Ausgabe: 11 / 2009
Seite: 183
Wetten, dass ... ?
Von Hans Pietsch
TURNER-PREIS Großbritannien beschäftigt jetzt vor allem eine Frage: Wer gewinnt den Turner-Preis? Wir haben Wettbüros nach ihren Favoriten gefragt
Favorit der meisten britischen Buchmacher ist Roger Hiorns. Der 34-jährige Turner-Preis-Anwärter baut seine Installationen aus in der Kunst nicht gerade üblichen Materialien wie Seifenblasen, Feuer, Waschmittel und Parfüm. Für seine Arbeit "Seizure" (2008), die ihn in die Endrunde des diesjährigen Wettbewerbs katapultierte, goss der "moderne Alchimist", so Jurymitglied Andrea Schlieker, über 70 000 Liter erhitztes Kupfersulfat in eine leer stehende Londoner Wohnung und wartete, bis es erkaltete und Wände und Decken mit blauen Kristallen überzog. Im Londoner Wettbüro William Hill gilt Hiorns als Favorit: "Der mit Abstand beste Kandidat, auf den bislang das meiste Geld gesetzt wurde", erklärt Graham Sharpe von Hill.
Gefolgt wird er in der Wettliste von Enrico David. Der in Italien geborene 43-jährige Künstler arbeitet figurativ. Seine Gemälde, Skulpturen und Installationen orientieren sich am Surrealismus, auch die italienische Commedia dell' Arte ist ihm oft Inspiration.
Sein Werk ist voll abgründigem Humor, doch seine verzerrten und mutierten Körper wirken auch beunruhigend. Beim Internetwettbüro Sky Bet wird David sogar als Favorit notiert. Weniger Chancen räumen die Buchmacher im Wettstreit um den mit 25 000 Pfund dotierten Kunstpreis der Tate Gallery Lucy Skaer ein. Die 34-Jährige ist die einzige Frau unter den vier Anwärtern. Sie lebt und arbeitet in Glasgow und begann mit Zeichnungen, hat sich aber in letzter Zeit verstärkt auch der Plastik zugewandt. Ihre Installation "The Siege" (2008) verknüpfte Zeichnung und Skulptur, mit direkten Anspielungen auf Arbeiten von Leonardo da Vinci und Constantin Brancusi. Auch aus Glasgow kommt der vierte Kandidat Richard Wright, dem das Gros der Wettexperten aber keinen Sieg voraussagt. Mit seinen 49 Jahren liegt er gerade noch unter der in den Statuten vorgeschriebene Altersgrenze von 50 Jahren. Der Absolvent des Edinburgh College of Art ist für seine abstrakten Wandgemälde bekannt, die er am Ende jeder Präsentation zerstört.
Helen Jacob, Pressesprecherin von Sky Bet, warnt vor voreiligen Festlegungen:
"Der Turner-Preis ist wegen seiner Unberechen barkeit für uns eines der schwierigsten Ereignisse." Wenn am 7. Dezember in der Tate Britain der Gewinner bekanntgegeben wird, ist die Überraschung oft selbst bei den Buchmachern groß. Ausstellung: bis 3. Januar 2010, Tate Britain, London
Bildunterschrift:
So sieht das Ranking der britischen Buchmacher aus (von oben nach unten): Roger Hiorns:
"Vauxhall" (2003); Enrico David:
"Bulbous Marauder" (2008); Lucy Skaer: "Black Alphabet" (2008); Richard Wright: "Untitled" (2005)
