Ausgabe: 11 / 2009
Seite: 165

Sehenden Ohres

Von Almuth Spiegler

KRITIK Utopische und utopiekritische Experimente zum Zusammenspiel von Bild und Ton: Was kopflastig klingt, präsentiert sich als anregendes Spiel mit Sinnestäuschungen, physiologischen Tricks und herrlichen Paradoxien

See this Sound - Versprechungen von Bild und Ton Lentos-Kunstmuseum, Linz, 28.8.-10.1.2010

Die Vorhänge sind grau und schwer und teilen nicht nur die Videokojen vom Rest der Ausstellung ab, sondern weisen uns auch subtil auf die nötige Ehrfurcht hin:

"Tacet Tacet Tacet" - Stille! Wie sie schon John Cage in seinem bahnbrechenden Stück "4'33" forderte, und zwar ausschließlich. Es war eine Sternstunde von Konzeptkunst und Avantgardemusik, als sich 1952 ein Pianist vors Klavier setzte - und vier Minuten und 33 Sekunden lediglich den Nebengeräuschen des Konzertsaals lauschte. Ähnlich anregend funktioniert auch die sehr durchdachte Gruppenausstellung "See this Sound" (Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, 32 Euro). Dass sich die Sounds dabei nicht ins auditive Gehege kommen, ist eine Meisterleistung von Architektin Nicole David. Eine zweite gelang Kuratorin Cosima Rainer mit dem beiläufigen Ignorieren festgefahrener Genregrenzen. Es geht in der Ausstellung weniger um gegenseitige Einflüsse von Kunst und Musik, als vielmehr um frühe utopische und spätere utopiekritische Experimente bildender Künstler mit dem Zusammenspiel von Bild und Ton.

Reicht es etwa, nur den Sound eines vollen Fußballstadions zu haben, um in Stimmung zu kommen? Und ob! Josef Dabernigs Film "Wisla" (1996) beweist es. Louise Lawler lud 1979 ins Kino zu "Misfits" ein, abgespielt wurde jedoch nur die Tonspur. Natürlich gibt es trickreichere Arbeiten, wie Laurie Andersons Holztisch von 1978, auf den man sich erst mit den Ellbogen stützen muss, um den Schall zum Ohr zu leiten. Oder Peter Weibels "Action Lecture", gehalten 1968 in Köln: Die Ton-Licht-Anlage funktionierte nur, wenn das Publikum lärmte. Dann war die Rede aber - herrlich paradox - erst recht nicht zu verstehen. "Happy new ears" wünschte John Cage einst seinem Publikum.

"And happy new eyes" könnte man hier noch dazufügen.

Bildunterschrift:

Besucher vor Bild-Ton-Experimenten verschiedener Künstler aus den Zwanzigern bis zur Gegenwart