Ausgabe: 10 / 2009
Seite: 54-64

Die Skeptiker

Von Christoph Tannert

20 Jahre nach dem Mauerfall wird der Underground von Ostberlin neu bewertet. In Prenzlauer Berg und anderswo entstand in den Achtzigern eine wilde, nervöse, unideologische Kunst. Ein Insider blickt zurück auf die letzten Jahre der DDR

Manche sehen den Fall der Berliner Mauer als performatives Ergebnis der Maulwurfsarbeit der Künstler der DDR. Dem stimme ich nicht zu. Revolutionärer Eifer, die DDR offener und ihre Grenzen durchlässiger zu gestalten, war nur bei den wenigsten festzustellen.

Außerdem vermag Kunst eine Gesellschaft nicht direkt zu verändern, und sie reagiert auch nicht kurzschlüssig auf historische Ereignisse. Gefühle aufladen und Haltungen unterstreichen kann sie aber schon. Etwa 200 Maler, Zeichner, Dichter, Performer, Aktionisten, Super-8-Film-Experimentierer und Rockmusiker, auf der staatsabgewandten Seite nach Freiräumen gierend, standen ein paar tausend Konformisten gegenüber. Wer und warum auf welcher Seite stand, wer die Seiten wechselte und wer aufgab und in den Westen ging - darüber reportieren die Spitzelberichte der Stasi, die die Szenen nicht nur von außen, sondern auch von innen heraus überwachte, was naseweise Außenstehende dazu brachte, das bunte Treiben der Nichtkonformisten von heute aus lediglich als naives Tanzbären- Getue unter Glashausbedingungen anzusehen.

Der Blick der Szene-Protagonisten auf ihr eigenes Leben und das ihrer Freunde spricht eine andere Sprache. 20 Jahre nach dem Mauerfall scheint es nun möglich zu sein, die Aktivitäten der Vertreter dieser anderen DDR, die sich ja keineswegs auf ein Kunst- Getto zurückgezogen hatten, zu Wort kommen zu lassen in Verbindung mit unterschiedlichsten innovativen Strömungen in Fotografie, Kunst und Mode, wie es sie zu DDR-Zeiten auf offizieller und halböffentlicher Ebene gab. Es muss nicht mehr kategorisch moralisch zwischen "angepasst" und "unangepasst" klassifiziert werden. Mehrere Ausstellungen in Berlin, darunter das vorwiegend fotografisch-dokumentarisch ausgerichtete Projekt "Übergangsgesellschaft:

Porträts und Szenen 1980-1990" in der Akademie der Künste, verdeutlichen, dass es Impulse in der inoffiziellen jungen Kunstszene der achtziger Jahre gab, die mit ihrem provokatorischen Potenzial, mal melancholisch, mal spaßbesessen, weit über den Kreis der Eingeweihten hinaus wirkte. Künstler, die bereits zwei, drei Jahrzehnte länger durchs stumpfe Gelände des Sozialismus trotteten, nahmen solche Anstöße begeistert auf, um sich inspirieren und erlösen zu lassen. Der sozialistische Tarnanstrich der DDR bröckelte unaufhaltsam. Jubel-Kunst der DDR hatte eine bleiche Visage. Gerade das reizte die Jungen aller Jahrzehnte, zumindest den Sargdeckel ab und zu zu öffnen und den teuren Toten Frischluft zuzufächeln.

Bereits zur 750-Jahr-Feier Berlins berichteten Westberliner Stadtmagazine euphorisch vom Untergrund in Prenzlauer Berg - und scharenweise pilgerten Schulklassen aus Schwaben und Niedersachsen zwischen Oderberger Straße, Schönhauser- sowie Kastanienallee umher, die Ost-Revolte zu suchen, nur um dann mit hängenden Schultern an Konnopkes Currywurstbude Ecke Dimitroffstraße zu stranden, weil die Gesuchten sich längst ins Wiener Café verkrümelt oder bereits geschunden nach dem Westen abgesetzt hatten. Wer etwas sehen wollte, musste sich schon in die Ateliers begeben oder wurde direkt eingeladen.

Den Ostlern ging es blendend. Mit 5 Mark (1 Schachtel Karo-Zigaretten, dazu wahlweise 1 Liter Milch, 5 Schrippen, 2 Bockwürste, 1 Schlager-Süßtafel - oder 6 Flaschen Bier) rettete der Lebenskünstler sich über den ganzen Tag. Die Herrscher über die volkseigene Mangelgesellschaft hatten Ostberlin zum Schaufenster der DDR herausgeputzt.

Hier gab es alles, was es sonst nicht gab, außerdem Besuche von Westfreunden auf Tagespassierschein. Dazu die medialen Parallelkräfte - Westfernsehen und ein Mindestmaß an Rockmusik jenseits des Durchschnittsschrotts. Weil die meisten Freunde kein Telefon besaßen, besuchte man sich wechselseitig oder saß in der Keramikwerkstatt von Wilfriede Maaß herum.

Wir lebten in einer Warteschlange unter Abschirmbedingungen. Vieles fehlte. Nur eines war reichlich vorhanden: Zeit. Zeit für das tägliche Basteln an Outfit und Klamotten, zum Schwatzen, Bücherlesen, für das sechsfache Kopieren von Texten per Schreibmaschinendurchschlag mittels Kohlepapier, zum Musikhören und Platten-Überspielen, für Literatur- und Kunstaktionen. Das öffentliche Leben war am schönsten auf Partys in den eigenen vier Wänden. Wenn ich heute etwas vermisse, dann sind es die prämedialen Privatismen im Untergeschoss der realsozialistischen Lebenswelt, wo wir sommers wie winters vor dem schönsten Nachthimmel an der Aufmerksamkeitsverschiebung bastelten.

Seit dem Ende der siebziger Jahre hatte sich ein produktiver Gruppenverbund der Jahrgänge um 1955 entwickelt, keine medienwirksame Reihung von bekannten Namen.

Die Stasi suchte ständig nach Anführern und musste dabei zwangsläufig in die Irre gehen, weil sie nicht verstand, dass sich der Szeneverbund in Clustern und Netzen verbandelte, vielfarbig und komplex, nicht pyramidal. Den einen Off-Schauplatz als etwas genau Lokalisierbares hat es nie gegeben, weder in Ostberlin noch anderswo. Der Prenzlauer Berg ist auch weniger ein Ort als vielmehr ein bestimmtes Verhalten. Insofern beschränkt er sich nicht nur auf Ostberlin und nicht auf die lokale Form des Beweises, auf Kneipen, Selbsthilfegalerien und die Miniauflagen der illegalen Broschüren, kirchlichen, alternativen und künstlerischen Drucksachen sowie Grafik-Lyrik-Unikate.

Erfahrbar war so eine Art Wurzelgeflecht, das in verschiedensten Verzweigungen austrieb.

Die Ereignisse wurden aus der Spontaneität geboren. Freiräume existierten nur dort, wo sie sich der Einzelne gegen die Diktatur der Funktionäre erstritten hatte: in Ostberlin, in der Dresdner Neustadt, in Leipzig-Connewitz im Umfeld von Judy Lybkes Galerie Eigen + Art, in Karl-Marx- Stadt, Jena, Erfurt, Halle, Magdeburg - und in Cottbus, wo der Maler Hans Scheuerecker, rotweingestützt und umgeben von Jazzmusikern, Schauspielern, Dichtern und Grafikdruckern, ständig neue, aberwitzige Projekte zur Herausforderung des rüschenhaften Provinzialismus erfand, im Nach denken über die Zeichen der Subkultur und ihre soziale Dimension im Osten.

Scheuerecker war nie besser als in diesen Sternstunden: ein Vierradantrieb für sein künstlerisches Umfeld, der den alltäglichen Arschlochismus lachend überrollte.

Der sozialismusoffene Messianismus der sechziger Jahre, der die Volker- Braun-Generation noch prägte, hatte sich 20 Jahre später längst erledigt. Dichter und Künstler kalkulierten nüchtern ihr Entfremdungserlebnis ein und brachten es unverstellt zur Sprache oder gossen es in farblodernde Bilder um. In Ostberlin, wo ständig neue Künstler anlandeten, die häufig von den Kunstakademien in Dresden und Leipzig kamen, waren es die Malerinnen und Maler Cornelia Schleime, Uta Hünniger, Christine Schlegel, Gerd Sonntag und Klaus Killisch, die aus den Labyrinthen ausbrachen und das Unausgesprochene aussprechbar machten. Thomas Florschuetz und Wolfram A. Scheffler zogen aus Karl-Marx- Stadt zu. Beide waren Rhythmusmaschinen ihrer Zeit und kantig wie Rollsplitt im Getriebe des Systems. Als sie den Hinterhofparcours ihrer Möglichkeiten abgeschritten hatten, gingen sie zwangsläufig "nach drüben", wie die meisten der Nonkonformisten.

Nach ihnen hatte Klaus Killisch seinen großen Auftritt. Sein "Brennender Mann" war Kult und machte sich seinen eigenen Reim auf den Aberwitz der deutschen Geschichte.

Mit seinen fotografischen Tableaus wurde Florschuetz schnell zu einem Geheimtipp.

Die Schwarzweißfotos zeigten ihn selbst, vor der Kamera agierend, formstark in der offenen Form, enthusiastisch körperbetont, völlig losgelöst vom üblichen Denksozialismus.

Weder die Normen des Sozialistischen Realismus noch der im Westen diskutierte Avantgarde-Begriff Peter Bürgers von 1974 waren damals von Belang.

Avantgarde als Bewegung, die über das Ästhetische hinaus auf radikale gesellschaftliche Veränderung setze? Das interessierte doch nur ein paar westdeutsche Linke, die als Salonbolschewiken auftraten und Honeckers Tugendterror kleinredeten, aber selbst nie in der DDR leben wollten. Im Osten war Nüchternheit im Umgang mit den Verhältnissen angesagt. Wir opponierten gegen die Ordnung im Ordnungsrahmen. Wie im Westen spielten die Aufbrüche in der Malerei eine auf fällige Rolle. Angeregt durch die treibenden Schläge des Punk, wurden mit der Zeit auch die Bildkompositionen expressiver, gesteigert bis zu rotzigen Attacken gegen die Keilrahmen. Mit lässiger Selbstverständlichkeit strippten die Jungen die Alt meister der Dresdner Expressionistengruppe "Brücke".

Unter Einfluss der Schwermuts-Popveteranen Joy Division und Virgin Prunes blieb von den Vorlagen nur das Skelett, über dem der Geist von A. R. Penck waberte, der bereits 1980 die DDR verlassen hatte. Ralf Kerbach, Reinhard Sandner, Michael Freudenberg, Helge Leiberg, Hans J. Schulze und Klaus Hähner-Springmühl übernahmen den Staffelstab mit ekstatischen Bildentwürfen und druckvollen Variationsfinessen.

Kurz vor dem Untergang der DDR hatten die "Autoperforationsartisten" Micha Brendel, Else Gabriel, Rainer Görß und Via Lewandowsky ihre sagenumwobenen Auftritte.

Ihr Interesse an der Nutzung unüblicher Materialien und ihre radikale Abweichung von allen Realismus-Schablonen brachte ihnen den Vorwurf ein, sie wollten sich interessant machen mit Schock- und Ekelprogrammen. Das war ein politischer Vorwurf. Denn "Schmutz-Ästhetik" (auch die von Joseph Beuys) wurde der spätbürgerlichen Dekadenz zugeschrieben, und eifrige Strahlemänner unter den Künstlern galten als Beweis, dass in der sozialistischen Gesellschaft der Frustration jegliche Grundlage entzogen sei. Als Stimulatoren einer emanzipatorischen Gesellschaft traten die "Autoperforationsartisten" an, den Kloakentempel der Macht mit radikalen Ausschmutzungen im Kunst-Get to niederzureißen.

Nach dem Fall der Mauer war Via Lewandowsky der Erste, der auch im Westen Aufmerksamkeit zu binden vermochte - in Kollaboration mit dem Dichter Durs Grünbein und durch seine Teilnahme an der Documenta 9 von 1992.

, 1955 in Leipzig geboren, war in den achtziger Jahren Künstler und Ausstellungsmacher.

Seit 1991 leitet er das Künstlerhaus Bethanien Ausstellungen: "Übergangsgesellschaft: Porträts und Szenen 1980-1990", Akademie der Künste, Berlin, bis 11. Oktober, Begleitheft: 3 Euro, www.adk.de; "Harald Schmitt: Sekunden, die Geschichte wurden. Fotografien vom Ende des Staatssozialismus", Martin-Gropius-Bau, 3. Oktober bis 13. Dezember, www.berliner festspiele.de Literatur:

"In Grenzen frei. Mode, Fotografie, Underground in der DDR 1979-89". Kerber Verlag, 2009; "Ostzeit.

Geschichten aus einem vergangenen Land".

Hatje Cantz Verlag, 2009

Bildunterschrift:

Kurt Buchwald Der 1953 geborene Fotograf hatte in den Siebzigern Kontakt zur Chemnitzer Künstlergruppe Clara Mosch. 1982 kam er nach Ostberlin und beschäftigte sich mit konzeptioneller Fotografie. 1987/88 entstand die Porträtserie "Ein Streifen Tag, ein Streifen Nacht", hier "Georg".

Sven Marquardt Zu DDR-Zeiten fotografierte er die Berliner Subkultur - und ihr ist er bis heute treu geblieben:

Der 1962 geborene Fotograf arbeitet auch als Türsteher im legendären Club Berghain (siehe Porträt Seite 22). Hier ein Bild ohne Titel von 1988.

Klaus Killisch Der 1959 geborene Maler studierte an der Berliner Kunsthochschule und stellte Ende der achtziger Jahre in Judy Lybkes später berühmt gewordener Leipziger Galerie Eigen + Art aus. Sein expressives Gemälde "Brennender Mann" (1989, 195 x 130 cm) war ein Kultbild in der Berliner Szene der Wendezeit.

Den Ostlern ging es blendend.

Mit 5 Mark rettete der Lebenskünstler sich über den ganzen Tag

Maria Sewcz Die 1960 geborene Fotografin arbeitet mit ungewöhnlichen Bildausschnitten, harten Kontrasten und Sinn für das scheinbar unwichtige Detail. Ihre Serie "Ins Auge gefasst" zeigt unter anderem die halb private Ostberliner Kunstszene des Jahres 1985.

Wir lebten abgeschirmt, in einer Warteschleife.

Vieles fehlte, nur eines war reichlich vorhanden: Zeit

Cornelia Schleime Die 1953 geborene Malerin studierte in den siebziger Jahren an der Kunsthochschule in Dresden, ab 1981 hatte sie in der DDR Ausstellungsverbot.

1984 siedelte sie nach Westberlin über, jüngst schrieb sie einen Roman. Hier ein Bild ohne Titel aus dem Jahr 1986 (260 x 180 cm).

Matthias Leupold Seine Arbeiten nennt der 1959 in Berlin geborene Fotokünstler "Szenische Fotografien"; seine Modelle treten im Stadtraum auf wie auf einer Bühne. Hier eine seiner frühen Arbeiten: ein Bild ohne Titel aus dem Jahr 1985.

Thomas Florschuetz Der 1957 in Zwickau geborene Fotograf porträtierte 1986 vier Bekannte aus der Ostberliner Künstlerszene.

Im Uhrzeigersinn von oben rechts: , heute Leiter des Künstlerhauses Bethanien und Autor dieses art-Textes; der Künstler Michael Diller, Linda Göcks und der Lyriker Bert Papenfuß

20 Jahre nach dem Mauerfall ist es möglich, nicht mehr kategorisch "angepasst" und "unangepasst" zu unterscheiden

Den einen Off-Schauplatz hat es nicht gegeben.

Prenzlauer Berg ist eher der Name eines Verhaltens

Roger Melis Der 1940 geborene Sohn des Bildhauers Fritz Melis galt als einer der besten Fotografen der DDR. Er dokumentierte Alltagsszenen, porträtierte Künstler und Dichter und gehörte zu den gefragtesten Modefotografen.

Dieses Bild zeigt die Eröffnung der ersten privaten Modeboutique von Josephine von Krepl in Ostberlin in der Boxhagener Straße im Jahr 1980. Sein Bildband "Paris zu Fuß" war eines der erfolgreichsten Fotobücher der DDR-Zeit. Nach der Wende fotografierte Melis für Zeitungen wie die "Wochenpost" und "Die Zeit", von 1993 bis 2006 war er Lehrer beim Berliner Lette-Verein.

Via Lewandowsky Kurz vor der Wende, im Juni 1989, führt Lewandowsky in Ostberlin die Performance "Trichinen auf Kreuzfahrt" auf. Der 1963 geborene Künstler gehörte zu den "Autoperforationsartisten", die in wilden Aktionen und Auftritten die subversive "Selbstdurchlöcherung" probten. Lewandowsky etablierte sich nach der Wende schnell im Westen, 1992 nahm er an der Documenta IX teil.

Ralf Kerbach Der 1956 geborene Maler studierte in Dresden bei Gerhard Kettner und verließ die DDR 1982. Er gehörte zu den Neuen Wilden des Ostens, mit mitreißend expressiven Bildern wie "Hundefrau" (1986, 210 x 180 cm). Heute ist er Professor für Malerei und Grafik an der HfBK Dresden.

Im Osten war Nüchternheit im Umgang mit den Verhältnissen angesagt: Opposition im Ordnungsrahmen