Ausgabe: 10 / 2009
Seite: 108-109
Die Vielfalt der Arten
Von Steffen Zillig
VORSCHAU Eine umfangreiche Retrospektive der russischen Avantgardistin Natalja Gontscharowa bietet erstmals einen Querschnitt durch ihr vielgestaltiges Gesamtwerk
Evolution folgt keinem Masterplan, sie ist das Ergebnis immer neuer Kombinationen und Mutationen. Natalja Gontscharowa schien das biologische Prinzip zum Leitsatz ihrer Malerei gemacht zu haben.
Immer wieder wechselte sie die Richtung und probierte neue malerische Spielarten.
Die 1881 geborene Künstlerin eröffnete ihre erste Retrospektive schon mit 32 Jahren. Die fast 800 ausgestellten Bilder unterschied sie da bereits nach sieben verschiedenen "Ismen" - Impressionismus, Primitivismus oder den mit ihrem Lebensgefährten Michail Larionow entwickelten Rayonismus, einen Malstil, dessen Motive sich in abstrakte Farbstrahlen-Kompositionen zergliedern.
Im Katalog erklärte Gontscharowa, sich keinerlei "Grenzen und Schranken aufzuerlegen, was künstlerische Errungenschaften betrifft". Dass sie ihr Leben lang Wort halten würde, kann erfahren, wer jetzt die Rüsselsheimer Opelvillen besucht. Dort versammelt eine Ausstellung erstmals Bilder und Dokumente aus allen Phasen ihres vielseitigen Schaffens (Katalog: Hatje Cantz Verlag, 39,80 Euro).
1910 wurde Gontscharowa erstmals größere Aufmerksamkeit zuteil. Unter dem Vorwurf der Pornografie ließ man in Moskau einige ihrer Bilder beschlagnahmen. Aktmalereien waren damals nicht ungewöhnlich, aber dass eine Frau sie malte und vor allem wie: Muskulös, kantig, beinahe männlich wirken ihre Frauen. In heroischer Pose stehen sie im Bild oder aber gnomartig und kubisch. Ihre Vorbilder sah Gontscharowa aber weniger im europäischen Kubismus, vielmehr beeindruckten sie alte skythische Steinstatuen und die Volkskunst ihrer Heimat.
Im vorrevolutionären Russland gehörte sie zu einer Gruppe von Avantgardisten, die antraten, eine moderne Malerei mit eigenständigem östlichem Charakter zu entwickeln. "Vom Westen wende ich mich ab", schrieb sie noch 1913, "mein Weg zum Ursprung aller Kunst führt nach Osten." Dass sie den Großteil ihres Lebens im Pariser Exil verbringen würde, gehört zu jenen Wendungen, die ihre Malerei in Bewegung hielten.
Als sie Mitte der zwanziger Jahre entgegen aller Erwartung eine Reihe realistischer Naturansichten ausstellte, soll Picasso bemerkt haben, das sei "auch eine Möglichkeit, sich die Kugel zu geben". Doch Gontscharowa setzte ihrer Malerei weder zur einen noch zur anderen Seite hin Grenzen, arbeitete auch parallel in unterschiedlichen Stilen.
Bis zuletzt blieb sie getrieben von einem unbedingten Willen zur Gegenwart.
Noch mit 76, fünf Jahre vor ihrem Tod, inspirierte sie der erste künstliche Weltraumsatellit "Sputnik" zu einer völlig neuartigen Werkgruppe kosmischer Abstraktionen.
Weil sie von Arthritis bereits so weit geschwächt war, dass sie kaum mehr in der Lage war, den Arm zu heben, malte Gontscharowa die Bilder sitzend im Bett.
Beseelt von den neuen malerischen Impulsen, berichtete sie einer Freundin, es sei, als habe für sie ein neues Leben begonnen.
Stillstand bedeutet Tod - noch so ein biologisches Prinzip, das sie gekannt haben muss.
Natalja Gontscharowa
Opelvillen Rüsselsheim, 5.10.-24.1.2010
Bildunterschrift:
Ganz links:
"Raum" (1958, 61 x 50 cm), links: "Frauenakt (vor blauem Hintergrund)", (1909/10, 111 x 87 cm)
