Ausgabe: 10 / 2009
Seite: 104-105
Krake trifft Schäferhund
Von Sandra Danicke
VORSCHAU Der kanadische Multimediakünstler Jack Goldstein galt jahrelang als Geheimtipp. Jetzt wird sein Werk neu entdeckt
Ein Löwe brüllt und brüllt, bis die freudige Erwartung des Betrachters in ungeduldige Irritation umschlägt. Es ist der Metro-Goldwyn-Mayer-Löwe, der normalerweise einen aufwendig produzierten Hollywood- Streifen ankündigt, den Jack Goldstein 1975 aus seinem Zusammenhang isoliert und als Loop geschnitten hat. Der Löwe verweist nun auf nichts als sich selbst.
Zugleich ist er im kollektiven Gedächtnis so stark verankert, dass wir sofort amerikanisches Blockbuster-Kino und die damit zusammenhängende Maschinerie assoziieren.
Ein frühes Beispiel für Appropriation Art, mit dem Jack Goldstein zu Lebzeiten jedoch genauso wenig berühmt wurde wie mit seinen Gemälden oder Schallplatten.
Der Kanadier, der 1945 in Montreal geboren wurde, am California Institute of the Arts studiert hat und sich 2003 in San Bernadino das Leben nahm, blieb der ewige Geheimtipp, erst jetzt wird sein Werk wieder entdeckt.
Dabei galt Goldstein in den achtziger Jahren neben Richard Prince, Sherrie Levine und Robert Longo als einer der meistversprechenden Künstler der sogenannten Post- Pop-Art. Er interessiere sich "für die Lücke zwischen Minimalismus und Pop Art: für die Objekthaftigkeit und Autonomie im Minimalismus sowie für den Stoff unserer Kultur, der sich in der Pop Art findet", hatte der Künstler einst formuliert.
Begonnen hatte Goldstein mit Performances, die teilweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden. Es folgten kurze performative oder minimalistische 16-Millimeter- Filme, in denen nur wenig passierte:
Ein Schäferhund bellt, ein Tintenfisch gleitet durchs Meer, oder man sieht ein Messer, auf dem sich das Licht in unterschiedlichen Farben bricht. Motive, die man aus dem Kino als Requisiten kennt und die wie Codes funktionieren. Das Gleiche gilt für eine Reihe von farbig gestalteten Schallplatten, die aus Tonarchiven stammende, stereotype Geräusche enthalten, die im Gedächtnis gespeicherte Bilder wachrufen.
Gemeinsam mit den Filmen sowie 20 Gemälden von Naturkatastrophen und Kriegsereignissen, die zum größten Teil von Spezialisten nach Goldsteins Vorgaben angefertigt wurden, sind sie nun in der ersten großen Museumsausstellung in Deutschland seit den achtziger Jahren zu sehen (Katalog: Verlag der Buchhandlung Walther König, zirka 35 Euro).
Jack Goldstein
Museum für Moderne Kunst, Frankfurt/ Main, 3.10.-10.1.2010
Bildunterschrift:
Still aus dem 16-Millimeter-Film "Under Water Sea Fantasy" von 1983/2003
