Ausgabe: 11 / 2009
Seite: 185
Neue Masken
Von Till Briegleb
Spielerische Gebäudeverkleidungen sind nicht gleich Kitsch
KOLUMNE: AUSSER HAUS
Außerhalb Moskaus interessiert sich heute kaum jemand mehr für die Postmoderne - zumindest nicht für ihr Formenrepertoire aus Säulchen, Giebelchen und anderen historischen Versatzstücken. Aber die Kernidee der Postmoderne, die "Dekorierte Hütte", wie sie die Architekten Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour 1972 in ihrem Buch "Learning from Las Vegas" beschrieben, ist keineswegs tot. Die damals durchaus widerständige Forderung, dem Abstraktionsdogma der Moderne mit spielerischer Verkleidung zu entkommen, wird als Auseinandersetzung wiederbelebt. Konträr zum architektonischen Haupttrend unserer Zeit, dass ein bedeutendes Gebäude eine riesige Skulptur sein muss, suchen Architekten nach neuen Maskeraden.
Die Schweizer Gigon/Guyer haben die neue Halle des Verkehrsmuseums in Luzern mit Autobahnschildern verkleidet, das schwedische Büro Wilhelmson Arkitekter baute in Helsingborg zwei Wohntürme, deren Fenster mit barocken Goldrahmen gefasst sind. Diese schönen Beispiele zeigen, dass der ruinierte Ruf der Postmoderne ein ungeniertes Entwerfen erlaubt, das weder nach Moskau noch nach Las Vegas führen muss. "Less is a bore", wie Robert Venturi sagte.
Bildunterschrift: art-Autor
Verkehrsmuseum in Luzern
