Ausgabe: 11 / 2009
Seite: 180

Schmuckteller für verdiente Genossen

Von Ute Thon

KULTURGESCHICHTE Der Mauerfall am 9. November vor 20 Jahren ist eines der wichtigsten Kapitel deutscher Geschichte, doch nicht etwa in Berlin, sondern im fernen Los Angeles steht das von Wissenschaftlern geschätzte einzigartige "Wende Museum"

Das hätte sich der Kreisvorstand des "Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds" aus dem sächsischen Döbeln wohl nie träumen lassen, dass sein Schmuckteller für verdiente Genossen einmal in Hollywood landen würde. Oder besser an der Wand eines ehemaligen Filmstudios in Culver City.

Dort, zwischen Autobahnkreuzen und dem Großflughafen von Los Angeles, befindet sich das "Wende Museum". Die Porzellantrophäe gehört zu einer einzigartigen Sammlung von über 100 000 Objekten, darunter Gemälde, Poster, Filme, Uniformen und Möbelstücke, aus der untergegangenen DDR und den Ostblockstaaten der Ära des Kalten Krieges, die im sonnigen Kalifornien zusammengetragen wurde. Das Museum, das 2002 gegründet wurde, versteht sich vorrangig als wissenschaftliche Forschungseinrichtung.

In den Lagerräumen stapeln sich Kisten mit Dokumenten, darunter Tagebücher von Grenzsoldaten und Erich Honeckers Notizen während seiner Haft in Berlin-Moabit. In den Regalen stehen Büsten von Marx, Lenin und Stalin dicht an dicht, es gibt Möbel aus dem Palast der Republik und eben auch rund 3000 realsozialistische Wandteller.

Dass die Zeugnisse deutsch-deutscher Geschichte ausgerechnet im hedonistischen Los Angeles landeten, liegt an der Beharrlichkeit von Justinian Jampol. Der 31-jährige Museumsdirektor, ein umtriebiger Kulturhistoriker mit brennendem Interesse an Ikonografie und DDR-Geschichte, hat in Oxford und Moskau studiert und arbeitet gerade an seiner Dissertation zur "Politischen Ikonografie und Evolution kultureller Inhalte in der DDR, 1949-1989".

Dabei ist ihm aufgefallen, wie wenig öffentlich zugängliches Material es zu diesem Thema gibt. Andererseits werden seit der Wende überall im Ostblock Denkmäler geschliffen und die Spuren von Macht und Alltag im Sozialismus verwischt. Längst haben auch andere Institutionen die Bedeutung von Jampols Spurensicherung erkannt.

Das "Wende Museum" erhält finanzielle Förderungen von der Getty-Stiftung, vom britischen Arcardia Trust und vom Auswärtigen Amt in Berlin. Das Jahresbudget beläuft sich auf eine Million Dollar. Was nicht in Ankäufe und die Konservierung der Sammlung fließt, steckt Jampol in Ausstellungen. Sein Museum ist einer der Leihgeber der hochgelobten Ausstellung "Kunst und Kalter Krieg", die noch bis zum 10. Januar 2010 in Berlin zu sehen ist. Im Oktober organisierte er in Los Angeles mit der kalifornischen Universität UCLA eine Tagung zur Alltagskultur in Ost und West, und im November startet im Goethe-Institut in Washington eine Ausstellungstour zur Wiedervereinigung.

Bildunterschrift:

Marx-Büsten, Schmuckteller und viele andere DDR-Trophäen: Über 100 000 Objekte aus der Ära des Kalten Krieges werden im "Wende Museum" in Los Angeles archiviert