Ausgabe: 10 / 2009
Seite: 106
Avatare und Mona Lisa
Von Almuth Spiegler
KRITIK Zwei Ausstellungen versuchen sich in Wien und Krems an der Geschichte des Porträts - und kommen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen
Sonst sind es ihre nackten Körper, die im Fokus stehen. Den italienischen Fotografen Luigi Gariglio aber haben die nackten Gesichter der Stripteasetänzerinnen interessiert: Er kam am Morgen danach und ließ sie ungeschminkt die Kamera fixieren.
Diese unverstellten Porträts hängen jetzt in der Kunsthalle Wien, und in den sanften, aber selbstbewussten Blicken meint man ganze Schicksale lesen zu können.
Es ist eine besondere Ausstellung, die Kurator Peter Weiermair hier gelungen ist:
Assoziativ und mit lockerer Eleganz erzählt er eine Geschichte der Porträtfotografie der letzten 30 Jahre. Als Schlüsselfiguren stellt er Nan Goldin und Robert Mapplethorpe an den Beginn - den dokumentarischen Voyeurismus und die Fetischisierung der formalen Schönheit. Letztere setzt sich in Valérie Belins Studiofantasien fort, in denen sie per Computer anonyme Models zu androgynen Avataren schönt. Goldins Einfluss hingegen scheint im "projekthaften Untersuchen" auf, das Weiermair als das Typische der jüngeren Porträtfotografie umreißt. Als verbindendes Merkmal fällt außerdem eine Fixierung auf das männliche Genital auf (Katalog: Verlag für moderne Kunst, 35 Euro).
Dagegen wirkt die Porträtausstellung in der Kunsthalle Krems (Katalog: 19,90 Euro) prüde wie ein amerikanischer Vorabendfilm.
Im stark gerafften Rückblick auf die Kunstgeschichte geht es um offizielle Repräsentation und deren Dekonstruktion. Ein altbekannter Zugriff, den der neue Kunsthallendirektor Hans-Peter Wipplinger mit Charme aufzubereiten versucht. Das gelingt ihm vor allem dort, wo sich Alt und Neu direkt berühren: wo Gelitin die Mona Lisa vom Podest holen oder Markus Schinwalds verfremdete Biedermeier-Porträts sich zwischen Bildnisse von Max Slevogt und Anton Romako schwindeln. Doch solche Momente sind rar. Letztlich überwiegt in Krems der Eindruck einer Meute von 180 Gemälden, Fotos und Objekten, die unterhaltsam, aber etwas unmotiviert um das Generalthema "Porträt" mäandert. Weitere Bilder der Ausstellungen finden Sie unter: www.art-magazin.de/portrait
Das Porträt. Fotografie als Bühne Kunsthalle Wien, 3.7.-18.10.2009 Sehnsucht nach dem Abbild. Das Porträt im Wandel der Zeit Kunsthalle Krems, 26.7.-26.10.2009
Bildunterschrift:
Besucherinnen in Wien vor zwei 2003 in New York aufgenommenen Fotografien von Beat Streuli
