümer der Agentur Edenspiekermann in Berlin und Amsterdam. International hat die Agentur mehr als 100 Mitarbeiter, zuletzt entwickelte sie etwa ein Nachrichten design für das "ZDF heute journal" und die "ZDF heute"-Nachrichten und ein neues Corporate Design für die Berliner Philharmoniker.

Bildunterschrift:

Grafik-Papst im Schriftenbabel:

Erik Spiekermann vor einer Berliner Plakatwand

"Leider waren hübsche Briefkästen in Deutschland nie ein Thema. Denn Deutschland ist eine Ingenieursnation. Es muss ein Behälter sein, der von Materialprüfungsanstalten geprüft wird, ob er 30 Jahre hält, den Atomkrieg und so und so viele Megatonnen überlebt"

"Bei der Bionade-Flasche geht es um die Bier-Assoziation.

Man benutzt keine Limonaden-, sondern eindeutig eine Alkoholflasche.

Das ist die Art, in der Kneipe zu stehen, ein ganzer Kerl zu sein und trotzdem keinen Alkohol zu trinken"