Ausgabe: 11 / 2009
Seite: 62-67

10 Vorurteile über deutsche Kunst - und was davon zu halten ist

Von Thomas Wagner

Plump oder expressiv, romantisch oder sachlich - wie ist sie denn nun, die deutsche Kunst? art hat die gängigsten Klischees geprüft

1 Deutsche Kunst ist plump, und es mangelt ihr an Eleganz.

Warum ist unser großer Maler und Kupferstecher Albrecht Dürer nach Italien gereist? Genau deshalb: Weil er mit dem Stichel zwar ein Meister war, in der Komposition mit Pinsel und Farbe aber zuweilen etwas ungelenkt. So manches Gemälde des Nürnbergers, des deutschen Künstlers par excellence, scheint zu bestätigen, dass er es nötig hatte, das Licht Italiens zu schauen und den Italienern über die Schulter auf die Staffelei zu blicken. Ganz anders die Eleganz der Italiener, damals zumindest. Wie dem auch sei: Das erste Mal wurde das Deutsche im Blick auf seine Kunst als etwas Eigenständiges betrachtet. Dürer gilt als grundsolide und rechtschaffen, aber auch als einsam und melancholisch. Die Verschwisterung Germanias und Italias kam trotzdem voran, bewunderten die Italiener doch ihrerseits Dürer - selbst Vasari. Aber der deutsche Selbstzweifel nagt eben trotzdem: Aut Caesar, aut nihil, alles oder nichts, das ist seine Devise. Von "unseren geschminkten Puppenmalern" spricht später sogar Goethe, aber vom "männlichen" Dürer. So richtig nachgeäfft hat die Italiener nur Anton Raphael Mengs' blutleerer Klassizismus.

Im vergangenen Jahrhundert hat der Philosoph Theodor W. Adorno die Sache mit der schweren Hand dann abermals angeheizt, indem er zurück und nach Frankreich schaute: "Im 19. Jahrhundert haben die Deutschen ihren Traum gemalt, und es ist allemal Gemüse daraus geworden. Die Franzosen brauchten nur Gemüse zu malen, und es war schon ein Traum."

2 Deutsche Kunst ist sachlich und technikverliebt.

Ach, wir Deutschen, wir können nicht nur romantisch sein, sondern auch industriell, metallisch und kühl. Wir sind Ingenieure der Seele, und wir bauen die besten Maschinen.

Da klingt sofort einiges an. Schnell ist eine Reihe gebildet, die von der Neuen Sachlichkeit über Oskar Schlemmers technoide Figurinen und das Bauhaus bis zu den möglichst neutral und in immer gleicher Perspektive fotografierten Industrieanlagen von Bernd und Hilla Becher und weiter bis zu deren Schülern reicht. Hauptsache, die Plattenkamera zeichnet jedes Detail auf.

So wie in der Medienkunst gern monatelang irgendetwas Interaktives programmiert wird, wobei es vor allem darauf ankommt, dass die ganze Sache technisch funktioniert.

Hanne Darboven schrieb derweil gelassen hinauf und hinunter. Andererseits, bei Konrad Klapheck wirken die Maschinen irgendwie bedrohlich.

3 Deutsche Kunst ist romantisch.

Hier denkt jeder sofort an Caspar David Friedrich, vielleicht noch an Carl Rottmann und das Licht Italiens. Der "Wanderer über dem Nebelmeer", das "Kreuz im Gebirge" - das ist wahrhaft deutsch. Überhaupt Wald, Gebirge, Schnee und die Einsamkeit von Ruinen. Dass Friedrich auch ein politischer Maler war, der verklärte Blick stört sich nicht daran. Wer wird denn die Wirklichkeit peinlich genau nachäffen, wo sie sich im Gefühl doch überhöhen und erst ganz wirklich machen lässt? Wären da nur nicht die Lukasbrüder, die Nazarener, mit ihrem sentimentalen Katholizismus. Lauter Jungapostel mit Bart und langem Haar, lauter Jonathan Meeses, die statt Scarlett Johansson mit Nietzsche zu verkuppeln, Gottesmütter wie in Milch getaucht malten. Von "geistesbankrotten Seelen" und vom "Bilderlallen" sprachen schon die Zeitgenossen. Aber was soll's. Es waren nun mal die Künstler der Romantik, des Vormärz und des Biedermeier, die deutsche Geschichte, Sagen und Mythen als Themen der Kunst entdeckten. Wie sollte es sich da heute nicht auch gut von der romantischen Verklärung leben lassen, wo doch die Wälder sterben und Germaniens Volk schrumpft.

4 Deutsche Kunst verarbeitet immer Geschichte.

Ohne Hermann und die Schlacht im Teutoburger Wald, ohne eine Weltlandschaft mit Krieg und Katastrophe tun wir's in Deutschland nicht. Wir tanzen eben gern auf dem Vulkan. Sogar auf der Biennale von Venedig muss sich nicht zufällig fast jeder, der für Deutschland antritt, an dem von den Nationalsozialisten umgebauten Gehäus abarbeiten - unvergessen Hans Haacke 1993.

Dort wird allzu vieles, wie Reinhard Muchas Installation, zu einem "Deutschlandgerät".

Nach Altdorfer, Dix und Beckmann, sind es Bernhard Heisig und Anselm Kiefer, die unablässig Geschichte verarbeiten, mal mehr, mal weniger mythisch aufgekocht.

Oft ist die Leinwand mit kriegerischen Montagen überzogen oder mit Blutstropfen gesprenkelt.

Bei Kiefer wartet im historischen Wald stets der Verrat, mag das Ganze noch so entheroisierend gemeint sein. Buchstäblich bleischwer wie seine Flugzeuge schwebt die Geschichte über vielen Bildern. Immer geht es um eine Mission. Sogar die Erbsen der Volkszählung müssen ins Museum. Der an sich nüchterne Gerhard Richter malt "Onkel Rudi" und "Stukas", und über nichts wird so leidenschaftlich debattiert wie über Denkmäler - ob über Käthe Kollwitz' vergrößerte "Pietà" in der Neuen Wache in Berlin oder jüngst über ein Denkmal der deutschen Einheit. Hauptsache, es weht der Mantel der Geschichte.

5 Deutsche Kunst ist expressiv, ja hemdsärmelig.

Wenn schon obdachlos, dann wenigstens metaphysisch. Der Expressionismus ist so deutsch wie die Romantik. Mögen van Gogh und die Franzosen auch an der Befreiung der Farbe beteiligt gewesen sein, wo es um "Selbstausdruck" geht, sind wir Weltmeister.

Krieg, Großstadt, Zerfall, Angst, Ich- Verlust, Wahnsinn, Liebe, Rausch und Natur, alles muss raus aus der bedrückten See le. Weil sich die Welt aber partout nicht nach dem Ich richten will, wird sie nach dessen Empfinden eingerichtet. Die Wiesen werden blau, und Kühe können mit einem Mal fliegen. Der "deutsche Expressionismus", giftet der Kritiker Carl Einstein schon 1921, "gefällt sich darin, Farbtuben auszuquetschen, ohne auch nur die geringste geistige Klarheit freizusetzen." Nun ja, Meidner immerhin malt die Apokalypse, die kommen wird. Es ist eben alles durchfühlt in dieser "Philanthropie des Irrationalen" (Ernst Bloch) und ein wenig hemdsärmelig.

Dass Hitler selbst das Töten durch industrialisiert hat, die Kunst aber bäuerlich und heroisch liebte, für den Expressionismus war es eine Katastrophe, nach dem Ende des Nationalsozialismus dann aber auch wieder ein Glück.

6 Deutsche Kunst ist naturalistisch und figurativ.

Das Altdeutsche gibt keine Ruhe. Und plötzlich kehrt im Streit um die Ostkunst das Bild des Menschen in seiner Geschichte zurück.

War der Sozialistische Realismus also nichts anderes als ein Dornröschenschlaf?

Die figürliche Darstellung schlummerte im Osten vor sich hin, bis die Wiedervereinigung sie weckte, um endlich, mit der Leipziger Schule eines Heisig, Tübke und Mattheuer, auf die große Bühne zurückzukehren.

Außerdem bot ihre Wiederkehr Gelegenheit, alte Rechnungen zu begleichen, etwa die, die Händler aus dem Tempel der Kunst zu vertreiben.

Dass auch Immendorff im Westen mit Hilfe von Marx und Mao Heimatfolklore mit kleinen Arbeiterlein gemalt hat, passt trotzdem ins Bild. Auch hier hatte die Partei immer Recht. Dazu passt die Mär, die Abstraktion der Nachkriegszeit samt all ihren lyrischen Ergüssen und informellen Exerzitien sei in ihrer Reinheit nichts als apolitische Werkzeuge des Kalten Krieges gewesen.

7 Deutsche Kunst ist verquält ernst und bieder.

Steckt hierzulande in vielen Künstlern noch immer ein kleiner Faust? Einer, der aus tiefer Einsamkeit, gequält von Weltsehnsucht und Weltangst, wie das Kind im dunklen Walde singt? Einer, der leidet und grübelt, ehe er sich bekennt, indem er sich und seinen Schmerz ausdrückt? Die Zeiten, da selbst Linien tätig vorwärts stürmten und eine altgermanische Formgesinnung wiedererwachte, sind gottlob lange vorbei. Gut, bei Georg Baselitz war die große Nacht im Eimer, Anselm Kiefer übte an den Küsten Europas noch einmal den Hitlergruß und wühlte im Märkischen Sand; und Markus Lüpertz kramte in der Rüstkammer und holte die Stahlhelme noch einmal hervor, um sie dithyrambisch zu malen. Aber wo bleiben bei all dem Ernst die Dadaisten, die Prediger der Unruhe und des Unsinns, wo Raoul Hausmann und Kurt Schwitters? Sogar Joseph Beuys, der für gewöhnlich als ernst und mythenselig gilt, ist nicht nur nebenher ein großer Humorist, ob er dem Hasen Zucker gibt, einen "DDR Kameltreibersack" präsentiert oder seine Entfernung aus der Düsseldorfer Kunstakademie mit dem Satz "Demokratie ist lustig" kommentiert. Nicht nur jeder Mensch ist ein Künstler, er kann auch lustig sein. Sigmar Polke schätzt mehr als die blaue die Bäckerblume, und seine Kreativität orientiert sich am Genie der Kartoffel, die im dunklen Keller mit bleichen Trieben nach dem Licht tastet. Ganz zu schweigen von Anna und Bernhard Blume oder Martin Kippenberger. Sind das etwa dröge Grübler? Da sage noch einer, deutsche Kunst sei bieder! Jede Kunst ist bieder, wenn sie schlecht ist oder ideologisch verkrampft daherkommt, und dabei ist es ganz gleich, wo sie entsteht. Das Klischee aber will es nicht wahrhaben, dass, wer den Schuttberg der Ideologien wegräumt, all die kontaminierten Brocken noch einmal in die Hand nehmen und die falschen Gesten noch einmal durchprobieren muss.

8 Am liebsten wäre der deutsche Künstler Staatskünstler.

Jetzt springt der Teufel aus der Kiste. Was will der deutsche Künstler? Er will Staatskünstler sein. Ob Ost, ob West, all unsere ehr baren Meistermaler und Meisterzeichner und Meisterbildhauer und Meisterinstallateure, die alle Regeln der Kunst kennen, historisch beschlagen, technisch versiert und global gefragt sind, wollen dabei sein, wenn der Staat ruft. Ob Bauernkriegspanorama oder Neugestaltung des Reichstags - repräsentieren, das ist's. Wir sind das Volk, aber auch die Bevölkerung. Und ein Kanzler vor einem kopfüber hängenden Adler macht sich im TV immer gut. Auch unsere Künstler wollen vom Volk geliebt werden, dafür, dass sie in kritischer Absicht mit all den Farben spielen, in denen unsere historisch verspätete und beschädigte Nation schillert. Nicht nur mit Schwarz-Rot-Gold, dem Symbol der nationalen Einheit Deutschlands seit der Zeit der Befreiungskriege.

9 Deutsche Kunst ist provinziell.

Welch wunderbares Klischee! Nur weil es in Deutschland jede Menge Landeshaupt- und Landesnebenstädte und in jeder fünften oder siebten Kleinstadt einen Kunstverein gibt, ist das, was dort stattfindet, noch lange nicht provinziell. In London, Paris und selbstredend auch in der Berliner Republik will man es einfach nicht wahrhaben, dass sowohl Geist als auch Kunst an der Peripherie ebenso gut, ja zuweilen besser gedeihen als in den von jeder überflüssigen Modeaffizierten Metropolen. Nur den vielen geistigen Provinzen ist es zu danken, dass hierzulande mehr entsteht als nur Hauptstadtkunst.

Was war New York in den sechziger Jahren?

Genau: ein künstlerisches Provinznest, in dem jeder jeden kannte. Also bitte, schimpfen wir nicht länger auf die vielen, lebendigen Provinzen, sondern preisen wir sie. Denn:

Das Klischee von der Provinzialität deutscher Kunst sucht nur den schlechten Geruch loszuwerden, den eine völkische Kunstbetrachtung verströmte, die nach Stämmen und Rasse gefragt hat. Schließlich kannte die europäische Kunst- und Kulturgeschichte bis 1800 gar keine nationalen Grenzen.

10 Deutsche Kunst ist unpolitisch.

Klischees widersprechen sich gern. Trotzdem kommt man so nicht weit. Unpolitisch?

Namen wie Jochen Gerz, Hans Haacke, Astrid Klein, Olaf Metzel, Marcel Odenbach, Andreas Siekmann, Katharina Sieverding und Klaus Staeck sind nur einige Beispiele aus den letzten Jahrzehnten, die das Gegenteil belegen. Wem Haackes etwas oberlehrerhafte Konzeptkunst zu sehr nach Papier schmeckt, der kommt bei Olaf Metzel besser auf seine Kosten. Seine Installation aus Absperrgittern auf dem Ku'Damm setzte 1987 Protest und Radau ein Denkmal und provozierte Protest und Raudau, und wenn Metzel auf eine Außenwand des Württembergischen Kunstvereins in Stuttgart, in Sichtweite des Landtags, das Wort "Stammheim" malt und einen Betonkranz daneben stellt, dann ist es auch wieder nicht Recht.

Wir wollen es politisch, aber bitte schön so, dass es niemand merkt. Eher privat als öffentlich.

Denn seit sie in den dreißiger Jahren im Dienste der Politik stand, darf deutsche Kunst einfach nicht mehr politisch sein.

Bildunterschrift:

Schlechter als die Italiener? Albrecht Dürer, "Selbstbildnis" (1498, 52 x 41 cm)

Bedrohlich: Konrad Klaphecks "Inquisition" aus dem Jahr 1971 (100 x 110 cm)

Romantische Ikone:

Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer" (um 1817, 95 x 75 cm)

Hans Haacke vertreibt den Nazi-Geist: Installation "Germania" 1993 im deutschen Pavillon, Venedig

Das Weltende ins Bild gesetzt: Ludwig Meidner, "Apokalyptische Stadt" (1913, 81 x 116 cm)

Klassiker der Ostkunst: Bernhard Heisigs Gemälde "Unterm Hakenkreuz" (1973, 140 x 125 cm)

Bildwitz von Martin Kippenberger:

"Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken" (1984, 160 x 133 cm)

Staatskunst im Foyer des Reichstagsgebäudes:

"Schwarz, Rot, Gold" von Gerhard Richter (1999)

Von wegen Provinzidylle! Thomas Stimms "Löwenzahn" (2007) im Skulpturenpark Köln

Olaf Metzel setzt der Randale ein Denkmal: die Berliner Installation "13.4.1981" von 1987