Ausgabe: 10 / 2009
Seite: 110-111
Feines Gespür für die Macht
Von Gerhard Mack
VORSCHAU Der rumänische Künstler Daniel Knorr zeigt in seiner ersten großen Einzelausstellung Werke aus den letzten zwölf Jahren
Kultur kann auch eine Waffe sein", sagt Daniel Knorr und meint das für seine neue Ausstellung ganz wörtlich. Im Grundriss der Kunsthalle Basel hat er die Form einer Neun-Millimeter-Pistole mit Schalldämpfer entdeckt. Beim ersten Saal, da wo der Lauf ist, wird ein Zählgerät installiert, das "wie ein Star-Wars-Gerät" aussieht und die Besucher registriert, die die Räume betreten oder verlassen. In jedem Saal zeigt ein Flachbildschirm mit roten Kugeln an, wie viele sich in der Ausstellung bewegen (Katalog: JRP/Ringier Kunstverlag AG 29 Franken, 19 Euro). Das dient der Statistik und der Überwachung zugleich und ist für Knorr "ein Bild für das, was Kulturpolitik ist".
Das Zählgerät, das installiert bleiben soll, auch wenn die Ausstellung längst vorbei ist, weist ins Zentrum von Knorrs Werk. Kunst setzt sich mit "der Repräsentation einer Gesellschaft" auseinander. Für die Sinnbilder der Macht hat der 1968 in Bukarest geborene und seit seinem 15. Lebensjahr in Deutschland lebende Künstler ein feines Gespür. Bei der Biennale Venedig 2005 machte er Furore, weil er den nationalen Pavillon Rumäniens leer stehen ließ, nur den Hintereingang öffnete und einen tausendseitigen Reader zur "European Influenza" verteilte, der den schwierigen Integrationsprozess der EU thematisierte. Das abgetakelte Gebäude symbolisierte den baufälligen Nationalstaat. Ähnlich brachte Knorr 2008 bei der 5. Berlin-Biennale die Kehrseiten nationalen Bewusstseins zum Ausdruck: Die Neue Nationalgalerie wurde mit Fahnen der 58 in Berlin ansässigen Burschenschaften beflaggt.
Unser Geschichtsbewusstsein versieht der Multimedia-Künstler in Basel mit scharfen Kanten. Ein Set von Brillen aus Glasscherben, die er letztes Jahr in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum in einer Art Dauerperformance angefertigt hat, lässt die Reichspogromnacht von 1938 aufscheinen, in der jüdischen Bürgern unter anderem auch die Brillen zerschlagen wurden, und macht fast körperlich spürbar, wie schmerzhaft der Blick durch die Brille der Vergangenheit sein kann. Und eine Installation, die Designerklamotten zu Vogelscheuchen arrangiert, verbindet ein jahrhundertealtes Bild des Ausgestoßenseins mit dem relativ jungen Wettbewerb ums angemessene Outfit in der High Society der bürgerlichen Gesellschaft.
Zum angemessenen gesellschaftlichen Verhalten gehört übrigens auch der Besuch kultureller Veranstaltungen. Eine interaktive LED-Wand verzeichnet in Basel jeden Betrachter.
Daniel Knorr - Led R. Nanirok
Kunsthalle Basel, 20.9.-15.11.2009
Bildunterschrift:
Schmerzhafter Blick: "Scherben bringen Glück" (2008), Brillen aus zerbrochenem Glas
