Ausgabe: 10 / 2009
Seite: 105
Alles neu, alles besser
Von Kito Nedo
KRITIK Die Bestände des Museums für Gegenwart wurden umgehängt
Die Rotunde im Vorgarten des Museums sieht verwildert aus. Ein Versäumnis?
Wohl kaum. "Recht auf Faulheit" (2007/09) heißt die erst kürzlich mithilfe der Freunde der Nationalgalerie erworbene Arbeit des US-Künstlers John Knight. Im Inneren des Hamburger Bahnhofs freilich war man alles andere als untätig: Seit dem Frühjahr haben Udo Kittelmann und sein Team die Sammlungspräsentation der Nationalgalerie für zeitgenössische Kunst auf rund 10 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche gründlich umgekrempelt und stellen sie nun - mit finanzieller Unterstützung der Philip Morris Kunstförderung - unter dem Titel "Die Kunst ist super!" dem Publikum neu vor.
Behutsam wurden dabei die unsichtbaren Grenzen, die das Gebäude seit seiner Einweihung 1996 immer mehr in die räumliche Proporz-Stagnation zwischen Leihgaben der Sammlungen Marx und Flick, dem Bestand der Nationalgalerie und Wechselausstellungen trieben, wieder durchlässiger gemacht.
Zwar bleibt der linke Flügel dem Hausheiligen Joseph Beuys vorbehalten, doch ansonsten geht der neue Direktor unorthodox mit den Beständen um, bringt Leihgaben ins Haus, wo er es für nötig erachtet. So wird etwa das Vanitas-Thema zwischen Tod und Eitelkeit ergründet: Kittelmann konfrontiert Cy Twomblys Triptychon "Thyrsis" (1977) mit Gipskopien zweier Sklavenstatuen von Michelangelo und bricht so die Hermetik der Sammlung Marx auf.
Auch die Blei-Installationen von Anselm Kiefer, die eine gefühlte Ewigkeit in der wunderbaren Haupthalle gestanden hatten, wurden endlich bewegt. Nun ist hier Marcel Duchamps "Roue de Bicyclette" (1913/64) neben einem begehbaren Modell der Londoner Tate Modern von Roman Ondák und dem "Wagon" (2006) von Robert Kusmirowski zu sehen. Auch in den Rieckhallen ist so manche spektakuläre Arbeit aus der Sammlung von Friedrich Christian Flick zu sehen, etwa Dieter Roths faszinierende "Gartenskulptur" (ab 1968), die wie eine riesige Fantasiemaschine jeden Rahmen zu sprengen scheint.
Das Einzige, was fehlt, ist eine Dokumentation über die Einbindung der umstrittenen Flick Collection in die Bestände der Nationalgalerie, die im letzten Jahr mit einer Schenkung von 166 Werken faktisch besiegelt wurde.
Denn dass das ganze Unternehmen auch eine symbolpolitische Dimension besitzt, sollte man nie vergessen - auch wenn die Kunst noch so "super" ist.
"Die Kunst ist super!"
Hamburger Bahnhof, Berlin, 5.9.-14.2.2010
Bildunterschrift:
Die Anselm- Kiefer-Werke aus der Sammlung Marx haben die Haupthalle geräumt
