Ausgabe: 10 / 2009
Seite: 11-20
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"EMUFPHZLRF" beginnt einer der bestverschlüsselten Texte der Welt.
Insgesamt 865 geheimnisvolle Buchstaben befinden sich nicht etwa auf einem vergilbten Pergament, sondern - eingestanzt in den Kupferteil einer Skulptur - auf dem Gelände des US-Geheimdiensts CIA. Seit 20 Jahren laufen täglich Agenten an der Arbeit des amerikanischen Bildhauers James Sanborn vorbei, ohne dass der Code geknackt wurde. Sanborn weigert sich strikt, das Rätsel zu lösen. Er hatte erwartet, dass "Kryptos" in wenigen Monaten gelöst sei. Vielleicht kurbelt das neue Buch von Dan Brown ja den Eifer von Hobby-Agenten weltweit an. Den Ankündigungen zufolge soll die Skulptur in "Das verlorene Symbol" eine zentrale Rolle spielen. Erscheinungstermin: 14. Oktober.
EINE LISTE Die verzweifeltesten Ausstellungstitel 2009 1. When the pictures left me it was already too late Galerie Nice & Fit, Berlin 2. As I Was Dying Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim 3. Borderline Pleasure Galerie Michael Janssen, Berlin 4. Instead of Heaven Galerie Sabine Knust, München 5. April ist der übelste Monat von allen Galerie Baer, Dresden 6. Against the Day Wiels Museum, Brüssel 7. Am Wasser gebaut Zephyr / Raum für Fotografie, Mannheim 8. Der verdammte Baumeister Architekturzentrum Wien 9. If you don't create your own history, someone else will Frankfurter Kunstverein 10. Paranoid Defenders Galerie Michael Janssen, Berlin 11. Speaking in Tongues Nature Morte, Berlin 12. Apocalypses Galerie Hengevoss-Duerkop, Hamburg 13. Apocalypto Now Museum Ludwig, Köln 14. Isolation Galerie Voss, Düsseldorf 15. Nein Luis Campaña Galerie, Berlin
Über Handymasten stritten bisher vor allem Umweltmediziner und Experten für Elektrosmog. Ästhetische Nebenwirkungen spielten selten eine Rolle. Dabei leidet vor allem das ländliche Idyll: In Städten werden sie kaum zur Kenntnis genommen, gesellen sich auf Dächern zu Tauben und anderen urbanen Außenseitern - auf dem flachen Land aber stellen sie sich dem Menschen selbstbewusst ins Blickfeld. Dem scheint das unnatürliche Gestänge aber nicht ganz zu behagen. Zumindest erklärt das den amerikanischen Trend, die Stahlmasten in baumartigen Gewändern verschwinden zu lassen. Der Münchner Robert Voit hat dem Phänomen eine Fotoserie gewidmet. In bester Becher- Manier rückt er seine "New Trees" in die Bildmitte. Bis zum 15. November in der Alfred-Ehrhardt-Stiftung in Köln zu sehen.
Es ist wie mit den Remixen alter Popsongs - das Original wird selten übertroffen. Dennoch: Ein zeitgemäßer Anstrich erfrischt auch manch unerreichten Klassiker. Um einiges verspielter wirkt der "Struwwelpeter" aus den Federn der Comiczeichner ATAK und Fil. Doch die drolligen Augen täuschen: Die Geschichten um Zappelphilipp und Co. sind mindestens so böse und abgründig wie Heinrich Hoffmanns ehrwürdige Vorgänger.
PRODUKTKRITIK Von Inneneinrichtern hört man häufig den Satz, man solle "antike Stücke mit modernen, minimalistischen Möbeln" kombinieren. Der 1974 geborene englische Designer Gareth Neal griff diese Idee jetzt auf - und verwirklichte sie in einem einzigen Möbelstück! Der Beistelltisch "Anne" aus amerikanischem Walnussholz hat unter der geraden, kantigen Oberfläche das fein geschwungene Skelett eines viel älteren Tischmodells.
Der Name bezieht sich auf den "Queen-Anne-Stil" des 18. Jahrhunderts; er scheint wie ein Geist in diesem modernen Tisch zu hausen. Wir sind amüsiert!
Ausrangierte Leuchtbuchstaben haben ihren eigenen Zauber: Sie erinnern daran, dass da mal etwas war, ein Restaurant, eine Bar, ein Geschäft - vergangenes Leben. Und sie sind Zeugnisse des Zeitgeistes. Denn natürlich gibt es auch in der Lautbeschriftung typografische Moden. Das Buchstabenmuseum in Berlin versucht nun, möglichst viele Lettern vor dem Schrottplatz zu bewahren. Noch ist das Museum nur ein Lager; die Betreiberinnen Barbara Dechant und Anja Schulze planen aber auch Ausstellungen und eine Dauerpräsentation. Spenden und natürlich auch Buchstaben sind willkommen: www.buchstabenmuseum.de.
Dieses Malmöer Graffito könnte Jahrtausende überdauern. Der aus Kentucky stammende und in Berlin lebende Street-Art-Künstler Brad Downey hat es mit Tausenden von Mosaiksteinchen für die Ewigkeit fixiert. Geholfen haben ihm dabei Studenten der Hip-Hop School von Malmö. Downey ist bekannt für gut geplante Guerilla-Aktionen, mit denen er die städtische Alltagsroutine manipuliert. Einen neuen Trend wird er wohl aber nicht auslösen - die Technik ist einfach nichts für Nacht und Nebel. Mehr über Downey und seine Aktionen in art 01/09 oder unter www.braddowney.com.
FRÜHE ERKENNTNIS - KINDER ERKLÄREN KUNST (11)
Galaan, 5, über die "Einschiffung der Königin von Saba" (1648) von Claude Lorrain Cool, da ist ja eine Schatzkiste! Da ist Gold drin.
Die haben bestimmt Seeräuber geklaut, und jetzt wollen sie ihre Beute an Land verstecken. Da hinten liegt ja auch ihr Schiff. Die Piraten an Bord machen grade eine Pause, denn Piratsein ist anstrengend, da muss man auch mal schlafen. Aber der Piraten-Chef schläft nicht, der passt auf, dass keiner das Schiff klaut. Die zwei Piraten mit der Schatzkiste sind schon im Hafen angekommen.
Vielleicht wollen sie die Kiste in dem großen Haus mit den Säulen verstecken. Das ist ein Museum! Vor dem Museum stehen ganz viele Leute. Das ist so im Museum. Da muss man anstehen und warten. Und alles sehen kann man auch nicht, denn man kriegt immer Hunger, bevor man fertig ist.
Hafen finde ich spannender als Museum. Ich gehe oft an den Hafen mit Papa, denn der Hafen ist gleich bei ihm um die Ecke. Ich hab mir da auch schon mal wehgetan:
Ich hab nicht aufgepasst und bin eine Treppe runtergerauscht!
Auf den Knien. Autsch.
Erobert die Straßen zurück! Unter diesem Motto verwandelte das irische Street-Art- und Skater-Konglomerat "Kings of Concrete" eine Bushaltestelle im Dubliner Viertel Wood Quay zu einer Quarterpipe. Die Skater-Szene der Stadt ist groß und lebendig und wird von behördlicher Seite wohlwollend gefördert. 2006 finanzierte die Stadt 21 Skate- Parks. Einmal im Jahr findet seitdem ein Skate- und Street- Art-Festival statt, zu dem in diesem Jahr über 10 000 Besucher kamen. Just in jenen Tagen tauchte auch die Guerilla- Rampe in Wood Quay auf. Die Skater-Szene ist traditionellerweise eine der Hauptbrutstätten für Street Art.
DIE ART-HOME-STORY (27)
Zu Gast bei Käthe Kruse
Krimskrams, Nippes, Utensilien - im Laufe der Zeit sammelt sich so einiges an. Wir besuchen Künstler in ihren Ateliers und lassen uns ihre Lieblingssachen und Herzensdinge zeigen.
Nähkiste und Plüschmaus Die habe ich seit 25 Jahren. Da ist alles drin, was ich noch brauchen könnte: Knöpfe, Stoffreste, Zwirn. Die Maus ist von meiner Tochter Clara, die jetzt als Teenager auf keinen Fall mehr so eine Maus haben möchte.
Kleine Steinlaterne Eigentlich hatten wir unsere Band schon aufgelöst, als 1988 die Anfrage aus Japan kam.
Wir - meine Bandkollegen Wolfgang Müller und der inzwischen gestorbene Nikolaus Utermöhlen - fuhren trotzdem. Eine Woche zuvor hatte ich meine Mutter beerdigt. Diese Laterne kaufte ich in Kyoto für ihr Grab.
Rolodex Rollkartei Ich kenne unendlich viele Leute und wollte einen festen Gegenstand für alle Adressen. Dieses Ding finde ich viel praktischer als die Kontaktdatei im Handy. Erst wenn die Adressen hier drin sind, sind sie sicher! Ich habe auch einen "Schlampenkasten" für die noch nicht übertragenen Zettel und Visitenkarten.
Hocker Der wurde angeschafft, als ich im April mein neues Arbeitszimmer bezogen habe. Auf diesem Hocker sitze ich, wenn ich auf meinem kleinen Balkon Kaffee trinke. Dann finde ich es auch gar nicht so schlimm, dass ich auch im Sommer so viel drinnen arbeite. Deshalb ist das ein wichtiges Acce ssoire. Nein, der ist nicht von Ikea, sondern von Philippe Starck.
Pulswärmer Die hat meine Schülerin Kyra gemacht.
Ich habe meine Töchter und ihre Freundinnen jahrelang jeden Dienstag im Handarbeiten unterrichtet.
Das gehört nicht in die Hausfrauenecke!
Damit kann man ganz großartige Kunst machen. Meine Ballkleider, die Teppiche, die ich knüpfe - all das basiert darauf.
Bildunterschrift:
Eine Parkbank ist eine Parkbank ist eine Parkbank - denkste! Jeppe Hein, der Shootingstar der jungen dänischen Kunstszene, zeigt, was noch in den Alltagssitzgelegenheiten steckt. Unter der Überschrift "Modified Social Benches" verlängert er ihre Beine, verknotet ihre Bretter oder verknüpft sie - wie zuletzt bei der Art Basel - zu Endlosensembles, die Carrera-Bahnen ähneln. Zu besitzen sind die an öffentlichen Orten aufgestellten Jeppe-Bänke unter anderem auf dem Vorplatz des Bonner Kunstvereins, im Naturpark Lüneburger Heide oder im Stadtraum von Åarhus (Foto). Dort kündigen Heins skurrile Bänke schon seit dem Frühsommer seine erste große Gesamtschau an, die vom 9. Oktober bis 21. Februar 2010 im ARoS läuft.
Es ist ein Mimikry-Effekt der besonderen Art, den Liu Bolin erzeugt: Der chinesische Künstler löst sich selbst und andere in seiner Fotoserie "Urban Camouflage" scheinbar im Hintergrund auf. Die geschickte Bodypainting- Tarnung ist so perfekt, dass der Mensch in seiner Umgebung fast unsichtbar wird. Allein die Wahl der Motive wie Fabriken, Straßen oder Polizeireviere birgt ein in China bereits riskantes Maß an Systemkritik. Selten hat ein Künstler so starke Bilder gefunden, um die Bedeutungslosigkeit des Einzelnen in einem totalitären Regime darzustellen. Mehr Informationen zu Liu Bolins Werk gibt es bei seiner Galerie: www.louislannoogallery.com
Der koreanische Künstler Choi Jeong-Hwa muss Dutzende 99-Cent- Läden geplündert haben, um an all die knallbunten Körbe, Siebe und Schüsseln zu kommen, die er in seiner Installation "Happy Happy" verbaut hat. Sie ist Teil der Ausstellung "Your Bright Future:
12 Contemporary Artists from Korea" im LACMA in Los Angeles
Kunst, die der Geheimdienst nicht versteht
Voll auf Sendung: Robert Voits Fotoserie "New Trees" zeigt verkleidete Handymasten in den USA
"Da beißt der Hund mit scharfem Mund, und Fritze ist nicht mehr gesund" - der neue Struwwelpeter von ATAK und Fil
Alter Tisch im neuen Gewand: "Anne" ist handgearbeitet
Schätze aus der Sammlung: das "H" des alten Berliner Hauptbahnhofs; die Schrift des Berliner Restaurants "Seeterassen"; Schrift vom DDR-Rundfunkhaus
Lösungsmittelresistent: Street-Art-Star Brad Downey macht flüchtige Graffiti-Kunst tauglich für die Ewigkeit
Downey hat selbst Klinker und Kamerasticker ins Wandbild integriert
Galaan, 5, über die "Einschiffung der Königin von Saba" (1648) von Claude Lorrain
Nächste Haltestelle: Guerilla-Skate-Rampe in Dublin
Käthe Kruse, 51, war in den Achtzigern in der Kunstband "Die tödliche Doris", - heute macht sie alles, was sonst noch Kunst ist: www.kaethekrusekunst.de (Foto: Nina Lüth)
