Ausgabe: 11 / 2009
Seite: 182

"Exorzismus gegen Angst"

Von Gerhard Mack

INTERVIEW Menstruationsblut als Lebenselixier: Die Schweizer Videokünstlerin Pipilotti Rist hat mit "Pepperminta" ihren ersten Spielfilm gedreht, der im Frühjahr auch in Deutschland anläuft

art: Was hat Sie motiviert, sich dem Kino zuzuwenden?

Pipilotti Rist: Ein Spielfilm ist für mich auch eine Installation - mit rigiden Bedingungen.

Es gibt nur eine Leinwand, die Zuschauer setzen sich zur selben Zeit hin und gehen gemeinsam. Und sie schauen alle in dieselbe Richtung.

Ich muss sie über 80 Minuten beim Geschehen halten. Dazu brauche ich eine Dramaturgie.

Worin unterscheidet sich das von einer Installation?

Eine Installation besteht aus zwei, drei Szenen, während ich in dem Film 72 habe. Und der Kunstbetrachter lässt sich anderthalb Stunden lang schwerer vorschreiben, wo er hinschauen soll.

Sie haben angeblich zehn Jahre lang an dem Kinofilm gearbeitet?

Die Idee ist so alt, wirklich angefangen habe ich mit dem Film aber erst vor gut vier Jahren. Ich wollte mich erzählerisch und technisch entwickeln. Das Kino war für mich der einzige Weg, mich in neue Regeln zu begeben.

War die Kunst für Sie ausgereizt?

Nicht ausgereizt. Ich arbeite ja weiterhin mit Begeisterung in Museen. Aber die Filmsprache des Kinos ist komplexer als die der Videokunst. Künstler haben oft gar nicht die Möglichkeit zu vielschichtigen Erzählungen, weil ihnen die Ressourcen fehlen.

Ihr Film "Pepperminta" erzählt die märchenhafte Geschichte einer jungen Frau. Welches Anliegen verfolgen Sie damit?

Wie in allen meinen Arbeiten geht es mir darum, Mut zu machen. Der Film ist ein Exorzismus gegen die Angst, dass die anderen uns auslachen könnten.

Warum lassen Sie Ihre Akteure im Film Menstruationsblut trinken?

Blut ist in vielen Mythen zentral. In "Pepperminta" wird ein Kult erfunden. Er weist symbolisch darauf hin, dass die Kulte, die wir pflegen, auch anders sein könnten.

Bildunterschrift:

Pepperminta, eine Anarchistin der Fantasien, ist die Heldin aus Rists erstem Spielfilm

Im Kino:

Videokünstlerin Pipilotti Rist, 47