Ausgabe: 11 / 2009
Seite: 164-165
Künstler mit Trip-Erfahrung
Von Adrienne Braun
VORSCHAU Anselm Reyle mischt Kunst, Kitsch und Dekoration und Zitate aus der bürgerlichen Welt
Anselm Reyle Kunsthalle, Tübingen, 17.10.-10.1.2010
Man muss kein LSD nehmen, die Verwirrung der Sinne übernimmt Anselm Reyle höchstpersönlich. "Acid Mothers Temple" nennt sich seine Werkschau, bei der er den zentralen Raum mit schwarzer Glanzfolie auskleidet, die Decke abhängt, schwarzen Teppich ausrollt und Lichteffekte inszeniert, um "eine Trip-Erfahrung erlebbar zu machen", wie der Kurator Daniel Schreiber es nennt.
Denn so wie beim Drogenkonsum "Dinge im Gehirn falsch verdrahtet" würden, so präsentiert der Künstler in der Ausstellung Dinge, die nicht zusammengehören: Kunst, Kitsch und Dekoration, Zitate aus der bürgerlichen Welt und der Punkszene, einen knatschrosa lackierten Heuwagen oder mit changieren dem Autolack überzogene Bronzefiguren, die afrikanischen Figuren nachempfunden wurden. Reyle, 1970 in Tübingen geboren, zeigt in der Kunsthalle die Produktion der vergangenen zwei Jahre (Katalog:
DuMont Buchverlag, zirka 20 Euro). Während der Besucher in dem Hauptraum in ein "psyche delisches Metakunstwerk" eintauche, so Schreiber, hat Reyle in einem anderen Saal Arbeiten eines Kollegen ergänzt: Er stellt seinen Werken Porträts von Georg Friedrich Zundel (1875 bis 1948) gegenüber.
Zundel malte Arbeiter und Handwerker monumental überhöht, Reyle dagegen präsentiert Skulpturen, die wie in den Wagenburgen der achtziger Jahre grob geschweißt wurden und bei denen man, so Schreiber, "die Punkszene sofort vor Augen hat".
So geht es Reyle, der heute Professor in Hamburg ist, um soziale Milieus und Alltagskultur, um Zitate aus dem bürgerlichen Leben oder der Konkreten Kunst, die er modifiziert und so kontrastiert, "dass man einen Blick auf die Welt von einer anderen Warte aus bekommt", so Schreiber. Bei seinen Folienbildern legt Reyle billige Dekorationsfolie sorgsam in Falten wie bei einem gotischen Faltenwurf, bei einer Neoninstallation ohne Titel (2008) hat er Reste alter Neonwerbung zu einer Art Mobile neu zusammengesetzt.
Dabei gehe es immer wieder "um eine bewusste Überschreitung", sagt der Kurator, die aber durchaus ein Lachen provozieren könne. Mehr Abbildungen finden Sie im Internet unter www.art-magazin.de/reyle
Bildunterschrift:
Anselm Reyle, ohne Titel (2009, 71 x 60 x 15 cm
